Was ist Lie­be ei­gent­lich?

Sie macht uns rat­los, blind, ver­rückt – aber oh­ne ist auch blöd! War­um wir uns ver­lie­ben, was wir in der Lie­be su­chen und wor­an wir das wah­re Glück er­ken­nen. Ein klei­ner Gui­de für gro­ße Ge­füh­le

Maxi (Germany) - - Inhalt -

Sie macht uns rat­los, blind, ver­rückt – aber oh­ne ist auch blöd! Ein klei­ner Gui­de für gro­ße Ge­füh­le

Boom! Ei­ne Ex­plo­si­on, ein Fun­ke, ein Feu­er­werk – es gibt so vie­le Um­schrei­bun­gen für den Mo­ment, in dem man sich Hals über Kopf ver­liebt. Wenn in uns al­les durch­dreht, aber die Welt um uns her­um still­steht. Dann fin­den wir in den Au­gen des an­de­ren Halt und den­ken: DU bist es! Ab jetzt und für im­mer. Oh­ne Zwei­fel: Da pas­siert et­was Un­glaub­li­ches mit uns. Doch was ge­nau geht da ei­gent­lich in un­se­rem Kör­per vor sich, wenn plötz­lich al­les auf dem Kopf steht? Ver­liebt­sein be­deu­tet Aus­nah­me­zu­stand – für un­ser Herz, un­se­re See­le, aber vor al­lem für un­ser Ge­hirn. Hier läuft näm­lich al­les auf Hoch­tou­ren, wäh­rend hau­fen­wei­se Do­pa­min pro­du­ziert wird. Das so­ge­nann­te „Glücks­hor­mon“ist da­für ver­ant­wort­lich, dass al­le Ver­lieb­ten re­gel­recht auf Wol­ke sie­ben schwe­ben. Wir sind auf­ge­kratzt, hap­py und kön­nen nur an die­sen ei­nen Men­schen den­ken. „Was uns so ver­rückt macht, ist ganz ein­fach zu er­klä­ren: Das Do­pa­min ak­ti­viert das Be­loh­nungs­sys­tem im Ge­hirn und stellt Ver­knüp­fun­gen zwi­schen dem Glücks­ge­fühl und un­se­rer Wahr­neh­mung her“, weiß Prof. Dr. Andreas Bar­tels von der Uni Tü­bin­gen, der sich der Er­for­schung der Lie­be wid­met. Wir ver­bin­den al­so mit al­lem, was den Part­ner aus­macht, ein gu­tes Ge­fühl: Aus­se­hen, Ge­ruch, Stim­me, Be­rüh­run­gen … Und wenn uns al­lein die Stim­me un­se­res Liebs­ten in ei­nen pu­ren Glücks­zu­stand ver­set­zen kann, ist es ja wohl nur lo­gisch, dass wir ihn auch gern sechs­mal am Tag an­ru­fen, um zu fra­gen, wie es ihm geht. süch­tig nach DEM lie­bes­rausch Man könn­te al­so sa­gen, dass wir süch­tig nach die­sem Men­schen wer­den – süch­tig nach dem Ge­fühl, das er in uns aus­löst. Denn un­ser Ver­lan­gen nach Lie­be ist qua­si die reins­te Form der Ab­hän­gig­keit, ein na­tür­li­cher Dro­gen­rausch so­zu­sa­gen. „In un­se­rem Hirn lau­fen beim Ver­lie­ben Mecha­nis­men ab, die für Bin­dung und Nä­he zu­stän­dig sind. Uns um­gibt ei­ne woh­li­ge Wär­me, von der wir nicht ge­nug be­kom­men kön­nen. Je­de Dro­gen­sucht ba­siert auf die­sem Mecha­nis­mus und ist da­her nicht mehr als ei­ne bil­li­ge Ko­pie des na­tür­li­chen Lie­bes­tau­mels“, so Bar­tels. Doch es gibt et­was ganz Ent­schei­den­des, das den Jun­kie im­mer vom Lo­ve­bird un­ter­schei­den wird: „Er wird selbst auf dem bes­ten Trip nie so er­füllt und aus­ge­gli­chen sein wie ein Lie­ben­der in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung.“ AUF DER SU­CHE nach DEM rich­ti­gen Aber wie­so ver­set­zen uns man­che Men­schen in die­sen ab­so­lu­ten Rausch­zu­stand und an­de­re nicht? Was ent­schei­det dar­über, in wen wir uns ver­lie­ben? Ist es ei­ne spi­ri­tu­el­le Ener­gie, rei­ne Che­mie oder so­gar vor­her­be­stimmt? Nicht um­sonst hat sich die Idee der See­len­ver­wandt­schaft ziem­lich hart­nä­ckig in un­se­ren Köp­fen fest­ge­brannt. Es liegt an Lie­bes­ge­schich­ten wie der von Ro­meo und Ju­lia so­wie an et­li­chen Schnul­zen à la „Wie ein ein­zi­ger Tag“, dass wir al­le wie ver­rückt auf der Su­che sind nach die­sem ei­nen Men­schen. Schon in der An­ti­ke hat­te man die Theo­rie des Ku­gel­men­schen, der durch Zeus in zwei Hälf­ten zer­teilt wur­de. Seit­dem ist je­der auf der Su­che nach sei­ner zwei­ten See­le, weil er nur so voll­kom­men sein kann. Na, herz­li­chen Dank auch – das War­ten auf die­ses le­bens­ver­än­dern­de Er­eig­nis macht das gan­ze Lie­be­scha­os ja nicht gera­de leich­ter … „Der Grund da­für, wie­so wir uns in je­man­den ver­lie­ben, wird plötz­lich zu

et­was Ma­gi­schem. Doch es könn­te auch ein­fach ei­ne ähn­li­che Idee vom Le­ben sein, die zwei in­ein­an­der ver­liebt macht“, sagt der Phi­lo­soph Dr. Yves Boss­art. „Wo­bei ich auch eher an ein me­ta­phy­si­sches Ge­fühl glau­be, das sich nicht aus­drü­cken lässt.“Al­so ver­bin­det uns nun eher die­sel­be po­li­ti­sche Ein­stel­lung oder doch et­was Spi­ri­tu­el­les? Die Na­tur­wis­sen­schaft macht sich die Ant­wort leich­ter. Ihr zu­fol­ge ste­hen wir näm­lich im­mer auf die Men­schen, die un­se­ren El­tern ex­trem ähn­lich sind.

al­les tei­len – nicht nur son­ni­ge Mo­men­te

Gleicht der Herz­al­ler­liebs­te al­so nun un­se­rem Pa­pa oder ver­bin­det uns ei­ne be­son­de­re Ener­gie mit ihm? Wen küm­mert das schon – ha­ben wir erst un­ser Herz an ihn ver­schenkt, ist er so­wie­so der Schöns­te, Bes­te und Tolls­te über­haupt. Dass wir par­tout kei­ne Feh­ler an ihm fin­den kön­nen, lässt sich so­gar bio­lo­gisch er­klä­ren: „Bei Ver­lieb­ten wer­den die Hirn­area­le un­ter­drückt, die mit kri­ti­schem Ur­teil zu tun ha­ben. Wir wer­den qua­si blind vor Lie­be und fin­den die­sen Men­schen ein­fach nur su­per“, sagt Neu­ro­lo­ge Bar­tels. Doch auch, wenn die ers­te Eu­pho­rie ver­flo­gen ist, wür­de man den Part­ner um nichts in der Welt ein­tau­schen – auch nicht ge­gen ei­nen, der bes­se­re Ei­gen­schaf­ten hat. Wie­so nur? „Weil ei­nen die ge­mein­sa­me Ge­schich­te ver­bin­det“, so Boss­art. Die­ses Band kann aber nur ent­ste­hen, wenn wir be­reit sind, prä­gen­de Er­leb­nis­se mit­ein­an­der zu tei­len. Wir soll­ten uns al­so fra­gen: Möch­te ich mit die­ser Per­son mein Le­ben ver­brin­gen? „Denn wah­re und glück­li­che Lie­be hängt mit der Vor­stel­lung zu­sam­men, ei­nen ge­mein­sa­men Weg zu ge­hen: zu­sam­men woh­nen, es­sen, strei­ten, wei­nen, Ur­laub ma­chen, Kin­der be­kom­men und Er­fol­ge fei­ern – wenn man all das mit die­ser Per­son er­le­ben möch­te, dann ist es Lie­be“, er­klärt Boss­art. Denn die be­inhal­tet eben nicht nur son­ni­ge Mo­men­te, son­dern auch je­ne, in de­nen man lei­det, krank ist und Schwä­che zeigt. Wenn wir un­schö­ne Din­ge mit ei­nem Men­schen tei­len und in sei­ne See­le schau­en dür­fen, macht ihn das be­son­ders für uns. Doch ge­nau da­vor ha­ben vie­le ver­dammt gro­ße Angst. Sig­mund Freud hat ein­mal ge­sagt: Nie­mals sind wir un­ge­schütz­ter, als wenn wir lie­ben. Wer sich öff­net, geht ein Ri­si­ko ein, denn er macht sich ver­letz­lich und in ge­wis­ser Wei­se ab­hän­gig. Das passt uns gar nicht in den Kram, denn nach un­se­rer heu­ti­gen Idee von Op­ti­mie­rung und Un­ab­hän­gig­keit möch­ten wir un­ser Le­ben selbst im Griff ha­ben. Doch Lie­be be­deu­tet Kon­troll­ver­lust, sie funk­tio­niert nur so: ganz oder gar nicht. Lie­be auf Spar­flam­me gibt es nicht. Eben die­se Bin­dung an je­man­den kann gera­de in der Ge­ne­ra­ti­on Y zu aku­tem Herz­ra­sen und Schweiß­aus­brü­chen füh­ren, weil vie­le das Ge­fühl be­kom­men, dass die Lie­be ei­nen un­frei ma­chen wür­de. „Doch wenn wir sie rich­tig ver­ste­hen, schenkt sie uns so­gar Au­to­no­mie. Weil wir in ihr un­se­re größ­ten Sehn­süch­te und Be­dürf­nis­se aus­le­ben. Ei­ne Be­zie­hung ist da­her et­was, was im­mer Sinn stif­tet. Ich wür­de so­gar sa­gen, dass Lie­be der Sinn un­se­res Le­bens ist“, so Boss­art.

ge­bor­gen – oder trä­ge?

In­so­fern bin­det sie uns zwar an ei­nen Men­schen, aber be­freit uns auch von al­len Din­gen, die wir ei­gent­lich we­ni­ger stark wol­len, als lie­ben und ge­liebt zu wer­den. Et­wa wenn wir sa­gen, dass der Job, Freun­de oder ei­ne Sport­art das Wich­tigs­te für uns wä­ren. Denn im Grun­de geht es dar­um, je­man­den an sei­ner Seite zu ha­ben, der ei­nen kennt und bei dem man so sein kann, wie man ist. Dann fin­den wir in der Lie­be, wo­nach wir al­le su­chen: Ge­bor­gen­heit, Ver­ständ­nis, Si­cher­heit und Halt. Wir kön­nen uns in die­ses Ge­fühl fal­len las­sen wie in die star­ken Ar­me un­se­res Part­ners. Doch Ach­tung! „Die Lie­be hat den Nach­teil, dass sie uns da­zu ver­führt, ste­hen zu blei­ben und in Ge­wohn­hei­ten fest­zu­hän­gen, weil man weiß, dass man auf der si­che­ren Seite ist“, er­klärt Boss­art. Man geht im­mer zum sel­ben Ita­lie­ner an der Ecke, kennt sich ge­gen­sei­tig nur noch in Jog­ging­ho­se und hat schon ewig kein Buch mehr ge­le­sen. Ganz schlimm ist es, wenn man sich selbst und auch als Paar nicht mehr wei­ter­ent­wi­ckelt – und nein, ei­ne neue Net­flix-serie ist kei­ne Wei­ter­ent­wick­lung. Das gilt üb­ri­gens eben­falls in punc­to Lei­den­schaft. „Am An­fang be­geh­ren wir die an­de­re Per­son, wol­len sie um­schlin­gen und nie mehr los­las­sen. Man sieht das gan­ze Glück des Le­bens in der Be­rüh­rung der an­de­ren Per­son. Mit der Zeit lässt das nach, aber in ei­ner ge­sun­den Be­zie­hung ent­flammt das Feu­er im­mer wie­der neu – nur manch­mal brau­chen wir da­für eben ein Feu­er­zeug“, so Boss­art.

die lie­be ist Mehr als nur ein Zau­ber

Ge­ne­rell soll­ten wir Durst­stre­cken mu­ti­ger an­ge­hen und uns in schwie­ri­gen Zei­ten nicht di­rekt ab­wen­den. Lie­be heißt: Hand in Hand am Strand dem Son­nen­un­ter­gang zu­zu­se­hen, aber auch, mit den Fü­ßen fest im Sand zu ste­hen, wenn uns ei­ne stei­fe Bri­se zum Wan­ken bringt. Der Phi­lo­soph Wil­helm Schmidt schreibt in sei­nem Buch „Die Lie­be neu er­fin­den“so­gar, dass un­se­re ro­man­ti­sche Vor­stel­lung ei­ne ra­di­ka­le Ve­rän­de­rung nö­tig hat, um der heu­ti­gen Zeit zu ent­spre­chen. Ganz ein­fach, weil Lie­be an­stren­gend sein kann. Man muss Kom­pro­mis­se fin­den, Din­ge aus­hal­ten, Ver­let­zun­gen in Kauf neh­men und fragt sich un­wei­ger­lich: Ist es wirk­lich das, was ich möch­te? Herr­gott, ja. GE­NAU DAS ist die Lie­be! Sie hat Son­nen­und Schat­ten­sei­ten wie al­les im Le­ben. Doch das ha­ben wir durch die Glücks­dik­ta­tur fast ver­ges­sen und ren­nen bei un­se­rer Mis­si­on Hap­pi­ness oft in die fal­sche Rich­tung. Wir set­zen auf Stär­ke und Un­fehl­bar­keit. „Aber gera­de in der Lie­be geht es um Ehr­lich­keit und Ver­letz­lich­keit – nur so ge­winnt sie an Tie­fe. Sie muss auch weh­tun kön­nen und an­stren­gend sein dür­fen“, so Boss­art. Nur so wis­sen wir zu schät­zen, wie glück­lich sie uns in den fun­keln­den Mo­men­ten macht. „Ich bin über­zeugt, dass es sich lohnt, in die Lie­be zu in­ves­tie­ren. Man muss sich nur trau­en.“Gera­de weil sie das schil­lernds­te Glück und der dun­kels­te Fluch zu­gleich sein kann, brau­chen wir Mut, um uns auf sie ein­zu­las­sen. Aber mal ehr­lich: Ist der Rausch der Lie­be nicht je­des Ri­si­ko wert?!

War­um ver­lie­ben wir uns? Ha­ben wir wirk­lich al­le ei­nen See­len­ver­wand­ten? Oder steu­ert der Zu­fall un­se­re Ge­füh­le?

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