Mein Job ist nur ein Job

„Do What You Lo­ve!“, „Le­be dei­nen Traum!“– schön und gut, aber: Geht das über­haupt bei je­dem von uns? Vom spa­gat zwi­schen Geld und Glück. Und war­um Lei­den­schaft im Job nicht im­mer die größ­te Hil­fe ist

Maxi (Germany) - - Inhalt - Text kers­tin teu­ber

Na und? Vom Spa­gat zwi­schen Geld und Glück

Und was machst du so?“Ir­gend­wann ist es in je­dem Small Talk so weit. Die gro­ße Job­fra­ge rollt an. Jetzt soll­te man na­tür­lich ei­ne me­gas­e­xy Ant­wort pa­rat ha­ben – Men­schen­rechts­an­wäl­tin, Opern­sän­ge­rin oder Kli­ma­for­sche­rin wä­ren gut. Jobs, für die man rich­tig bren­nen kann. Und die im bes­ten Fall die Welt ver­än­dern. Al­les dar­un­ter ist schlicht zu … nor­mal. Und zieht mit­lei­di­ge Bli­cke nach sich, denn ein Be­ruf wie Steu­er­fach­an­ge­stell­te oder Sprech­stun­den­hil­fe kann ja un­mög­lich Er­fül­lung brin­gen, oder? Das sind eben Jobs. Die macht man, um Geld zu ver­die­nen. Wä­re auch nicht wei­ter wild, wenn uns nicht stän­dig sug­ge­riert wür­de, wir müss­ten to­tal auf­ge­hen in un­se­rem Job. Tun wir das nicht – selbst schuld! „Do What You Lo­ve!“, hallt es uns von Ins­ta­gram, Face­book, Blogs ent­ge­gen … Ma­chen wir ja auch, kei­ne Sor­ge! Nur eben nicht in der Zeit von 9 bis 17 Uhr.

Die ide­al­vor­stel­lung: für Sein hob­by be­zahlt wer­den Wie wir über­haupt dar­auf kom­men, dass ein Job im­mer die ul­ti­ma­ti­ve Er­fül­lung brin­gen muss? Weil uns Fuß­ball­spie­ler, Blog­ger, Schau­spie­ler, Mu­si­ker oder In­flu­en­cer sehn­süch­tig ma­chen. Die füh­ren uns näm­lich vor Au­gen, dass man mit sei­ner Lei­den­schaft Koh­le schef­feln kann. So­gar ei­ne Men­ge da­von. Und manch­mal muss man noch nicht mal viel da­für tun, son­dern ein­fach nur be­reit sein, sein Le­ben bis auf den letz­ten Win­kel me­di­en- wirk­sam aus­zu­schlach­ten. Klar, klei­ne Mäd­chen wol­len heu­te na­tür­lich im­mer noch Tier­ärz­tin oder As­tro­nau­tin wer­den. Aber eben auch ge­nau­so gern Kim Kar­da­shi­an. Kaum ei­ner von uns hät­te wohl frü­her un­ter dem Punkt „Spä­ter wer­de ich mal“Buch­hal­te­rin, Bank­kauf­frau oder Kran­ken­schwes­ter in ein Poe­sie-al­bum ge­schrie­ben. Vie­le von uns sind es trotz­dem ge­wor­den. Und jetzt? Ent­span­nen wir uns al­le mal. Denn: Wer die to­ta­le Selbst­ver­wirk­li­chung in ei­nem Job sucht, wird ir­gend­wann an den Punkt der Er­nüch­te­rung kom­men.

Der grösste feind Der lei­den­schaft: rou­ti­ne Das meint auch Au­tor Vol­ker Kitz, der in sei­nem Buch „Fei­er­abend! War­um man für sei­nen Job nicht bren­nen muss“für ei­nen prag­ma­ti­sche­ren, ehr­li­che­ren Um­gang mit dem ei­ge­nen Job plä­diert. Er meint: „Wir dür­fen nicht ,Le­ben‘ und ,Ar­beits­le­ben‘ gleich­set­zen.“Klar, das klingt erst mal spie­ßig in un­se­rer Start-up- und Ich-schmeiß-al­les-hin-und-mach-mein­ei­ge­nes-ca­fé-auf-ge­sell­schaft, aber es ist auch sehr be­frei­end. Denn wenn wir uns nicht im­mer wie­der mit dem Ge­dan­ken rum­pla­gen, dass wir doch ei­gent­lich viel er­füll­ter sein soll­ten, wäh­rend wir je­den Tag bei der Ar­beit Zet­tel ab­hef­ten oder Ta­bel­len in die Tas­ten hau­en, be­frei­en wir uns von un­rea­lis­ti­schen Idea­len und auch von ei­ner Men­ge Druck. Sonst fan­gen wir ganz schnell an, un­ser Le­ben zu zer­fa­sern: War­um ma­che ich über­haupt die­sen Job, der mir we­nig Spaß macht? Soll­te ich nicht schleu­nigst weg? Aber traue ich mich das? Ein­fach al­les hin­schmei­ßen? Da gibt’s ja Rech­nun­gen, Haus, Fa­mi­lie … Klar, die­ses Ge­dan­ken­ka­rus­sell kann uns zu Hö­hen­flü­gen be­flü­geln: da­zu, dass wir wirk­lich was an un­se­rer Si­tua­ti­on än­dern. Uns ei­nen neu­en Job su­chen. Oder uns selbst­stän­dig ma­chen. Aber: Das Kopf­ki­no kann uns auch un­glück­lich ma­chen, weil wir be­gin­nen, an uns selbst zu (ver-) zwei­feln. Und in un­se­ren Ge­dan­ken al­les noch schwär­zer zu ma­len. Die größ­ten Fein­de, die wir vor Au­gen ha­ben: Rou­ti­ne. All­tag. Ge­wohn­heit. Die­se Fein­de sind nicht gut, weil sie Krea­ti­vi­tät kil­len und uns trä­ge ma­chen. So­weit das Vor­ur­teil. Aber was wir da­bei ver­ges­sen: „Je­de Ar­beit wird ir­gend­wann zur Rou­ti­ne“, so Vol­ker Kitz. Auch Mu­si­ker sin­gen auf Kon­zer­ten die­sel­ben Songs, Buch­au­to­ren ver­brin­gen den Groß­teil des Ta­ges mit Schrei­ben und Ver­wer­fen und Pro­fi­sport­ler wech­seln auch nicht zwi­schen­durch ih­re Dis­zi­plin. Wie­so? Weil Rou­ti­ne uns eben auch bes­ser in dem macht, was wir tun. Sie gibt uns Si­cher­heit und stärkt un­ser Kön­nen.

er­war­tungs­druck kommt von al­len Sei­ten Aber: Un­ser ei­ge­ner Er­war­tungs­druck ist nur ein Fak­tor, der uns un­zu­frie­den ma­chen kann. Eben­so kön­nen dar­an die Ver­spre­chen von po­ten­zi­el­len Ar­beit­ge­bern schuld sein. Stel­len­aus­schrei­bun­gen schmü­cken an­ge­bo­te­ne Jobs bis zum

An­schlag aus. Im Ge­gen­zug ist die Lis­te der An­for­de­run­gen an uns als Be­wer­ber aber auch so lang, dass man für ei­nen Aus­hilfs­job bei Mc­do­nald’s ge­fühlt ein ab­ge­schlos­se­nes Ju­ra­stu­di­um und am bes­ten noch ei­ne Ani­ma­teur­aus­bil­dung braucht. Und na­tür­lich ver­spre­chen al­le Jobs die ul­ti­ma­ti­ve Er­fül­lung, rie­si­gen Spaß, grandiose Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten und ein su­per­du­per Team. Dass das un­mög­lich ist, ist klar. Aber wir: Sol­len je­den Job mit der Lei­den­schaft und dem En­ga­ge­ment ei­nes Ma­na­gers aus­füh­ren. Nur für et­was we­ni­ger Be­zah­lung, ver­steht sich.

Die rea­li­tät sieht ro­sig ge­nug aus! Da­bei müs­sen wir die Wirk­lich­keit gar nicht auf Krampf schön­fär­ben, denn: Die meis­ten von uns ma­chen ih­ren Job gern und sind da­mit zu­frie­den. Ist doch su­per! Denn das be­deu­tet, dass wir durch­aus wis­sen, dass Ar­beit eben nur ein Teil un­se­res Le­bens ist und un­ser Glück aus vie­len ver­schie­de­nen Puz­zle­tei­len be­steht: aus Fa­mi­lie, Part­ner, Freun­den und Hob­bys. Klar, auch un­ser Job trägt zu un­se­rem Wohl­ge­fühl bei: in­dem er uns das Geld ein­bringt, das wir brau­chen, um den All­tag zu fi­nan­zie­ren. Mehr muss Ar­beit in ers­ter Li­nie gar nicht er­fül­len. Des­halb ist es auch Un­sinn, wenn uns ein­ge­re­det wird, mit uns stim­me et­was nicht, wenn wir in un­se­rem Be­ruf nicht un­se­re Be­ru­fung se­hen. Au­ßer­dem – mal ganz ehr­lich: Es sind eben die Jobs, die nicht den größ­ten Gla­mour­fak­tor be­sit­zen, die un­se­re Ge­sell­schaft am Lau­fen hal­ten. Na­tür­lich könn­ten wir heu­te al­le De­si­gne­rin, Zir­kus­ar­tis­tin oder Ra­dio­mo­de­ra­to­rin wer­den, kei­ne Fra­ge. Aber: Oh­ne Lohn­buch­hal­ter be­kä­men wir kein Ge­halt, oh­ne Bus­fah­rer wür­den wir nicht mal zur Ar­beit kom­men und oh­ne Ver­käu­fer wär’s auch nix mit Kohl­ra­bi vom Markt oder Kau­gum­mi vom Ki­osk.

war­um lei­den­schaft nicht im­mer Die lö­sung ist Am wich­tigs­ten ist aber: Wir müs­sen uns nicht zu hun­dert Pro­zent mit un­se­rer Ar­beit iden­ti­fi­zie­ren. Das ist eben­falls ei­ne Flau­se, die uns so­zia­le Me­di­en und über­mo­ti­vier­te Chefs in den Kopf set­zen möch­ten. Vol­ker Kitz meint da­zu: „Rechts­an­wäl­te be­her­zi­gen die Re­gel, sich in ei­ner wich­ti­gen An­ge­le­gen­heit nicht selbst zu ver­tre­ten. Ärz­te ope­rie­ren un­gern An­ge­hö­ri­ge. Der Grund: zu viel Lei­den­schaft, weil man be­trof­fen ist, weil die Dis­tanz fehlt. Ein nüch­ter­ner Kopf lie­fert bes­se­re Er­geb­nis­se.“Für gu­te Ar­beit brau­chen wir näm­lich vor al­lem Be­son­nen­heit und De­tail-ge­nau­ig­keit – Lei­den­schaft kann uns da in die Que­re kom­men. Der Ex­per­te fasst es in ei­nem Satz zu­sam­men: „Lei­den­schaft ver­sucht mit schö­nen Flos­keln dar­über hin­weg­zu­täu­schen, dass gu­te Ar­beit aus un­gla­mou­rö­sen Zu­ta­ten be­steht.“

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