„Das Le­ben ist ein kras­ses Wun­der“

Poe­try-slam­me­rin Ju­lia En­gel­mann über ma­gi­sche Mo­men­te und klei­ne Le­bens­kri­sen

Maxi (Germany) - - Inhalt - In­ter­view Chris­ti­na Li­bu­da

Dein ak­tu­el­les Pro­gramm han­delt von der Quar­ter­li­feC­ri­sis. Hat sie dich er­wischt? Ju­lia En­gel­mann: Ja, mehr oder we­ni­ger. Ich ha­be im­mer mal wie­der ein la­ten­tes Kri­sen­ge­fühl. Ein in­ne­rer Win­ter, der sich mit an­de­ren Jah­res­zei­ten ab­wech­selt. Da­her ist das für mich nichts Neu­es. Was sich viel­mehr ver­än­dert hat, ist, dass ich nicht mehr jung bin. Plötz­lich ist man er­wach­sen. Es gibt Leu­te, die 2000 ge­bo­ren wur­den und schon ei­nen Füh­rer­schein ha­ben, das kommt mir ab­surd vor, weil ich doch selbst noch nicht so alt bin. In­wie­fern ver­än­dert sich da­durch der Blick auf das Le­ben? Ich den­ke zu­neh­mend, dass das Le­ben nicht das ist, was ich ma­che, son­dern das, wie ich dar­über den­ke und wie ich es wahr­neh­me. Und ich neh­me das Le­ben als fra­gi­ler wahr. Ich le­be be­wuss­ter. Das Le­ben ist ein­fach ein kras­ses Ge­schenk und ein ab­sur­des Wun- der, bei dem ich da­bei sein darf. Je mehr ich da­hin­ter­kom­me, des­to häu­fi­ger den­ke ich: Oh nein, ich will nicht, dass es vor­bei geht! Ich will je­den Mo­ment in mir auf­sau­gen und nur schö­ne Mo­men­te er­le­ben. Soll­te un­se­re Ge­ne­ra­ti­on ler­nen, Mo­men­te be­wuss­ter wahr­zu­neh­men? Ja, auf je­den Fall. Al­ler­dings weiß ich nicht, ob das ei­ne Ge­ne­ra­ti­ons­fra­ge ist. Ich wür­de sa­gen, dass wir uns al­le zu oft auf das Ziel kon­zen­trie­ren statt auf den Weg. In die­ser Me­ta­pher liegt so viel Wah­res. Aber wir kön­nen al­le ler­nen, den Mo­ment be­wuss­ter zu er­le­ben. Ich ha­be es ja auch ge­schafft. Ich neh­me mir jetzt Zeit, in der ich off­line bin und mir Ge­dan­ken auf­schrei­be. Ich le­ge auch bei Ge­sprä­chen das Han­dy weg – das ist ei­ne gu­te Übung, um ganz in der Si­tua­ti­on zu sein und nicht auf Ins­ta­gram & Co. Stich­wort Ins­ta­gram. Sind wir ei­nem Selbst­op­ti­mie­rungs­wahn ver­fal­len, weil al­les per­fekt sein muss, wie durch ei­nen Fil­ter? Ich weiß nicht … Ich ha­be ganz vie­le Mo­men­te in mei­ner Er­in­ne­rung, in de­nen al­les ein­fach nur okay war und ich ver­gaß, ir­gend­wel­che Maß­stä­be an­zu­le­gen. Den­noch oder ge­nau des­we­gen sind es be­son­de­re Au­gen­bli­cke ge­wor­den, auf die ich gern zu­rück­bli­cke. Auf der an­de­ren Sei­te gibt es die Quan­ti­fied-self-be­we­gung, in der es al­lein dar­um geht, sich selbst in Zah­len zu mes­sen und zu ver­bes­sern. Das kann zum Wahn wer­den. Wo­bei man auch zu­ge­ben muss, dass wir uns al­le op­ti­mie­ren. Ich ma­che Yo­ga, schla­fe viel, es­se ge­sund … Das ist ja auch ei­ne Form von Op­ti­mie­rung – aber im po­si­ti­ven Sin­ne. Und die muss dann auch noch er­fül­lend sein – wird un­se­re Su­che nach Glück zum Fluch? Wie gut geht es uns bit­te, dass wir uns über­haupt mit der Glücks­fra­ge aus­ein­an­der­set­zen kön­nen? Des­we­gen ist die Su­che da­nach zu ei­ner ech­ten Auf­ga­be ge­wor­den. Wir zwei­feln viel und hin­ter­fra­gen al­les, statt es gut sein zu las­sen. So be­kommt man Pa­nik, nicht das ul­ti­ma­ti­ve Glück zu er­le­ben. Da­bei schlie­ßen sich Zwei­fel und Glück ja über­haupt nicht aus. Aber wie­so wirkt das manch­mal so? Weil Men­schen zu schnell zu ver­un­si­chert sind. Da muss man sich fra­gen: Wie hoch sind mei­ne Er­war­tun­gen und An­sprü­che und wie viel Angst ha­be ich da­vor, dass sich nicht al­les an­fühlt wie Feu­er­werk? Denn das kann es nicht! Da bin ich wie­der bei den in­ne­ren Jah­res­zei­ten. Ich den­ke, dass sich auch Ge­füh­le ab­wech­seln müs­sen. Trau­ri­ge Zei­ten ge­hö­ren eben­so da­zu wie glück­li­che. Vie­le knüp­fen Glück an gro­ße Zie­le – aber we­ni­ge er­rei­chen sie. Woran liegt das? Das ken­ne ich von mir – ich kom­me auch öf­ter mal nicht aus dem Quark. Der Mensch neigt da­zu, den Weg des ge­rings­ten Wi­der­stands zu ge­hen. Die Fra­ge ist auch, wie sehr man et­was will. Ich den­ke, dass vie­le Men­schen ein­fach sa­gen, dass sie von et­was träu­men, weil sie das Ge­fühl ha­ben, dass es jetzt rich­tig wä­re. Aber sie emp­fin­den es gar nicht so. Zum Bei­spiel wenn sie sa­gen: Ich will He­ad of Ir­gend­was wer­den, aber sich in ih­rer jet­zi­gen An­stel­lung ei­gent­lich pu­del­wohl füh­len. Dann ist es wie­der­um auch nicht ver­wun­der­lich, wenn die­se Zie­le nicht er­reicht und Träu­me nicht wahr wer­den. Weil sie nicht echt sind. Und ich ken­ne vie­le, die nicht von gro­ßen Kar­rie­ren träu­men, son­dern sich nach dem Ge­gen­teil seh­nen. Ei­nem nor­ma­len Le­ben mit klei­nen Träum­chen: et­was mehr Geld, hier und da ein Fes­ti­val,

ein Mu­sik­in­stru­ment spie­len kön­nen und sich öf­ter mal die gu­te Piz­za gön­nen kön­nen. Viel­leicht sind die klei­nen Wün­sche ja auch die ech­te­ren. Du sagst, der Mensch geht den Weg des ge­rings­ten Wi­der­stands. Gel­ten wir dar­um als be­zie­hungs­un­fä­hig? Weil wir ab­bre­chen, so­bald es kom­pli­ziert wird? Viel­leicht soll­te man sich hier nicht auf das Ab­bre­chen, son­dern auf das Neu­an­fan­gen kon­zen­trie­ren. Ich emp­fin­de in mir oft ein Neu­start-ge­fühl und ha­be ein Ver­lan­gen da­nach, Din­ge neu zu den­ken und zu ma­chen. Ich se­he das Pro­blem für Be­zie­hun­gen eher in den Tag­träu­men, die wir heu­te ha­ben. Der Ge­dan­ke dar­an, dass man ei­gent­lich al­le Mög­lich­kei­ten hat und nicht hier sit­zen müss­te, son­dern auch mit je­mand an­de­rem in Pa­ris grü­ne Smoot­hies schlür­fen könn­te, bringt ei­ne Un­ru­he mit sich. Man muss sich auf das Hier und Jetzt fest­le­gen und darf sich nicht ver­un­si­chern las­sen. Das klingt so ein­fach – aber wie be­kom­men wir das hin? Ich glau­be, der Schlüs­sel da­für liegt in der Nä­he zum ei­ge­nen Ich. Sich selbst un­ge­fil­tert an­zu­schau­en kann be­ängs­ti­gend sein. Erst wenn wir mit uns selbst glück­lich sind, kön­nen wir das aber mit je­man­dem tei­len. Mit ei­nem an­de­ren Men­schen in ech­te Nä­he ein­zu­tau­chen, ist oft nicht das High-school-mu­si­cal-ge­fühl, das man sich er­hoff­te. Es kann auch hart sein. Aber ge­nau das ist Nä­he. In dem Mo­ment, in dem ich das er­ken­ne, bin ich auch nicht mehr pa­nisch. Wenn man weiß, was im Le­ben wirk­lich zählt, er­kennt man viel­leicht end­lich, dass das Hier und Jetzt schon un­glaub­lich schön ist. Viel­leicht macht ge­nau das vie­len Angst: zu er­ken­nen, dass man schon an­ge­kom­men ist. Ich weiß nicht. Ich den­ke, dass sich je­der nach ei­ner Be­zie­hung und nach Halt sehnt – und dass je­der ge­liebt und ver­stan­den wer­den möch­te. Und die­se gro­ße Sehn­sucht er­zeugt zu­gleich ei­ne enor­me Fall­hö­he. Was, wenn ich je­man­den rich­tig nah an mich her­an­las­se und er dann sagt: „Oh nee, jetzt, wo ich dich ken­ne, fin­de ich dich ko­misch und möch­te ge­hen.“Das ist das, was Angst macht! Die Ver­letz­lich­keit. Des­we­gen ist je­de Be­zie­hung auch et­was Kost­ba­res, weil sie auf gro­ßem Ver­trau­en be­ruht – wir müs­sen sie nur zu­las­sen.

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