Ma­chen Kin­der wirk­lich glück­lich?

Wel­che Fra­gen man sich stel­len soll­te, um sich rich­tig zu ent­schei­den

Maxi (Germany) - - Inhalt - Text kers­tin teu­ber

Och, sind die süß! Es gibt we­nig, das ent­waff­nen­der ist als ein Ba­by. Es ist un­schul­dig, weich und riecht ver­dammt gut. Und wir? Se­hen so ein klei­nes We­sen und fra­gen uns: Wie wä­re es wohl, selbst eins zu ha­ben? Spä­tes­tens wenn wir ein paar Jah­re in ei­ner fes­ten Be­zie­hung ste­cken oder in un­se­rem Freun­des­kreis die ers­ten Ba­bys zur Welt kom­men, fan­gen auch wir an, uns mit dem The­ma Nach­wuchs aus­ein­an­der­zu­set­zen. Und auch mit der Fra­ge: Wür­de ein Kind mich glück­lich ma­chen? Für man­che Frau­en ist der Fall klar: Ja. Sie ha­ben schon in der Grund­schu­le ge­wusst, dass sie Mama wer­den möch­ten. Und an­de­re wa­ren sich schon im­mer si­cher, dass sie nichts mit Kin­dern an­fan­gen kön­nen. Aber sei­en wir ehr­lich: Der gro­ße Rest – al­so wir – kann sich ein Ba­by mal mehr, mal we­ni­ger vor­stel­len. Denn eins steht fest: Mut­ter zu wer­den ist ei­ne Ent­schei­dung, die man nicht rück­gän­gig ma­chen kann. Das ein­schnei­dends­te Er­leb­nis in un­se­rem Le­ben. Un­se­re Be­zie­hung, un­se­re Freund­schaf­ten, un­ser Job, un­ser Kör­per: Nichts ist da­nach mehr so, wie es war. Und Ve­rän­de­run­gen ma­chen uns Angst. Wes­halb wir die­se Ent­schei­dung gern ver­ta­gen, wenn wir mal wie­der ins Grü­beln kom­men. Mit der Zeit wird das Rum­den­ken na­tür­lich nur kramp­fi­ger, weil wir – oder neu­gie­ri­ge Ver­wand­te und Freun­de – uns fra­gen: Wollt ihr denn nicht mal lang­sam? Me­di­zi­nisch be­trach­tet gilt man ja mit 30 schon als Spät­ge­bä­ren­de. Mit 37 Jah­ren be­trägt die Chan­ce, schwan­ger zu wer­den, durch­schnitt­lich 13 Pro­zent pro Zy­klus. Hört sich an wie ein schlech­ter Witz, wir zah­len doch noch un­ser BAFÖG zu­rück! Und jetzt ein Kind? Wenn wir uns im Freun­des­kreis um­schau­en, se­hen wir Ma­mas, mit de­nen wir bis vor Kur­zem noch bis 1 Uhr nachts an ei­nem Di­ens­tag beim Ita­lie­ner ver­sackt sind, jetzt als mo­bi­le Milch­bar, von Kin­der­spu­cke be­deckt und auf Schlaf­ent­zug. Und kom­men noch mehr ins Ha­dern. Sa­gen wir es so: Ob ein Kind glück­lich macht, hängt von vie­len un­ter­schied­li­chen Fak­to­ren ab. Und ist vor al­lem Typ­sa­che. Kin­der sind Herz­klop­fen, Ver­zweif­lung, Stolz, An­stren­gung, Hor­mon-ach­ter­bahn – ei­ne rie­si­ge Wun­der­tü­te, je­den Tag aufs Neue. So weit der emo­tio­na­le Teil. Die Wis­sen­schaft hat ei­ne sehr nüch­ter­ne Ant­wort auf die Fra­ge, ob Kin­der glück­lich ma­chen: Kommt aufs Al­ter an. Und erst mal be­deu­tet das: nein. Psy­cho­lo­gen der San Die­go Uni­ver­si­ty ha­ben in ei­ner Ver­gleichs­stu­die von 97 Un­ter­su­chun­gen zum The­ma El­tern­schaft her­aus­ge­fun­den, dass El­tern in den ers­ten Le­bens­jah­ren ih­rer Kin­der durch­schnitt­lich un­glück­li­cher sind als Kin­der­lo­se. In der Grund­schul­zeit er­le­ben Paa­re ein Hoch, wäh­rend der Pu­ber­tät ein Tief. Erst wenn die Kin­der aus die­ser Pha­se raus sind, sind El­tern wie­der ge­nau­so glück­lich wie gleich­alt­ri­ge Kin­der­lo­se. Die Glücks­for­sche­rin Mai­ke van den Boom („Wo geht’s

denn hier zum Glück?“) sagt da­zu: „El­tern er­le­ben wäh­rend der Schwan­ger­schaft und kurz nach der Ge­burt ein Eu­pho­rie­hoch. Ein paar Mo­na­te spä­ter kommt die Pa­ren­tal Hap­pi­ness Gap.“Das gro­ße Tief, von dem Kin­der­lo­se ver­schont blei­ben. Schlaf­man­gel und Le­bens­um­stel­lung – Nach­mit­ta­ge auf dem Spiel­platz statt Aben­de mit Freun­den – steckt nicht je­der ein­fach weg. Oder hat eben über­haupt Lust dar­auf. 15 Pro­zent der Frau­en über 50 sind be­wusst kin­der­los, er­mit­tel­te ei­ne Stu­die des In­sti­tuts für de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung in Ros­tock. Als Grün­de nann­ten die Frau­en die Angst vor so­zia­lem Ab­stieg und dass sie nicht mehr selbst­be­stimmt le­ben könn­ten. Und na­tür­lich wird un­ser Glück auch von äu­ße­ren Um­stän­den be­ein­flusst. Denn Er­fül­lung hat auch da­mit zu tun, wie ein­fach es uns ge­macht wird, ein Kind in den All­tag zu in­te­grie­ren. „In Län­dern wie Schwe­den oder Nor­we­gen ha­ben Stu­di­en ge­zeigt, dass El­tern lang an­hal­tend glück­li­cher sind, weil sie sich vom Staat bes­ser un­ter­stützt füh­len. Ih­nen wird das Zu­rück­kom­men in den Job leich­ter ge­macht und es gibt ei­ne fle­xi­ble­re Be­treu­ung“, sagt van den Boom. Da­zu ge­hö­re, dass man von zu Hau­se aus ar­bei­ten und den Nach­mit­tag auch mal mit den Klei­nen ver­brin­gen kann – das Mee­ting fin­det dann eben um 19 Uhr statt, per Te­le­fon. Bei uns ist das an­ders: Wir tren­nen Frei­zeit und Ar­beit strik­ter von­ein­an­der. Laut van den Boom ist das ein ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men: „Wir Deut­schen sind kei­ne sehr kin­der­freund­li­che Ge­sell-schaft“, sagt die Glücks­for­sche­rin. Bei­spiel: Wenn ein Kind im U-bahn-ab­teil quakt, sind wir schon ziem­lich schnell ge­nervt vom Lärm. Na, er­wischt? Durch die­se la­ten­te An­ti­pa­thie stel­len wir uns aber selbst ein Bein. Denn sie er­zeugt Druck für (wer­den­de) Ma­mas: Kin­der krie­gen schön und gut – aber bit­te so, dass die Um­welt mög­lichst we­nig da­von mit­kriegt. Van den Boom: „Vie­le deut­sche Müt­ter nei­gen zum Per­fek­tio­nis­mus. Sport, Schu­le, ge­sun­des Es­sen, da­bei Kar­rie­re ma­chen und bloß kei­ne Mü­dig­keit vor­täu­schen. Bes­ser wä­re: Ge­kauf­te Kek­se zum Ten­nis­tur­nier mit­brin­gen – und lä­chelnd zwi­schen die selbst ge­mach­ten Ge­mü­se-dips stel­len. Al­les an­de­re laugt auf Dau­er näm­lich ganz schön aus und macht un­zu­frie­den.“Wer die­se Un­zu­frie­den­heit meis­tens ab­kriegt? Na, der Mann zu Hau­se na­tür­lich! Der kommt ja auch nölend vom an­stren­gen­den Job nach Hau­se – und schon hat man zwei Kin­der, um die man sich küm­mern muss. Und je­de Men­ge auf­ge­stau­ten Frust. Klar, auf ei­ne Be­zie­hung hat ein Kind den größ­ten Ein­fluss. Da wä­re na­tür­lich ei­ner­seits die­ser wahn­sin­ni­ge Stolz und die Ver­liebt­heit in die klei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie, die man ge­grün­det hat. Dass man die­ses klei­ne We­sen echt zu­sam­men so ver­dammt per­fekt hin­ge­kriegt hat. Dass man für im­mer ver­bun­den ist. Und dass man es ge­mein­sam be­schüt­zen und zu ei­nem noch tol­le­ren Men­schen ma-

win­deln wech­seln ist nichts für je­den: 15 pro­zent der frau­en blei­ben be­wusst kin­der­los. als Grund nann­ten die frau­en die angst vor dem so­zia­len ab­stieg und den ver­lust der selbst­be­stim­mung

chen möch­te. Das schweißt zu­sam­men und hebt ei­ne Be­zie­hung auf ei­ne ganz an­de­re Ebe­ne als die Zwei­sam­keit. Die­ser Hor­mon-cock­tail von Mut­ter Na­tur sorgt schließ­lich auch da­für, dass wir als Mensch­heit nicht aus­ster­ben. Aber Ba­bys ver­än­dern eben auch die Dy­na­mik ei­ner Lie­be nach­hal­tig. Man ist jetzt nicht mehr nur Mann und Frau, son­dern eben Mama und Pa­pa. Und dass Schlaf­man­gel und stän­di­ges Ba­by­ge­schrei an ei­ner Be­zie­hung ru­ckeln, ge­schenkt. Be­zie­hung heißt mit Ba­by eben stre­cken­wei­se auch: ein­fach funk­tio­nie­ren. Au­gen zu und durch, bis die­ses klei­ne We­sen in Wor­te fas­sen kann, was sein Pro­blem ist. Die Ge­fahr da­bei: Dass sich Paa­re so sehr auf ihr Ba­by ein­schie­ßen, dass sie ver­ges­sen, was sie als Paar aus­macht. Dann wer­den Kin­der zur Tar­nung, hin­ter der man sich ver­ste­cken kann, wenn man ei­gent­lich ein tie­fer lie­gen­des Pro­blem hat. Dar­über dis­ku­tie­ren, dass man seit Mo­na­ten kei­nen Sex mehr hat­te? Nee, kei­ne Zeit, der Klei­ne zahnt. Oder sich nicht mehr dar­an er­in­nern kön­nen, wann man dem an­de­ren zu­letzt ein Kom­pli­ment ge­macht hat? Es gibt Wich­ti­ge­res: El­la muss in die Ki­ta. Und was pas­siert ei­gent­lich, wenn ge­nau das Ge­gen­teil ein­tritt? Al­so wenn man fest­stellt, dass man sich eben nicht er­füllt fühlt von ei­nem Kind – oder der Rol­le als Mama? Ist man dann ein schlech­ter Mensch? Ei­ne Ra­ben­mut­ter? Mit die­ser Fra­ge hat sich die is­rae­li­sche Wis­sen­schaft­le­rin Or­na Do­nath in ih­rer Stu­die „Re­g­ret­ting Mo­ther­hood“be­schäf­tigt. Und lös­te da­mit ei­ne rie­si­ge De­bat­te aus. Denn sie traf ei­nen Nerv. Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Stu­die trau­ten sich Frau­en ganz of­fen aus­zu­spre­chen, dass Mut­ter­sein nicht zwin­gend be­rei­chernd ist. Und dass sie viel­leicht an­ders ent­schei­den wür­den, wenn sie noch mal die Wahl hät­ten, ein Kind zu be­kom­men. Die Frau­en in der Stu­die ga­ben an, dass sie sich in ih­rer Mut­ter­rol­le ge­fan­gen fühl­ten. Sie lie­ben ih­re Kin­der, has­sen aber die Rol­le der Mut­ter. Und die da­mit ver­bun­de­nen Er­war­tun­gen, das ei­ge­ne Le­ben und die ei­ge­nen Wün­sche zu­rück­zu­stel­len. Und die­se Er­war­tun­gen sind es auch, die man wirk­lich an­pa­cken muss, wenn man über die Kin­der­fra­ge grü­belt. Ma­chen Kin­der al­so un­glück­lich? Nein! Aber ma­chen Kin­der im­mer glück­lich? Auch nein. Je­den­falls nicht je­den Tag und schon gar nicht rund um die Uhr. Aber: Wer oder was kann das schon? Mai­ke van den Boom bringt es auf den Punkt: „Ein biss­chen Kri­se ist gut, sie sorgt für Gleich­ge­wicht. Wie könn­ten wir sonst das Glück er­ken­nen?“Auch wenn es uns laut­hals ent­ge­gen­schreit.

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