Öf­ter mal grün vor Neid? Macht gar nix. Denn die meist mies ge­mach­te Ei­gen­schaft bringt rich­tig gute Sei­ten in uns her­vor

War­um die­ses klei­ne fie­se piek­sen voll okay ist

Maxi (Germany) - - Inhalt - Text Ali­na Mi­le­wicz

An­de­re se­hen bes­ser Aus, sty­len sich coo­ler und sind Auch noch glück­li­cher Als wir? wie­so wir uns stän­dig ver­glei­chen – und wie uns das wei­ter­bringt

Mschnap­pen on­tag­mor­gen: Der We­cker klin­gelt um 7.30 Uhr. Be­vor wir über­haupt rich­tig wach sind, wir uns das Han­dy und scrol­len mit noch ver­quol­le­nen Au­gen durch un­se­ren Face­book- und Ins­ta­gram-feed. Wir ku­scheln uns in die war­me Bett­de­cke – und dann wird’s lang­sam un­ge­müt­lich: Die ei­ne Freun­din streckt uns auf dem Dis­play schon den Wasch­brett­bauch nach ih­rer Run­de Früh­sport ent­ge­gen (#healthy­li­fe­style) – die an­de­re ih­ren Street­style-blog­ger-look, der so auch in je­dem Fa­shion-ma­ga­zin die­ser Welt ge­fei­ert wer­den wür­de (#out­fitof­t­he­day). Und noch ei­ne be­dankt sich bei ih­ren Freun­din­nen, für den „tol­len Sonn­tag­abend“. Da war näm­lich nichts mit „Tat­ort“-gu­cken auf der Couch und Chips-krü­meln auf dem aus­ge­wa­sche­nen Hoo­die – die coo­len Kids hat­ten ih­ren Tv-abend in der Bar bei Bier und Na­chos (#squad­goals). Toll! Der Tag fängt ja gut an! Denn jetzt schwir­ren uns lau­ter ner­vi­ge Ge­dan­ken im Kopf rum, zum Bei­spiel: War­um schaf­fe ich es ei­gent­lich nie, mor­gens zu jog­gen? Wie­so ist mei­ne Klei­dung so oll? Und wann ge­nau sind mei­ne engs­ten Freun­de ei­gent­lich al­le Stu­ben­ho­cker ge­wor­den? Mo­ment – wir ha­ben uns doch eben noch ent­spannt zu­rück­ge­lehnt und jetzt sind wir auf ein­mal … nei­disch? Wie konn­ten uns ein paar Bil­der bloß so aus der Fas­sung brin­gen?

Ver­glei­che sind der nähr­bo­den des neids

Wib­ke Dau­le­ti­ar ist Grün­de­rin der Ham­bur­ger Be­ra­tung „La­coach“und un­ter­stützt Men­schen da­bei, Le­bens­si­tua­tio­nen zu än­dern, mit de­nen sie un­zu­frie­den sind. Sie meint, dass wir es heu­te mit ei­ner an­de­ren Qua­li­tät von Neid zu tun ha­ben als frü­her: „Un­se­re Ge­sell­schaft ist auf per­ma­nen­ten Leis­tungs­druck ge­polt, da ge­hört der Ver­gleich mit an­de­ren lei­der zum All­tag. Schnei­den wir selbst da­bei schlecht ab, ent­steht ein bit­te­rer Ge­fühls­cock­tail aus Trau­rig­keit, Wut und Angst.“Und die­se ex­plo­si­ve Mi­schung wird be­son­ders durch So­ci­al Me­dia an­ge­feu­ert. Klar, der Du­ch­ess of Cam­bridge gön­nen wir ihr Prin­zes­sin­nen-le­ben, weil sie weit ge­nug von un­se­rer Le­bens­welt weg ist – Neid wächst näm­lich in der Nä­he. Durch die stän­di­gen So­ci­al-me­dia-up­dates sind selbst fer­ne Be­kann­te an uns ran­ge­rückt. Wir sind ja fast live da­bei, wenn sich un­se­re Freun­din aus der fünf­ten Klas­se ver­lobt, wäh­rend wir im­mer noch von Da­te zu Da­te hüp­fen oder un­se­re Be­zie­hung sich im Ver­gleich (da ist er wie­der!) mit ei­nem ro­man­ti­schen An­trag auf dem Em­pi­re Sta­te Buil­ding an­fühlt wie ein Bal­lon, aus dem lang­sam die Luft ent­weicht. Laut ei­ner Stu­die der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen sind ge­ra­de wir Frau­en in Be­zie­hungs­fra­gen ge­neigt zu fra­gen: „Was hat sie, was

ich nicht ha­be?“Dass wir uns das­sel­be Glück wün­schen, ist klar und to­tal mensch­lich. Aber: „Schwie­rig wird es, wenn wir dem an­de­ren sein Glück nicht gön­nen, so­gar un­ab­hän­gig da­von, ob es Aus­wir­kun­gen auf un­ser ei­ge­nes Le­ben hat“, so Dau­le­ti­ar. Denn dann ver­ges­sen wir ganz gern mal un­se­re gute Kin­der­stu­be, fan­gen an zu läs­tern („Das ist ja ein to­tal un­per­sön­li­cher, kit­schi­ger An­trag!“) oder un­ter­stel­len der Freun­din, dass sie ihr Glück gar nicht ver­dient hat („Wet­ten, sie ist nur auf sein Geld aus?“). Und ge­nau sol­che Ge­dan­ken rau­ben uns Ener­gie. Ab­ge­se­hen da­von, dass Miss­gunst so gar nicht in un­ser Selbst­bild ei­ner sou­ve­rä­nen, selbst­be­wuss­ten Frau passt!

Trotz frust mit­freu­en

Neid be­deu­tet al­so erst mal, dass uns das Ge­fühl quält, et­was nicht zu ha­ben, was uns ei­gent­lich zu­steht. Die Ge­sell­schaft für Kon­sum­for­schung fand her­aus, dass wir im­mer noch am häu­figs­ten auf den Reich­tum und die fi­nan­zi­el­le Un­ab­hän­gig­keit an­de­rer schie­len (da­nach fol­gen ein bes­se­rer Le­bens­stil, Be­sitz­tü­mer, Aus­se­hen und glück­li­che Part­ner­schaf­ten). Hat die Freun­din al­so ge­ra­de ei­ne Ge­halts­er­hö­hung be­kom­men und wir krie­gen nur ein sim­ples „Tol­le Leis­tung!“vom Chef, ob­wohl wir uns genau­so ab­ra­ckern, fühlt sich das ver­dammt un­fair an! Wor­auf es nun an­kommt: der Freun­din trotz des Frusts zu ver­mit­teln, dass wir ihr die An­er­ken­nung gön­nen. Heißt: „Un­se­ren Neid und die Ent­täu­schung zu­las­sen, der Freun­din aber sa­gen, dass wir uns für sie freu­en. Aber wir müs­sen zu­ge­ben, dass wir uns das­sel­be auch für uns ge­wünscht hät­ten. Dann ge­hen wir ge­stärkt aus der Si­tua­ti­on her­aus“, sagt Dau­le­ti­ar. Au­ßer­dem löst öf­fent­li­che Wert­schät­zung den Neid auf: Denn un­se­re Freun­din freut sich über das Kom­pli­ment, das ja hin­ter ei­nem „Ich be­nei­de dich!“steckt. Und im Ge­gen­zug wer­den wir auch von ihr wert­ge­schätzt, weil so ein Ein­ge­ständ­nis emo­tio­na­le Grö­ße zeigt.

der mo­ti­va­ti­ons­kick

Aber Neid kann noch mehr. „Er ist im­mer auch ei­ne Chan­ce, et­was Wich­ti­ges über uns selbst zu ler­nen und un­ser ei­ge­nes Le­ben er­füll­ter zu ge­stal­ten“, weiß Dau­le­ti­ar. Spukt uns et­wa die schlan­ke Tail­le der Kol­le­gin im Hin­ter­kopf rum, ha­ben wir in letz­ter Zeit wahr­schein­lich un­ser Sport­pro­gramm zu­guns­ten et­li­cher Wein- oder Net­flix-aben­de ver­nach­läs­sigt. Neid weckt al­so den Ge­dan­ken „Was sie kann, kann ich schon lan­ge!“– und hilft un­ge­mein, den in­ne­ren Schwei­ne­hund zu über­win­den und rich­tig durch­zu­star­ten. Mit je­dem Mal fällt uns die­se Dis­zi­plin dann leich­ter – auch weil wir un­se­ren Miss­mut aus

ei­ge­ner An­stren­gung in mehr Wohl­be­fin­den ver­wan­delt ha­ben. Netter Ne­ben­ef­fekt: Wie dünn oder dick die an­de­ren sind, ist uns dann viel „ega­ler“. Denn Neid ist eben an ers­ter Stel­le ein Re­min­der an uns selbst, dass wir die Din­ge, die uns wich­tig sind, auch an­ge­hen müs­sen. Gilt auch für Sty­ling-nei­der. Wür­den wir am liebs­ten je­des Out­fit der Freun­din bis ins kleins­te De­tail ab­kup­fern, ist es viel­leicht an der Zeit, zehn bis zwölf lang­wei­li­ge oder zer­rock­te T-shirts end­lich aus dem Schrank zu wer­fen. Und sich selbst mal ein biss­chen Mo­de­mut zu ver­ord­nen. Ei­ne coo­le Far­be, ein neu­er Schnitt tun ein­fach viel für un­ser Selbst­be­wusst­sein. Und DAS ler­nen wir eben auch aus dem Ver­gleich mit und dem Neid auf un­se­re Fa­shion-freun­din.

Fair-glei­chen

Ei­ne Fra­ge soll­te man sich zu­dem im­mer stel­len: „Wie viel Ar­beit oder Ver­zicht wa­ren nö­tig, da­mit un­ser Neid-ob­jekt er­rei­chen konn­te, was wir so be­wun­dern? Und wä­ren wir wirk­lich be­reit, den glei­chen Preis zu zah­len?“Dass wir die Letz­ten in der Fa­mi­lie sind, die noch kei­ne Kin­der ha­ben und kein Ein­fa­mi­li­en­haus ge­baut ha­ben, liegt ja viel­leicht auch dar­an, dass wir mehr Spaß am Stu­die­ren (okay – am Stu­den­ten­le­ben!) hat­ten und die­se Zeit voll aus­ge­kos­tet ha­ben. Das Geld, das an­de­re für ei­ge­ne vier Wän­de zu­sam­men­ge­kratzt ha­ben, war auch bei uns gut an­ge­legt – aber eben in Rei­sen oder der zwei­ten Aus­bil­dung, weil die ers­te doch nicht das Wah­re war. Ein Nei­dan­flug er­in­nert uns im bes­ten Fall al­so auch dar­an, was wir schon al­les er­lebt und ge­leis­tet ha­ben. Wer sich das vor Au­gen hält, kommt sich nicht mehr klein vor, son­dern denkt sich: „Hey, ich hab auch ei­ni­ges auf dem Kas­ten!“

selbst­be­wusst­sein üben

Ein wei­te­rer Feind un­se­rer Zuf­rie­den­heit ist, den­je­ni­gen miss­mu­tig zu be­gu­cken, der es schon „von Haus aus“bes­ser hat als wir. Sei es im Beruf (weil Pa­pi im Vor­stand sitzt) oder beim Los­wer­den der läs­ti­gen fünf Ki­lo (weil Ma­ma gute Ge­ne hat­te). Da hilft nur, was die Psy­cho­lo­gen Neid­tole­ranz nen­nen und wir als „Ist halt so!“-hal­tung ken­nen. Wer sich die zu­legt, wird ge­las­se­ner mit klei­ne­ren und grö­ße­ren Un­ge­rech­tig­kei­ten fer­tig. Zu­ge­ge­ben, das sagt sich so ein­fach. Aber: Man kann die­se Hal­tung üben – in­dem wir uns mal be­wusst ma­chen, wo­rum an­de­re uns be­nei­den. Ob das nun un­ser per­fekt zu­recht­ge­dö­del­ter Mes­sy Bun ist, un­ser grü­ner Dau­men oder der schö­ne Glow, den wir schon nach 15 Mi­nu­ten in der Son­ne krie­gen. Auch sol­che Klei­nig­kei­ten zah­len auf un­ser Selbst­wert­kon­to ein. Und ha­ben wir da Ka­pi­tal ge­sam­melt, kommt das Gön­nen­kön­nen von ganz al­lein!

Wer das Ge­fühl hat, zu kurz zu kom­men, wird schnell grün vor Neid. Jetzt nur nicht den Über­blick ver­lie­ren!

Klick dich un­zu­frie­den? So­ci­al Me­dia schürt Neid und De­pres­sio­nen in ei­nem ganz neu­en Aus­maß

Dass wir selbst auf der Son­nen­sei­te des Le­bens ste­hen, se­hen wir gar nicht mehr, wenn wir nur auf die an­de­ren schie­len

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