Frei­heit heißt, kei­ne Exis­tenz­sor­gen zu ha­ben

Meins - - Mein Leben -

Frei­heit ist für mich, je­der­zeit ge­hen und rei­sen zu kön­nen, wo­hin ich will. Den Be­ruf wäh­len zu kön­nen, auf den ich Lust ha­be. Und of­fen sa­gen zu kön­nen, was ich den­ke, oh­ne dar­auf ach­ten zu müs­sen, wer ge­ra­de zu­hört. Für mich war das al­les lan­ge nicht selbst­ver­ständ­lich, denn ich bin in der DDR auf­ge­wach­sen. Als die Mau­er fiel, war ich 37, ge­schie­den und Mut­ter von zwei Kin­dern. Und erst mal froh und glück­lich über die neue Frei­heit. In mir war so ei­ne Leich­tig­keit, die ei­ne Wei­le die

Sor­gen um die Zu­kunft über­strahl­te. Aber nur ei­ne Wei­le. Dann stand ich wie vie­le vor dem Nichts: Ich ha­be mei­nen Job ver­lo­ren, weil un­ser Werk ab­ge­wi­ckelt wur­de. Das war nicht nur ein fi­nan­zi­el­les Pro­blem, das traf auch mein Selbst­wert­ge­fühl. Mein Stu­di­um und mei­ne Be­rufs­er­fah­rung wa­ren plötz­lich nichts mehr wert! Und es trös­tet in so ei­ner Si­tua­ti­on nicht, dass es an­de­ren ge­nau­so geht. Im Ge­gen­teil: In dir wächst die Sor­ge, dass es nie wie­der auf­wärts­ge­hen könn­te. Theo­re­tisch war mir im­mer klar, zur Frei­heit ge­hört auch, dass dei­ne Grund­be­dürf­nis­se er­füllt sind. Dass du kei­ne Exis­tenz­sor­gen hast. Aber wirk­lich nach­voll­zie­hen und füh­len konn­te ich das erst da­mals.

Sor­gen um die Exis­tenz, ei­ne Ar­beit oder das Dach über dem Kopf kann­ten wir gar nicht. Ich ha­be dann wirk­lich Glück ge­habt und ei­nen neu­en Job ge­fun­den. Im Wes­ten sah der Stel­len­markt für Che­mi­ker ge­ra­de güns­tig aus. Es ist mir nicht leicht­ge­fal­len, mei­ne Hei­mat zu ver­las­sen, die Freun­de, die Kol­le­gen. Ge­ra­de wenn das Le­ben auf dem Kopf steht, brau­che ich viel Ver­trau­tes um mich her­um. Und mein Gro­ßer woll­te nicht mit, weil er nur noch ein Jahr bis zum Abitur hat­te. An­de­rer­seits war da die all­ge­mei­ne Auf­bruchs­stim­mung, die was Be­flü­geln­des hat­te. Es war ei­ne har­te Zeit, aber ich ha­be mir ge­sagt: „Schau nach vorn. Pack es an.“Als Mut­ter von zwei Kin­dern bleibt ei­nem ja auch gar nichts an­de­res üb­rig. Ich ha­be so­gar noch Kar­rie­re ge­macht. Dar­auf bin ich ein biss­chen stolz. Heu­te freue ich mich, dass ich mich so ent­schie­den ha­be, und ich kann sa­gen: Ich füh­le mich frei. Do­ris, 62

Frei­heit ist für mich ein in­ne­rer Zu­stand. Man ist frei von Neid, Hass und Angst. Man hat kei­ne Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xe, kei­ne ewi­gen Zwei­fel, be­geg­net aber an­de­ren auch im­mer auf Au­gen­hö­he. Kurz: Wenn ich durch nichts aus dem see­li­schen Gleich­ge­wicht ge­bracht wer­den kann und voll­kom­men zu­frie­den bin – dann bin ich wirk­lich frei! Das ist na­tür­lich ein Ide­al­zu­stand, den ich noch nicht er­reicht ha­be. Aber mit dem Äl­ter­wer­den nä­he­re ich mich Schritt für Schritt an. Man wird ja selbst­be­wuss­ter, kann Wich­ti­ges von Un­wich­ti­gem un­ter­schei­den. Kann auf Er­fah­run­gen zu­rück­grei­fen und das gu­te Ge­fühl, schon ei­ni­ges ge­wuppt zu ha­ben. Ja, jetzt las­se ich mich nicht mehr un­ter Druck set­zen, jetzt bin ich viel stär­ker bei mir selbst. Frei­heit hat für mich aber im­mer po­li­ti­sche Aspek­te, dass ich in Frie­den le­be. Dass ich ent­schei­den kann, wie ich le­ben möch­te. Und wen ich lie­ben möch­te. Dass Frau­en die glei­chen Chan­cen ha­ben wie Män­ner. Gut, da liegt noch ein Stück Weg vor uns, aber wir ha­ben schon viel ge­schafft. Wir neh­men hier vie­les oft so selbst­ver­ständ­lich. Wenn ich Nach­rich­ten oder Re­por­ta­gen im Fern­se­hen se­he über Län­der, in de­nen Krieg und Dik­ta­tur herr­schen, dann bin ich dank­bar, in ei­nem si­che­ren und frei­en Land zu le­ben. Ich stam­me ja auch aus ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, wo vie­les noch ganz an­ders war. Mein Traum war es, Ärz­tin zu wer­den. Aber ich durf­te nicht mal aufs Gym­na­si­um. Das, fan­den mei­ne El­tern, lohne sich für Mäd­chen nicht. Und an Stu­die­ren war erst recht nicht zu den­ken – was na­tür­lich auch fi­nan­zi­el­le Grün­de hat­te, muss ich zu­ge­ben. Auch mein klei­ner Bru­der muss­te ei­ne Leh­re ma­chen, denn das Geld reich­te nur für das Stu­di­um von Pa­pas Kron­prin­zen. So kam ich mit 15 aus der Schu­le und hat­te die Wahl zwi­schen Fri­seu­rin und Fo­to­la­bo­ran­tin, mehr hat­te der Ort nicht zu bie­ten. Ich ha­be mich für die Fo­tos ent­schie­den. Aber schon mit 15 war mir klar: So will ich nicht mein Le­ben ver­brin­gen. Und selt­sa­mer­wei­se saß in mei­nem tiefs­ten In­nern die Ge­wiss­heit: Ir­gend­wann wer­de ich es schaf­fen. Ich glau­be, die­se Zu­ver­sicht hat mir die nö­ti­ge Ener­gie ge­ge­ben. Ich ha­be es ge­schafft. Ich ha­be mein Abitur nach­ge­macht und Me­di­zin stu­diert. Da war ich schon ver­hei­ra­tet und Mut­ter ei­ner klei­nen Toch­ter – ei­ne Rie­sen­her­aus­for­de­rung, Stu­di­um und Fa­mi­lie un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Da­bei hat mein Mann mir sehr, sehr ge­hol­fen – das war da­mals noch eher un­ge­wöhn­lich. Ja, wir wa­ren ein mo­der­nes Paar. Und dar­über bin ich heu­te noch glück­lich. Ma­ri­an­ne, 72

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