Lie­bes­ge­schich­te

Klingt wie ein mär­chen. Ist aber wahr. Als Su­san­ne, 47, sich sehn­lichst ei­nen mann wünscht, schreibt sie dies auf ei­nen klei­nen Zet­tel …

Meins - - Inhalt - VON ISA­bell bIt­tNer

Für Su­san­ne, 47, kam das Glück mit der Fla­schen­post

Manch­mal schreibt das Le­ben die schöns­ten Ge­schich­ten. Vor al­lem, wenn man tief in sei­nem In­ne­ren da­von über­zeugt ist, dass es da drau­ßen je­man­den gibt, der per­fekt zu ei­nem passt. Wenn man im­mer noch an die gro­ße Lie­be glaubt, ob­wohl man schon vie­le Ver­let­zun­gen er­lebt hat …

Su­san­ne und Nor­bert be­grü­ßen uns in ih­rem Gar­ten im hes­si­schen Ul­rich­stein, tur­telnd und la­chend wie ver­lieb­te Te­enager. Ob sie glück­lich sind, müs­sen wir nicht fra­gen. Im Teich liegt der Schatz, der sie zu­sam­men­brach­te: ei­ne ver­beul­te Plas­tik­fla­sche, dar­in ein säu­ber­lich zu­sam­men­ge­roll­ter Zet­tel.

Vier Jah­re ist es her, dass Su­san­ne die­se Fla­sche auf Rei­sen schick­te. Die 47-Jäh­ri­ge mach­te ge­ra­de mit ih­rem Sohn Jan, 17, und ei­ner Freun­din Ur­laub auf der hol­län­di­schen In­sel Ame­land. Frisch ge­schie­den, plötz­lich al­lein­er­zie­hend, von Haus­halt und drei ver­schie­de­nen Jobs er­schöpft. Ge­ha­dert hat sie mit der Schei­dung nicht: „Die Ehe mit mei­nem Ex-Mann schei­ter­te, weil wir ein­fach zu un­ter­schied­lich wa­ren. Die Schei­dung war eher ein Be­frei­ungs­schlag. Aber ich fühl­te mich schon plötz­lich sehr al­lein.“

Das soll­te nicht so blei­ben. Su­san­ne ist ei­ne, die ihr Le­ben in die Hand nimmt, und ging im In­ter­net auf die Su­che nach ei­nem neu­en Glück. „Aber das stell­te sich als Flop her­aus. Für mich zu an­onym und un­ver­bind­lich. Man­che Män­ner er­schie­nen auch erst gar nicht zu den Ver­ab­re­dun­gen.“

Als sie im Ur­laub mit ih­rer Freun­din dar­über spricht, hat sie ei­ne Idee … „Ich sag­te zu mei­ner Freun­din: ,Weißt du was? Ich mel­de mich jetzt bei al­len In­ter­net­por­ta­len ab. Lie­ber schmei­ße ich ei­ne Fla­schen­post ins Meer. Da ist die Chan­ce, ei­nen Mann zu fin­den, be­stimmt grö­ßer.‘“

Ei­ne Fla­sche Wein und zwei St­un­den spä­ter macht sie aus dem Spaß Ernst und greift zu Stift und Pa­pier. „Hal­lo, Un­be­kann­ter!“schreibt sie. „Ich möch­te wie­der glück­lich sein und mit ei­nem lie­ben Men­schen Hand in Hand am Strand ent­lang­ge­hen, nachts nicht al­lein die Ster­ne be­trach­ten.“Ganz of­fen schil­dert sie auch, wie sie ist: „Et­was chao­tisch, leicht ver­rückt, nicht ganz dünn … Ich lie­be die Na­tur, lan­ge Spa­zier­gän­ge und Fil­me mit Hap­py End.“Und was sie sucht: „Ei­nen Mann zwi­schen 40 und 50, hu­mor­voll, lie­be­voll, mit son­ni­gem Ge­müt, na­tur­ver­bun­den, tier­lieb, kin­der­lieb und treu.“Den Brief steckt sie in ei­ne PET-Fla­sche und wirft sie

von der Ha­fen­mo­le ins Meer. „Da­mals ha­be ich zu mei­ner Freun­din ge­sagt: ,Hof­fent­lich fin­det sie kein ver­greis­ter Vo­gel­for­scher im Nor­we­ger­pul­li.‘ Aber ins­ge­heim ha­be ich ge­hofft, dass es ein tol­ler Mann sein wird. Ich glau­be fest dar­an: Was du aus­sen­dest, be­kommst du auch zu­rück.“ 25 Ki­lo­me­ter wei­ter weg in Hol­werd, auf dem hol­län­di­schen Fest­land, ver­bringt Nor­bert (45) zur sel­ben Zeit sei­nen Ur­laub mit ei­ner Trup­pe von et­wa 30 Leu­ten. Er ist eben­falls ge­schie­den und der ein­zi­ge Sing­le in der Run­de. Als die Toch­ter ei­nes Be­kann­ten die Fla­sche am Strand fin­det, steckt sie den Schatz spon­tan Nor­bert zu. Abends fasst er sich ein Herz. Mit glei­cher Ehr­lich­keit sen­det er an die an­ge­ge­be­ne E-MailAdres­se: „Hal­lo, Su­san­ne, dei­ne be­zau­bern­de Fla­schen­post hat ei­nen Emp­fän­ger ge­fun­den … Ich kann dich gut ver­ste­hen, denn ich lei­de un­ter dem glei­chen Schick­sal. Was du dir von ei­nem Mann wünschst, er­fül­le ich zu 90 Pro­zent. Und das mit dem na­tur­ver­bun­den kann man auch noch hin­be­kom­men …“

„Er ist so herr­lich nor­mal“, freut sich Su­san­ne. „Das ge­fiel mir auf An­hieb. Denn nach all mei­nen Er­fah­run­gen plag­ten mich schon Zwei­fel an der Män­ner­welt.“

Zwei Wo­chen schrei­ben sie E-Mails hin und her. Dann te­le­fo­nie­ren sie über das In­ter­net­te­le­fon Sky­pe, kön­nen sich das ers­te Mal se­hen, wenn auch nur via Bild­schirm. „Vor­her ha­be ich mich im­mer schön zu­recht­ge­macht“, ge­steht Su­san­ne. Ei­nes Mor­gens dann steht Nor­bert über­ra­schend vor ih­rer Haus­tür. Er ist spon­tan von Ha­gen nach Ul­rich­stein ge­fah­ren. „Zu­erst dach­te ich: Oje, so un­vor­be­rei­tet. Ich muss mich erst mal re­stau­rie­ren“, er­zählt Su­san­ne. „Aber schon bald hat es sich ein­fach rich­tig an­ge­fühlt.“Ei­ne Schreck­se­kun­de, Herz­klop­fen, ein Kuss auf den Mund – von die­sem Mo­ment an ha­ben sie das Ge­fühl, zu­sam­men­zu­ge­hö­ren.

Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen ih­rer jun­gen Lie­be: Die ers­ten zwei Jah­re se­hen sie sich nur am Wo­che­n­en­de. Dann kann Nor­bert, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ker bei der Bahn ist, sich ver­set­zen las­sen. Sei­ne drei Kin­der sind er­wach­sen, sein Haus hat er ver­kauft – der Lie­be we­gen. „Wir ha­ben in­ein­an­der ge­fun­den, wo­nach wir uns im­mer sehn­ten“, er­klärt er. „Den gan­zen Ster­nen­him­mel ha­ben wir aus­wen­dig ge­lernt“, schwärmt Su­san­ne. „Und na­tur­ver­bun­de­ner ist er hier im Mit­tel­ge­bir­ge auch ge­wor­den. Auf mei­nem Grund­stück le­ben Hun­de, Kat­zen, Pfer­de, Meer­schwein­chen … Er küm­mert sich um die Tie­re ge­nau­so lie­be­voll wie ich.“

Klei­ne Ge­plän­kel gibt es schon mal, wie übers Au­to­fah­ren. „Viel zu schnell“, me­ckert Su­san­ne. „Viel zu me­cke­rig“, flachst Nor­bert zu­rück. Eben die all­täg­li­chen Pro­blem­chen ei­ner Ehe – ei­ner ganz fri­schen! Im Ju­ni ha­ben sie ge­hei­ra­tet. Mit rau­schen­dem Fest im Gar­ten. Al­les war mit sym­bo­li­schen Fla­schen de­ko­riert, ei­ne Band spiel­te „Mes­sa­ge in a Bott­le“.

Die ori­gi­na­le Fla­schen­post ha­ben sie nicht wie­der auf­ge­dreht. Ih­re Lie­be wol­len sie dar­in wie ei­nen gu­ten Geist für im­mer kon­ser­vie­ren. Im Mär­chen wür­de wohl ste­hen: Und wenn sie nicht ge­öff­net wird, so le­ben sie noch heu­te glück­lich bis an ihr En­de. •

Sie schrieb: „Ich möch­te mit ei­nem lie­ben Men­schen Hand in Hand am Strand lau­fen“

DaS ISt Er, DEr PrInz „Ab und an müs­sen wir uns selbst knei­fen, um das Schick­sal zu fas­sen“, sa­gen Su­san­ne und Nor­bert

Fla­SchE Statt In­tEr­nEt Su­san­nes Brief steckt im­mer noch drin

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