Ko­lum­ne

„Wol­len die mich är­gern?“, fragt sich Car­la Be­cker, wenn sie Ver­brau­cher­hin­wei­se sucht. Und die An­lei­tung im bes­ten Fall mit der Lu­pe le­sen kann

Meins - - Inhalt -

Darf es noch ein biss­chen klei­ner sein?

Als Kind war es mein gan­zer Stolz: ein Reis­körn­chen, auf dem in chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen mein Na­me ge­ritzt war. Zu­min­dest wur­de mir ver­si­chert, dass es mein Na­me sei. Kann na­tür­lich sein, dass dort et­was ganz an­de­res stand, ein Re­zept für Hühn­chen süß­sau­er vi­el­leicht. Egal, auf je­den Fall fand ich es fas­zi­nie­rend, wie klein die Chi­ne­sen schrei­ben kön­nen. auch in Eu­ro­pa hei­misch ge­wor­den. Al­ler­dings nicht auf Reis­körn­chen, son­dern auf Pro­dukt­ver­pa­ckun­gen. Zum Bei­spiel auf der ei­nes Scho­ko­la­den- Des­serts im Glas zum Fer­tig­ba­cken. Un­glaub­lich, wie der Her­stel­ler es ge­schafft hat, Un­men­gen von Text – un­ter an­de­rem die drin­gend be­nö­tig­te An­lei­tung für die Zu­be­rei­tung – so win­zig zu schrei­ben, dass man die Buch­sta­ben nur un­ter dem Elek­tro­nen­ras­ter­mi­kro­skop ent­zif­fern kann. Lei­der be­sit­ze ich kei­nes. Ich muss­te erst in sämt­li­chen Schub­la­den nach ei­ner di­cken Lu­pe kra­men. Da­nach war mir der Ap­pe­tit auf das Lu­xus-Souf­flé ver­gan­gen. Da­bei ist das Zeug so teu­er, dass es sich nur Men­schen leis­ten kön­nen, die längst aus dem BA­föGAl­ter raus sind. Men­schen al­so, die zwar über mehr Ein­kom­men ver­fü­gen als die Jün­ge­ren, da­für aber über we­ni­ger Di­op­tri­en. Auch bei Kos­me­ti­ka über­ra­schen mich der ul­tra­fei­ne Schrift­schnitt und die Mi­nia­tur-Grö­ße bei den An­wen­dungs­hin­wei­sen. Wol­len die et­wa, dass ich die neue Haar­kur falsch an­wen­de, da­mit mein Haar an­schlie­ßend noch mehr Pfle­ge braucht? Oder dass ich das Ge­sichtspee­ling so lan­ge ein­mas­sie­re, bis mei­ne Ge­sichts­haut nicht mehr vor­han­den ist?

Ist es nun rei­ne Ar­ro­ganz oder schlich­te Blöd­heit, mit der ei­ni­ge Her­stel­ler ih­re Kun­den jen­seits der 50 ver­grau­len? Auch mit den so­ge­nann­ten Blis­terVer­pa­ckun­gen, bei de­nen Vor­der- und Rück­sei­te fest mit­ein­an­der ver­schweißt sind. Lö­sen lässt sich die­ser Kunst­stoff­pan­zer nur mit Schnei­de- und Trenn­werk­zeu­gen, die sonst die Feu­er­wehr bei schlim­men Au­to­un­fäl­len ver­wen­det. Da­bei weist schon der Na­me dar­auf hin, dass man mit dem Pro­dukt die Ver­let­zung gleich mit kauft. Über­setzt heißt Blis­ter näm­lich so viel wie „Beu­le“oder „Brand­bla­se“.

na­tür­lich droht nicht bei je­der Ver­pa­ckung Ge­fahr für Leib und Le­ben. Manch­mal ge­ben sich die Her­stel­ler auch da­mit zu­frie­den, ei­nem die Ein­kaufs­ta­sche zu be­su­deln (dün­ne But­ter­milch-Kar­tons), den Kü­chen­t­re­sen voll­zu­krü­meln (Kaf­fee, der beim Öff­nen zwangs­wei­se her­aus­fliegt). Ei­gent­lich er­staun­lich, be­denkt man, dass laut ei­ner Stu­die 40 % der Ver­brau­cher an­ga­ben, die Hand­ha­bung ei­ner Ver­pa­ckung wä­re ein TopKauf­ar­gu­ment! Aber ver­mut­lich ha­ben die Pro­dukt­de­si­gner gar kei­ne Zeit, sol­che Stu­di­en zu le­sen. Die sind viel zu be­schäf­tigt da­mit, sich neue Raf­fi­nes­sen aus­zu­den­ken … •

Wie ge­langt so viel Text auf so en­gen R aum?

Un­se­re KolUm­nis­tin Car­la Be­cker, 54, liebt schnel­le Au­tos, Kat­zen und ih­ren Mann. Und fühlt sich kei­nen Tag äl­ter als 39

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