Auf­re­ger

Meins-au­to­rin Angi Brink­mann, 48, wun­dert sich über die vie­len Han­dy­ho­lics. Die kann sie gar nicht so „li­ken“

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Wie­so ge­nießt kei­ner mehr das Jetzt?

Na, da bin ich aber froh: In den ers­ten Groß­städ­ten gibt es end­lich ei­ge­ne Fuß­gän­gerSpu­ren für Viel-Te­le­fo­nie­rer und Han­dy-Gu­cker. Das wur­de auch wirk­lich dring­lich, viel zu lan­ge ha­ben wir wert­vol­le On­li­ne-Zeit ver­lo­ren, weil wir stän­dig von un­se­rem Han­dy hoch­schau­en muss­ten, um nie­man­den um­zu­ren­nen.

Glau­ben Sie mir kein Wort! Ich bin eher ei­ne, die ihr Mo­bil­te­le­fon in der Hand­ta­sche auf­be­wahrt, und fra­ge mich ent­rüs­tet: Wie weit sind wir ei­gent­lich ge­kom­men, dass Han­dy­ho­lics ei­ge­ne Zo­nen auf dem Geh­weg be­an­spru­chen dür­fen? Da wä­ren äl­te­re Men­schen mit Rol­la­to­ren und Müt­ter mit Kin­der­wa­gen wohl eher dran!

Kein Wun­der: Bei ei­ner Um­fra­ge der re­nom­mier­ten Al­lens­ba­cher De­mo­sko­pen ga­ben über 40 Pro­zent (!) der Be­frag­ten an, sich ein Le­ben oh­ne nicht mehr vor­stel­len zu kön­nen. Nur: Wie weit darf Han­dy­Kon­sum ge­hen? Ge­ra­de jetzt in der Ur­laubs­zeit wer­den wir al­ler­orts Zeu­ge der skur­rils­ten Sze­nen: Im Flug­zeug hört man schon Se­kun­den nach der Lan­dung ein wil­des Piep­sen, weil Han­dy-Jun­kies eher den Flug­mo­dus aus­schal­ten, als ih­ren Sitz­gurt zu lö­sen. Am Strand ne­ben uns lie­gen Ur­lau­ber mit XXL-Schirm­kap­pen – die nicht das Ge­sicht vor der Son­ne schüt­zen sol­len, son­dern das Dis­play des Smart­pho­nes, das sich die Such­tis vor die Na­se hal­ten.

Völ­lig ir­ri­tiert be­ob­ach­te ich Paa­re, die im Re­stau­rant erst den eben ser­vier­ten Tel­ler fo­to­gra­fie­ren und in so­zia­len Netz­wer­ken pos­ten, ehe sie ein­an­der ei­nen gu­ten Ap­pe­tit wün­schen. Es wird noch so weit kom­men, dass Kell­ner uns kein Des­sert mehr of­fe­rie­ren, son­dern aus der Kü­che zu­erst ihr „Li­ke“sen­den und dann fra­gen: „Darf’s noch was zum Pos­ten sein?“Na Mahl­zeit, schö­ne neue Welt!

Me­di­zi­ner be­schrei­ben die Han­dy­Sucht als „star­kes Ver­lan­gen, mit ge­ra­de nicht an­we­sen­den Per­so­nen in Kon­takt zu tre­ten“. Psy­cho­lo­gen se­hen in der Ab­hän­gig­keit Angst vor Ein­sam­keit und in­ne­rer Lee­re, die uns be­son­ders in un­pro­duk­ti­ven Mo­men­ten wie Bus­fah­ren oder War­ten be­wusst wird.

Ich ver­ste­he das nicht! Am Strand bin ich doch nicht ein­sam, im Re­stau­rant könn­te man Händ­chen hal­ten, an der Hal­te­stel­le ein­fach mal nur so vor sich hin­gu­cken. Ha­ben wir die­se Acht­sam­keit schon gänz­lich ver­lo­ren? Hof­fent­lich nicht, denn wie al­le Süch­te führt auch die Han­dy-Sucht in die Iso­la­ti­on. Pa­ra­dox, wo es doch ei­gent­lich um Kom­mu­ni­ka­ti­on geht. Doch Han­dy­Si­gna­le sind und blei­ben Lü­cken­fül­ler – die ech­te Zu­wen­dung fehlt!

Vi­el­leicht wer­den schon bald in Re­stau­rants die ers­ten Se­pa­rees für Han­dy-Such­tis ab­ge­grenzt und wir Of­f­line-Spie­ßer durch „PSSSST!“Schil­der an­ge­hal­ten, lei­se zu spre­chen, da­mit wir nicht beim SMS-Tip­pen ­stö­ren.­Ich­freu’­mich­drauf­…­•­­­

„Darf’s noch was zum Pos­ten sein?“

ro­mAn­tiK Am pool war ges­tern. Jetzt sur­fen wir lie­ber, um zu gu­cken, was wo­an­ders so los ist

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