Esst ihr noch oder de­toxt ihr schon?

Piz­za, Pas­ta, Sü­ßig­kei­ten, ein Gläs­chen Wein – ta­bu für die bra­ve De­to­xe­rin. Aber kann das wirk­lich gut­tun, uns Ge­nüs­se zu ver­knei­fen?

Meins - - Leben Mein - VON AN­GI BRINK­MANN

Naaaa, freu­en Sie sich mor­gens auch so auf ’ne herr­lich duf­ten­de Tas­se Kaf­fee? Tun­ken Sie beim Ita­lie­ner gern ein biss­chen knusp­ri­ges Weiß­brot in Oli­ven­öl und mö­gen Sie es, an lau­en Som­mer­aben­den ein küh­les Gläs­chen Weiß­wein zu ge­nie­ßen? Ja? Hol­la, die Wald­fee – dann ist Ihr Kör­per wahr­schein­lich kom­plett über­säu­ert! Oder kom­men Ih­nen die Sym­pto­me Mü­dig­keit, trä­ge Ver­dau­ung, fah­le Haut am Mor­gen und Kopf­schmer­zen et­w­ta nicht be­kannt vor?

Se­hen Sie, schon sind wir mit­ten drin im The­ma „De­tox your li­fe“! So heißt er doch, der Slo­gan, an dem ir­gend­wie seit Mo­na­ten wirk­lich kei­ner mehr vor­bei­kommt. Ob im Schau­fens­ter un­se­rer Apo­the­ke, in Li­fe­style-Ru­bri­ken der Ma­ga­zi­ne oder an der Lit­faß­säu­le ne­ben der Am­pel.

Man kann nicht weg­schau­en: Die Men­schen auf­uf den Wer­be­fo­tos se­hen ent­w­te­der schreck­lich lei­dend aus – da hal­ten sich Frau­en mit ver­knif­fe­nen Mund­win­keln den Bauch –, oder aber die Wer­be-Fi­gu­ren wan­dern pfei­fend durch den Wald und sprin­gen am Meer her­um. Nur eben nicht, weil sie – wie ich mir schwel­gend aus­ma­le – gera­de auf ei­ner Hüt­te def­tig ge­ges­sen ha­ben oder beim Strand­spa­zier­gang die le­cke­re Pa­el­la ab­trai­nie­ren. Nee, die fröh­li­chen Leu­te in der Wer­bung sind to­tal ent­gif­tet – ab­so­lut „un­sau­er“, „ba­sisch rein“und mit sich und ih­rer Welt „in Ba­lan­ce“.

Wer’s glaubt. Au­ßer­dem fin­de ich das ko­misch, ehr­lich! Wo­hin ich schaue, Hey, wol­len wir die­sem Ent­gif­tungs­ku­ren-Ge­tö­se wirk­lich hö­rig sein? Scheint so. Frau­en wie wir – seit Jah­ren er­folg­reich ge­übt im schnel­len Über­blät­tern sämt­li­cher „Bi­ki­ni­fi­gur“Ar­ti­kel – wol­len plötz­lich al­le­samt „ent­schla­cken“. Fleisch, Kä­se, Weiß­mehl, Sü­ßig­kei­ten, Al­ko­hol, Ni­ko­tin, Kaf­fee, jed­we­de Zu­satz­stof­fe – al­les ganz bö­se. Die bra­ve De­to­xe­rin ver­zich­tet. Vor dem Start in die Kur kommt die Dar­ment­lee­rung, dann Obst- und Ge­mü­se­ta­ge, im An­schluss zur Be­loh­nung die 20-St­un­den-Wo­che im Aus­dau­er­sport. In den frei­en Mi­nu­ten schlep­pen wir ziel­stre­big wie die La­bor­mäu­se Ge­mü­se in Con­tai­ner-Men­gen nach Hau­se, be­fül­len den neu­en Smoot­hie-Ma­ker und mi­xen uns le­cker­schme­cker „Ki­wi-Wir­sing-Qui­noa-Sha­ke“.

Und für was? Dass der Un­ter­leib un­auf­halt­sam blä­hend an­schwillt, die Ho­se nicht mehr zu­geht und die Lau­ne kom­plett in den Kel­ler rutscht? Von we­gen „neu­er Schwung“– Pil­le­pal­le! DAS nen­ne ich über­säu­ert! Er­näh­rungs­Ex­per­ten hal­ten die­ses Ver­zich­tKon­zept üb­ri­gens für völ­lig über­be­wer­tet und war­nen vor dem bei Diä­ten üb­li­chen Jo-Jo-Ef­fekt.

Die dis­zi­pli­nier­ten Bri­ten ha­ben ei­nen sim­plen wie wun­der­ba­ren Spruch: „Egal, was ge­schieht, mach dir erst mal ei­nen Tee …“Na bit­te! Sagt doch auch die Oma: „Tut der Ma­gen weh, trink Ka­mil­len­tee!“Stoffffffwech­sel an­kur­beln, Kör­per ent­gif­ten oder die schlim­men, schlim­men „Schla­cken“ab­bau­en (wo lau­ern die ei­gent­lich?) – es geht nix über ein Täss­chen Tee. Das trinkt sich auch ganz wun­der­bar im Ste­hen, ehe man aus dem Haus geht und zum Ita­lie­ner fährt …

Buon ap­pe­ti­to! •

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.