Auf­re­ger des Mo­nats

Ko­lum­nis­tin An­ge­li­ka Brink­mann ver­steht die Welt nicht mehr. Be­zie­hungs­wei­se die Schau­spie­ler von heu­te. Was nicht an ihr liegt

Meins - - Inhalt -

Die Nu­sch­ler aus dem Fern­se­hen

In mei­ner lus­ti­gen Ju­gend war ein Fern­seh­abend, wie der Fern­seh­Nach­mit­tag am Wo­che­n­en­de, et­was ganz Be­son­de­res! Es gab ja nur zwei Sen­der, und Fil­me wa­ren kei­ne Mas­sen­wa­re. Ich möch­te hier gar nicht wie die Ewig­gest­ri­ge her­umun­ken, aber frü­her ha­ben sich die im Fern­se­hen echt Mü­he ge­ge­ben – ins­be­son­de­re sprach­lich! Schau­spie­ler zu sein war ei­ne Eh­re, die Mi­men ka­men vom Thea­ter – und so hör­te sich das auch an! Gol­de­ne Zei­ten mit Hel­den, die be­flis­sen ak­zen­tu­iert spra­chen.

Auf die Ker­le in den mo­der­nen Fil­men bin ich hin­ge­gen gar nicht gut zu spre­chen. Der Til Schwei­ger zum Bei­spiel, das ist so ein krea­ti­ver Kopf, macht wirk­lich tol­le Fil­me. Aber kann dem mal je­mand die Zahn­rei­hen aus­ein­an­der­klap­pen? Oder der geht in Ber­lin mal end­lich ein Bier­chen mit ’nem gu­ten Lo­go­pä­den trin­ken. Ir­gend­wie muss sich da doch ein Weg fin­den. Ich fra­ge mitt­ler­wei­le al­le paar Mi­nu­ten: „Wieee? Was hat der ge­sagt?“, wenn ich vorm Fern­se­her sit­ze. Und das nicht nur bei Nu­schel-Til und sei­nem Su­per-Nu­schel-Kol­le­gen Fah­ri Yar­dim. In den wich­tigs­ten Se­kun­den ei­nes Kri­mis, mit­ten in ei­nem Ei­fer­suchts­dra­ma oder in ro­man­ti­schen Lie­bes­sze­nen – „hgv­vo hh­boih wss­snklss­smmm“. HÄ? Schau­spie­ler von heu­te spre­chen wie nölen­de Vier­jäh­ri­ge, de­nen man gera­de den Ted­dy weg­ge­nom­men hat. Meist noch mit trot­zig ge­senk­tem Kopf und den Rü­cken zur Ka­me­ra. Mann, Mann, so kann man ja nicht mal von den Lip­pen ab­le­sen.

Oben­drein spre­chen die al­le viiiel zu schnell!

Kei­ner nimmt sich Zeit. Ent­hält der Text gar ein oder zwei Ne­ben­sät­ze, wird der Rest vom Haupt­satz in je­dem Fall ver­schluckt. Das kos­tet sonst wahr­schein­lich zu viel Sen­de­zeit. Ad­äqua­te Be­to­nung, ei­ne gu­te Ar­ti­ku­la­ti­on so­wie Dik­ti­on schei­nen eben­falls aus Etat­grün­den ge­stri­chen. Man könn­te den­ken, die Sen­der hät­ten nur ei­ne Hand­voll gu­ter Tex­ter, und die wer­den of­fen­sicht­lich al­le bei den Nach­rich­ten ge­braucht.

Meist sind’s die Män­ner, die herum­mun­keln, ja, ei­gent­lich im­mer die Män­ner. Die Frau­en im Fern­se­hen ge­ben sich ir­gend­wie noch ein biss­schen mehr Mü­he. Bloß ma­chen die oft so star­re Mie­nen, dass aus ih­ren schma­len Lip­pen auch nur je­der drit­te Satz ver­nehm­lich klingt. Herr­jeee, war­um spricht denn heu­te kei­ner mehr Kl­ar­text? Oder we­nigs­tens grob in Rich­tung Ka­me­ra? Oder hal­ten die Ton­män­ner beim Dre­hen die Mi­kro­fo­ne nicht nah ge­nug hin?

Sprach­lich ein­wand­frei zu ver­ste­hen sind hin­ge­gen die Wer­be­spots für Ab­führ­mit­tel und An­ti-Schmerz-Sal­ben. Die Prot­ago­nis­ten ge­ben sich ganz doll Mü­he, uns ihr Leid laut und deut­lich zu er­läu­tern. Und den­ken Sie jetzt bloß nicht, die „Al­te“braucht viel­leicht ein Hör­ge­rät. Nee, nee, das ha­be ich schon selbst ge­checkt. Den bes­ten Ge­gen­be­weis bie­ten Hol­ly­wood-Fil­me. Die sind we­sent­lich bes­ser zu ver­ste­hen. Da­für stan­den die deut­schen Syn­chron­spre­cher näm­lich zu­vor im Stu­dio und spra­chen acht­sam in ihr Mi­kro. Hört da mal gut hin, ihr mo­der­nen deut­schen Fern­seh­ma­cher da

drau­ßen – der Ton macht die Mu­sik! •

War­um spricht

mehr heu­te kei­ner

Kl­ar­text?

NU­schel­köNi­ge Was Til Schwei­ger und Fah­ri Yar­dim (l.) am „Tat­ort“zu sa­gen ha­ben, müs­sen wir ra­ten. Sie krie­gen ja den Mund nicht auf!

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.