Hieß es nicht: Mit Es­sen spielt man nicht?

Der Ku­chen im Glas, die Pas­ta im Kä­sel­aib – krea­tiv an­rich­ten ist tren­dy. Stellt uns aber oft vor un­ge­ahn­te prak­ti­sche Pro­ble­me

Meins - - Leben - VON AN­GI BRINK­MANN

Es­sen liegt ja voll im Trend – und muss ak­tu­ell auch to­tal tren­dy prä­sen­tiert sein! Will hei­ßen: Es­sen auf Por­zel­lan­tel­lern kann je­der, das ist to­tal out. An­ge­sagt sind Tel­ler-In­ter­pre­ta­tio­nen wie Mi­niGläs­chen, Spie­gel­plat­ten, aus­ge­höhl­te Kä­sel­ai­be und Bruch­stü­cke von Schie­fer & Co. Ein Blick über die Par­ty-Buf­fets heut­zu­ta­ge zeigt: Längst ser­vie­ren wir nicht mehr nur Des­serts im Schäl­chen, nein, AL­LES kommt ins Glas. Ein Trend, der sei­nen Ur­sprung – wo auch sonst – in Frank­reich hat. In je­dem noch so klei­nen Dro­ge­rie­markt ste­hen be­reits ne­ben Müll­beu­teln, Schwamm­tü­chern und Früh­stück­stüt­chen klei­ne Glä­ser in Weck-Op­tik, in die wir dann al­les Ess­ba­re pres­sen. Wenn wir zum Gläs­chen grei­fen, sind wir al­ler­dings häu­fig die Ge­lack­mei­er­ten: Was ori­gi­nell aus­sieht, ist in der Pra­xis lei­der häu­fig schwer zu han­deln.

Ei­ne klas­si­sche Sze­ne sieht so aus: Frau holt sich Sa­lat im Glas vom Buf­fet, an­gelt sich ein pas­sen­des Mi­kroGä­bel­chen aus dem be­reit­ge­stell­ten Körb­chen und kehrt zur Ge­sprächs­grup­pe zu­rück. Und da sind sie schon, die drei klas­si­schen Pro­ble­me mit dem Hand­ling: 1. Wo le­ge ich jetzt das De­ckel­chen ab? 2. Wer kann mei­ne Hand­ta­sche hal­ten oder wo ver­staue ich die­se, so­lan­ge ich pi­cke? 3. Wie be­kom­me ich das letz­te Drit­tel vom Lin­sen­sa­lat aus dem Glas, oh­ne dass al­le Um­ste­hen­den beim Kling-Klong mei­ner Ga­bel ver­stum­men und den­ken, ich will ei­ne Re­de hal­ten?

Kaum ha­ben wir Ge­ne­ra­tio­nen von Kä­se-Igeln mit her­um­kul­lern­den Trau­ben hin­ter uns ge­las­sen,

schei­nen wir schmerz­frei im­mer ab­sur­de­re, au­ßer­ge­wöhn­li­che Dar­rei­chungs­for­men für un­ser Food zu su­chen. Wie neu­lich in ei­nem Ho­tel im idyl­li­schen Oden­wald. Ei­ne ru­hi­ge Oa­se ro­man­ti­scher Vor­gest­rig­keit mit ei­nem Buf­fet wie aus ei­nem Hans-Mo­ser-Film, die Gäs­te in et­wa dem glei­chen Al­ter. Da stand ei­ne de­cken­ho­he Säu­le auf dem Buf­fet, um­wi­ckelt mit Alu­fo­lie. Dar­auf kro­chen – iiiihhhhhhhhh – gro­ße ro­sa­far­be­ne Kr­ab­ben em­por. Al­so so sah es zu­min­dest aus. Die hoch­krea­ti­ve Kü­chen­bri­ga­de hat­te je­den ein­zel­nen „Wurm“auf ei­nem Zahn­sto­cher an die Säu­le ge­na­gelt. Gro­tesk, die­ser An­blick und ir­gend­wie mit­leid­er­re­gend, weil die Tier­chen mit ih­ren in der Luft wip­pen­den Füh­lern so le­ben­dig aus­sa­hen.

Der neu­es­te Schrei: tren­di­ge Ba­ke­rys oder Ta­ges­bars,

in de­nen selbst ge­ba­cke­ne Ku­chen auf edel dun­kel­grau­en Schei­ben aus Bruch­gra­nit oder Schie­fer ser­viert wer­den. Da ist Gän­se­haut ga­ran­tiert – und zwar dann, wenn wir mit der Ga­bel ein Stück ab­ste­chen. Das kratzt wie frü­her des Leh­rers Krei­de auf der Ta­fel.

Ein we­nig, sa­gen wir, un­ge­wöhn­lich ist auch der Trend, beim Ita­lie­ner die Spa­ghet­ti di­rekt am Tisch heiß aus dem aus­ge­höhl­ten Par­mes­an­laib ser­viert zu be­kom­men. Man­che Gäs­te, schaut man in de­ren Au­gen, mö­gen das un­hy­gie­nisch fin­den. Die Pas­ta schmeckt toll, kei­ne Fra­ge, aber der Vor­gang er­in­nert biss­chen an die al­ten Wes­tern, wenn die Groß­fa­mi­lie um ei­ne Sup­pen­ter­ri­ne saß und al­le ih­ren Löf­fel in den Topf steck­ten.

Bei un­se­ren bri­ti­schen Nach­barn hat sich be­reits ei­ne Ge­gen­be­we­gung for­miert. „We Want Pla­tes“heißt die Twit­ter-Kam­pa­gne. Soll hei­ßen: Wir wol­len wie frü­her von Por­zel­lan­tel­lern es­sen. Apro­pos frü­her: Wie hieß es doch einst so schön? Mit Es­sen spielt man nicht! Mahl­zeit. •

Nicht al­les, was ver­packt ein­zig­ar­tig auch so ist, schmeckt

DaS au­Ge ISST mIT Tel­ler war ges­tern: Scho­ko- Ku­chen, Se­a­food und Sa­lat kom­men jetzt sty­lish da­her

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