Ach, Ma­ma, es war doch gar nicht so ge­meint

Es kann schon mal vor­kom­men, dass wir uns mit un­se­ren Lie­ben ver­kra­chen. Haupt­sa­che ist, dass die Feh­de nicht zum Dau­er­zu­stand wird. Wie wir Span­nun­gen lö­sen, er­klärt uns Fa­mi­li­en­the­ra­peu­tin Andrea Bräu

Meins - - Fragen Sie Einfach - VON ALEX­AN­DEr EMUNDS

An Weih­nach­ten, Os­tern oder Mut­ters Ge­burts­tag geht’s wie­der rund: Die gan­ze Fa­mi­lie und da­mit vie­le ver­schie­de­ne Cha­rak­te­re tref­fen auf­ein­an­der. Da ge­nügt oft ein fal­sches Wort und Fa­mi­li­en­mit­glie­der wer­den zu Raub­kat­zen, die sich du­el­lie­ren. Und ha­ben sie sich erst in­ein­an­der ver­bis­sen, ist es gar nicht so leicht, den Streit wie­der auf­zu­lö­sen. Doch wenn bei­de Sei­ten es ge­schickt an­ge­hen, kön­nen wir uns ver­tra­gen – oh­ne dass ei­ner das Ge­sicht ver­liert.

Wir sind im Streit aus­ein­an­der­ge­gan­gen. Wie kit­ten wir das wie­der?

Zu­nächst muss un­se­re Prä­mis­se sein, dass wir die per­sön­li­chen Gren­zen des an­de­ren wah­ren. Wir über­schrei­ten sehr schnell die Pri­vat­sphä­re, wenn wir ein­fach vor­bei­fah­ren und vor der Tür ste­hen. Selbst ein An­ge­hö­ri­ger, dem wir uns na­he füh­len, wie zum Bei­spiel un­se­re Schwes­ter, kann das als über­grif­fig emp­fin­den. Die Kon­se­quenz ist dann oft: Sie wird sich noch stär­ker von uns dis­tan­zie­ren. Kom­mu­ni­zie­ren wir über so­zia­le Netz­wer­ke wie WhatsApp oder Face­book, soll­ten wir – ge­nau wie bei ei­nem ech­ten Brief – vor­sich­tig sein. War­um? Weil Ge­schrie­be­nes oft Miss­ver­ständ­nis­se ver­ur­sacht, die das an­ge­spann­te Ver­hält­nis wei­ter ver­här­ten könn­ten. Ein per­sön­li­ches Ge­spräch ver­spricht da mehr Er­folg bei der Kon­flikt­lö­sung – denn bei­de Sei­ten kön­nen un­mit­tel­bar re­agie­ren. Ma­chen

wir ein An­ge­bot. „Möch­test du mit mir re­den?“wird bes­ser funk­tio­nie­ren als „Ich will jetzt mit dir re­den“. Da blo­cken die meis­ten von vorn­her­ein ab. Wür­den wir um­ge­kehrt ja auch! Und der nächs­te Kon­takt­ver­such wird noch schwie­ri­ger.

Der an­de­re will kei­nen Kon­takt mehr.

Im­mer wie­der die „Tür of­fen hal­ten“und An­ge­bo­te ma­chen, zum Bei­spiel zum Ge­burts­tag und zu Weih­nach­ten ein paar net­te

Wor­te an ihn rich­ten, die frei von Vor­wür­fen sind. Wie wä­re es mit ei­nem lie­be­vol­len „Ich ver­mis­se dich“? In­di­rekt ist das ei­ne Auf­for­de­rung. So ge­ben wir ihm die Ge­le­gen­heit, von sich aus auf uns zu­zu­kom­men.

Schuld sind nicht im­mer die an­de­ren.

Ent­schul­di­gen wir uns, soll­ten wir nicht selbst­ver­ständ­lich da­von aus­ge­hen, dass der oder die an­de­re die Ent­schul­di­gung

an­nimmt. Auch nicht sel­ten: Wir selbst er­war­ten, dass der an­de­re sich bei uns ent­schul­digt, und es pas­siert nichts. Gut, das kann an des­sen Stur­heit lie­gen. Oft sind wir aber zu glei­chen Tei­len an dem Zer­würf­nis be­tei­ligt! Viel­leicht ma­chen wir dann

doch den ers­ten Schritt? Wenn es dann auch nicht klappt, kön­nen wir we­nigs­tens sa­gen: Wir ha­ben es zu­min­dest pro­biert. Fakt ist: Wir soll­ten nie ver­su­chen, un­be­tei­lig­te Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge in un­se­re Klä­rungs­ver­su­che ein­zu­span­nen.

Stän­dig ha­ben wir uns we­gen der Pfle­ge un­se­rer Mut­ter in den Haa­ren.

Ein The­ma, bei dem Vor­wür­fe an der Ta­ges­ord­nung sind. Weil meis­tens ei­ne Par­tei mehr Zeit für die Pfle­ge op­fert als die an­de­re. Wenn auch manch­mal nur ge­fühlt. Set­zen wir uns zu­sam­men und spre­chen dar­über, was je­dem von uns auf der See­le brennt. Wenn bei­de auf ih­rem Stand­punkt be­har­ren, kann es kei­ne Lö­sung ge­ben. Viel­leicht kön­nen wir die Ver­ant­wort­lich­kei­ten neu ver­tei­len, je nach Fä­hig­kei­ten und zeit­li­chen Ka­pa­zi­tä­ten.

Es kommt im­mer wie­der bei den­sel­ben The­men zum Streit.

Ti­cken wir das Pro­blem auf ei­nem Fa­mi­li­en­fest auch nur lei­se an, ist die Stim­mung so­fort ge­la­den. Ei­ne

Mo­de­ra­ti­on, zum Bei­spiel durch ein

an­de­res Fa­mi­li­en­mit­glied, oder ei­ne

Me­dia­ti­on hel­fen, Kon­flik­te bei­zu­le­gen. Ver­su­chen wir, uns dar­an zu er­in­nern, wie bei uns mit Strei­tig­kei­ten um­ge­gan­gen wor­den ist. Oft ha­ben Fa­mi­li­en nicht ge­lernt, Kon­flik­te kon­struk­tiv zu lö­sen. Tü­ren­knal­len ist auch ei­ne Form, auf Pro­ble­me zu re­agie­ren, aber sel­ten er­folg­reich. Tipp: Ver­su­chen wir, uns in un­se­re Schwes­ter oder Mut­ter hin­ein­zu­ver­set­zen, und schau­en aus ih­rer Per­spek­ti­ve auf uns – und un­se­re ge­mein­sa­me Ge­schich­te! Im bes­ten Fall ver­ste­hen wir, war­um sie an­ders den­ken und füh­len. Und wir kön­nen beim nächs­ten Mal an­ders re­agie­ren.

Der Kon­takt zu ei­nem na­hen Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen tut uns nicht gut.

Sich dem gar nicht erst aus­zu­set­zen ist in sol­chen Si­tua­tio­nen die Re­gel und scheint der ein­zi­ge Weg, sich zu schüt­zen. To­ta­ler Rück­zug hin­ter­lässt je­doch in den meis­ten Fäl­len Nar­ben auf der See­le. Leh­nen wir zum Bei­spiel un­se­re Mut­ter oder un­se­ren Va­ter ab, ge­ben wir auch ei­nen Teil von uns selbst auf. Denn wir ha­ben le­bens­läng­lich ei­ne Ver­bin­dung zu un­se­ren El­tern, da wir

von ih­nen ab­stam­men – ein äu­ßer­li­cher Ab­bruch än­dert dar­an nichts. Die in­ne­ren Ver­stri­ckun­gen oder Ver­bin­dun­gen be­ste­hen ja wei­ter­hin – so­gar über den Tod hin­aus. Tipp: Ver­su­chen wir, den Kon­takt an­ders zu ge­stal­ten, zum Bei­spiel zu ler­nen, wie wir uns men­tal ab­gren­zen kön­nen. Dar­über

hin­aus soll­ten wir of­fen über un­se­re

Ge­füh­le spre­chen und er­klä­ren, war­um wir et­was än­dern wol­len. Kön­nen die­se Din­ge nicht ge­klärt wer­den – aus wel­chen Grün­den auch im­mer –, kann man trotz­dem ei­nen Sta­tus quo er­rei­chen. Sprich: Man re­det wie­der mit­ein­an­der, pflegt ei­nen „nor­ma­len“Um­gang – und ver­sucht, die strit­ti­gen The­men zu­min­dest in

Zu­kunft zu mei­den. •

HUUUCH! Auf Fa­mi­li­en­fes­ten flie­gen schon mal die Tor­ten – wie im Film „The Ear­ly Bird“

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