Was be­deu­tet uns Le­bens­freu­de mit 50, 60, 70?

Man­che tra­gen sie in den Ge­nen, an­de­re müs­sen sie im­mer wie­der we­cken. Und oft be­grei­fen wir erst in Kri­sen, wie lie­bens­wert das Le­ben ist

Meins - - Inhalt -

Erst mal ist ja die Fra­ge: Was ist Le­bens­freu­de? Mei­ne ich da­mit die Lust zu fei­ern? Oder mei­ne ich da­mit ei­ne grund­sätz­lich po­si­ti­ve Ein­stel­lung zum Le­ben? Ich bin schon so ein Typ, der die High­lights des Le­bens in vol­len

Zü­gen ge­nie­ßen kann. Aber ich bin nicht die­je­ni­ge, für die die Tas­se im­mer halb voll ist. Le­bens­freu­de ist bei mir kein Zu­stand von lan­ger Dau­er. Frü­her war es für mich ab­so­lut un­mög­lich, dar­über hin­weg­zu­ge­hen, wenn mir et­w­tas oder je­mand quer­kam. Heu­te fällt es mir leich­ter, Tiefs zu um­schif­fen und mich über die klei­nen Din­ge zu freu­en. Et­w­tas ge­än­dert hat sich das schon, als ich Kin­der hat­te. Ih­re Un­be­fan­gen­heit und Fröh­lich­keit hat mich ent­zückt und ein Stück weit an­ge­steckt. Ei­nen rich­tig po­si­ti­ven Kick ha­be ich aber erst be­kom­men, als ich krank wur­de. Das klingt jetzt pa­ra­dox, doch so war es. Ich muss­te nicht um mein Le­ben fürch­ten. Trotz­dem ha­be ich mir vor­ge­stellt, wie es wä­re, wenn es jetzt vor­bei wä­re. Das hat mir die Au­gen da­für ge­öff­net, wie vie­le schö­ne Mo­men­te das Le­ben be­reit­hält, Som­mer­ta­ge am Meer, der ers­te Schnee, Ge­sprä­che mit mei­nen Freun­din­nen und vor al­lem die Lie­be mei­nes Man­nes, der mir auch nach 25 Jah­ren viel Auf­merk­sam­keit und Ge­bor­gen­heit schenkt. Es schien mir vie­les plötz­lich so wun­der­bar, was ich selbst­ver­ständ­lich ge­nom­men hat­te. Al­lein so was Ba­na­les wie die Mög­lich­keit, sich be­we­gen zu kön­nen. Ich bin sehr sport­lich – aber jetzt konn­te ich nicht mehr jog­gen, Ski lau­fen, schwim­men – nicht mal län­ge­re Zeit spa­zie­ren ge­hen. Da wird ei­nem erst klar, wie groß­ar­tig es ist, wenn man das kann. Und ich hat­te Zeit, dar­über nach­zu­den­ken, was mir die Le­bens­freu­de raubt. Oder wer. In ers­ter Li­nie na­tür­lich ich selbst. Es ist ja mei­ne Ent­schei­dung, ob ich mich mü­de im Hams­ter­rad dre­he oder neu­gie­rig je­den Tag be­grü­ße. Ob ich mich mit Ener­gie­räu­bern um­ge­be, die mir nicht gut­tun, oder sie aus mei­nem Le­ben strei­che. Ich ha­be dar­aus Kon­se­quen­zen ge­zo­gen, Bal­last ab­ge­wor­fen und mich von dem ei­nen oder an­de­ren ver­ab­schie­det. Und ich bin mil­der mit mir selbst ge­wor­den. Andrea, 53

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