Schick­sal An­na, 66, be­wahr­te ih­re Toch­ter Din­dia vor dem roll­stuhl

Dass ih­re Toch­ter im roll­stuhl sit­zen soll­te, will An­na Gut­mann, 66, nicht hin­neh­men. Und dann ge­schieht Un­glaub­li­ches …

Meins - - Inhalt - VON UTA DiETSCH

Ah­nung von Tech­nik? Hat An­na Gut­mann, 66, ei­gent­lich über­haupt nicht. Sie ist Künst­le­rin, malt mit Lei­den­schaft farb­sat­te Ge­mäl­de auf gro­ße Lein­wän­de. Zur Er­fin­de­rin mach­te sie erst die Krank­heit ih­rer Toch­ter. Din­dia, heu­te 25, ist halb­sei­tig ge­lähmt. Ver­ur­sacht durch ei­nen Schlag­an­fall, den sie drei Mo­na­te vor ih­rer Ge­burt im Mut­ter­leib hat­te. „Trotz­dem kam sie als schein­bar ge­sun­des Mäd­chen zur Welt“, er­in­nert sich ih­re Mut­ter. „Drei Mo­na­te spä­ter be­merk­ten wir eher durch ei­nen Zu­fall, dass sie ih­re lin­ke Kör­per­hälf­te kaum spürt und dort auch kei­ne Schmer­zen emp­fin­det.“

Der Kin­der­arzt fin­det zu­nächst, ih­re Ent­wick­lung sei an­sons­ten nor­mal. Bis sie mit zwei Jah­ren noch im­mer nicht lau­fen kann. Pu­re Faul­heit, un­ter­stellt ein Or­tho­pä­de. Das klei­ne Mäd­chen liegt meis­tens. „Ar­me und Bei­ne ru­der­ten manch­mal wie bei ei­ner Kra­ke“, sagt ih­re Mut­ter. Erst mit zwei­ein­halb macht Din­dia ih­re ers­ten Schrit­te, un­ter größ­ter An­stren­gung und im­mer mit star­ken Schmer­zen. Schließ­lich fin­det ein Neu­ro­lo­ge die Ur­sa­che. Die Fol­gen je­doch sind nicht ab­seh­bar. In den ers­ten Le­bens­jah­ren folgt ei­ne Odys­see bei Ärz­ten. Nie­mand macht An­na Gut­mann Hoff­nung, dass sich die zer­stör­ten Ge­hirn­zel­len im Kopf ih­rer Toch­ter je­mals re­ge­ne­rie­ren. Trotz in­ten­si­ver The­ra­pi­en fällt Din­dia das Ge­hen schwer, sie hat Schmer­zen, Schwin­del­an­fäl­le, stürzt häu­fig und lei­det im­mer wie­der un­ter spas­ti­schen Krämp­fen.

Schon in der Grund­schu­le

wird sie oft ge­hän­selt. „Die Jungs ha­ben ihr auf der Trep­pe gern mal ein Bein ge­stellt“, sagt An­na Gut­mann. Ob­wohl Din­dia ei­gent­lich ein fröh­li­ches Mäd­chen ist, das gern lacht, sieht ih­re Mut­ter, wie sehr sie lei­det und sich im­mer wei­ter in sich zu­rück­zieht. „Mit elf Jah­ren konn­te Din­dia dann kaum noch wei­ter als 200 Me­ter ge­hen“, er­in­nert sich An­na Gut­mann. „Ich muss­te sie mit dem Bug­gy zur Schu­le brin­gen. Da war sie schon auf dem Gym­na­si­um. Ihr war das furcht­bar pein­lich.“Die Ärz­te er­klä­ren das Mäd­chen in die­sem Al­ter für aus­the­ra­piert. Der Roll­stuhl scheint un­ver­meid­lich. Es zer­reißt der Mut­ter das Herz. Mein schö­nes, star­kes Mäd­chen, ich muss ihr doch hel­fen kön­nen, geht es ihr Tag und Nacht durch den Kopf. Ir­gend­wann wird ihr klar: „Kei­ner wird Din­dia wei­ter­hel­fen. Ich wer­de nie­man­den fin­den. Wenn ich will, dass ihr ge­hol­fen wird, muss ich es selbst tun.“Und dann ge­schieht Un­glaub­li­ches: Die Künst­le­rin ent­wi­ckelt ein

Ich merk­te, wenn ich will, dass ihr ge­hol­fen wird, muss­te ich es selbst tun

AN­NA GUT­MANN

Dank mei­ner Mut­ter bin ich heu­te ein un­ab­hän­gi­ger Mensch

DiN­DiA GUT­MANN

spe­zi­el­les Trai­nings­pro­gramm. „Ich ha­be ihr das Lau­fen ein­fach noch mal neu bei­ge­bracht“, sagt sie. Din­dia fin­det tat­säch­lich mit der Zeit auf die Zu­ru­fe ih­rer Mut­ter ihr Gleich­ge­wicht. Auch ge­gen die Spas­men trai­nie­ren sie täg­lich. Es funk­tio­niert! Nur al­lein lau­fen, das klappt noch im­mer nicht. Din­dia ist auf ih­re Mut­ter an­ge­wie­sen. „Das konn­te es aber nicht sein“, sagt An­na Gut­mann kämp­fe­risch. „Din­dia soll­te doch end­lich un­ab­hän­gig sein.“

„Ich woll­te un­be­dingt ver­ste­hen, war­um sie nicht

lau­fen kann.“Ge­hol­fen hat ihr da­bei ein be­freun­de­ter Neu­ro­lo­ge. „Ei­gent­lich hat er im­mer mit mir ge­schimpft und mir ge­nau er­klärt, war­um Din­dia ih­ren Kör­per nie­mals selbst steu­ern kann. Da­her wuss­te ich: Was ich brau­che, ist ei­ne künst­li­che Steue­rung.“Denn halb­sei­tig Ge­lähm­te ha­ben ein Rest­emp­fin­den, mer­ken aber nicht, wenn sie schief wer­den. „Ich muss­te al­so ir­gend­et­was fin­den, was mes­sen konn­te, ob et­was waa­ge­recht ist. Ich ha­be hem­mungs­los ex­pe­ri­men­tiert“, er­zählt An­na Gut­mann. „Ich hat­te ja nichts zu ver­lie­ren.“

Sie geht in den Elek­tro­f­ach­han­del, lässt sich wie­der und wie­der be­ra­ten, bis die Ver­käu­fer ent­nervt auf­ge­ben. An­na Gut­mann nicht. Sie lö­tet al­les Mög­li­che zu­sam­men, nicht gera­de pro­fes­sio­nell, wie sie selbst sagt. Sie hat ja kei­ne Ah­nung von Tech­nik, aber den Glau­ben dar­an, dass es ir­gend­wie funk­tio­nie­ren muss. „Als ich in der Kü­chen­schub­la­de schließ­lich ei­ne al­te Ta­schen­lam­pe fand, be­sorg­te ich mir ei­nen Qu­eck­sil­ber­schal­ter, der auf Nei­gung re­agiert, und lö­te­te bei­des mit ei­nem lan­gen Draht zu­sam- men.“Den Schal­ter klebt sie Din­dia auf die ge­lähm­te lin­ke Schul­ter und die Ta­schen­lam­pe in die Hand. Im­mer wenn Din­dia schief steht, leuch­te­te jetzt die Lam­pe auf. Und tat­säch­lich: Schon nach we­ni­gen Wo­chen kann sie mit die­sem selbst ge­bau­ten Ap­pa­rat re­la­tiv gut ge­hen.

Als zwei­te Ver­si­on folgt ein Ge­rät mit ei­ner Si­re­ne. „Din­dia moch­te das Ge­rät nicht sehr. Es war ihr zu laut, zu auf­fäl­lig.“Auch An­na Gut­mann will sich da­mit nicht zu­frie­den­ge­ben. Sie ver­fei­nert das Ge­rät und baut 2005 den ers­ten Pro­to­ty­pen – ver­packt in ei­ner Brot­box. Beim ers­ten Aus­pro­bie­ren ruft Din­dia be­geis­tert: „Ma­ma, die Welt wa­ckelt ja gar nicht mehr.“

Pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zer fin­det An­na Gut­mann schließ­lich an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin, wo man ihr hilft, den Pro­to­typ wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. „Din­dia war be­geis­tert. Sie hat­te end­lich das Ge­fühl, ih­ren Kör­per zu spü­ren.“Das ReMoD, ein klei­ner, schwar­zer Kas­ten mit Elek­tro­den und schma­len Gur­ten, er­mög­licht ihr nun seit acht Jah­ren ein nor­ma­les Le­ben.

Din­dia stu­diert heu­te in

Ams­ter­dam. Macht gera­de ih­ren Mas­ter in Volks­wirt­schafts­leh­re. Sie kann auf Par­tys tan­zen, in den Ber­gen wan­dern, al­lein mit dem Ruck­sack durch Ma­rok­ko rei­sen. Ein Jahr lang hat sie in Por­tu­gal stu­diert. Stolz ist An­na Gut­mann ko­mi­scher­wei­se nicht auf ih­re Er­fin­dung. „Es ist eher so, dass ich mein Kind jetzt mit ei­nem gu­ten Ge­fühl in die Welt las­sen kann. An­de­re sind trau­rig, wenn ih­re Kin­der flüg­ge wer­den. Ich bin glück­lich, dass mei­ne Toch­ter das kann.“

Denn ihr Selbst­be­wusst­sein ist von null auf hun­dert ge­stie­gen. Und die Leu­te star­ren sie nicht mehr an. Um auch an­de­ren zu hel­fen, ent­wi­ckeln bei­de ei­ne Ge­schäfts­idee. An­de­re Be­trof­fe­ne sol­len auch ein nor­ma­les Le­ben füh­ren, oh­ne Roll­stuhl und oh­ne Aus­gren­zung. Ein Pa­tent ha­ben Mut­ter und Toch­ter be­reits an­ge­mel­det (In­fos un­ter www.he­mi­pa­res­ethe­ra­pie.de). „Das Ge­rät auf dem Markt zu eta­blie­ren wird ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung“, sagt An­na Gut­mann. „Es zu er­fin­den war da­ge­gen rich­tig ein­fach.“Un­fass­bar, was Mut­ter­lie­be manch­mal al­les schaf­fen kann. •

Es ist ein Glück , mei­ne Toch­te

R al­lein in die Welt las­sen zu kön­nen

Mit­tEn iM lE­bEn An­na und Din­dia (r.) ha­ben es ge­schafft – ge­mein­sam. Mit ganz viel Kraft, Mut und Lie­be

Ein lan­GEr wEG Gro­ße Holz­ku­geln soll­ten Din­dias Auf­merk­sam­keit auf ih­re kran­ke Hand rich­ten

aL­Lein Ge­hen Mit­hil­fe die­ses Ge­räts kann Din­dia lau­fen

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