Mein Le­ben

De­bra Mil­ke, 52, saß 22 Jah­re un­schul­dig in der To­des­zel­le

Meins - - Inhalt - VON ANDRE­AS JUHN­KE

Har­te Scha­le, wei­cher Kern, heißt es. De­bra Mil­ke, 52, ist das Ge­gen­teil: wei­che Scha­le, har­ter Kern. Ih­re Freund­lich­keit und Zu­rück­hal­tung hät­ten sie fast ihr Le­ben ge­kos­tet. Nur ih­re in­ne­re Zu­ver­sicht hat sie über­le­ben las­sen. „Ich war über­rascht, wie viel Stär­ke ich be­sit­ze“, sagt sie, als MEINS sie in Ber­lin trifft. Oh­ne Un­mut lässt sie sich vom Fo­to­gra­fen hier­hin und dort­hin plat­zie­ren. Sie ist trotz Schmin­ke blass, die Haa­re schloh­weiß. Die Zeit im Ge­fäng- nis frisst al­le Far­ben. „Ge­duld ha­be ich ge­lernt“, er­klärt sie. „Es hat Jah­re ge­dau­ert, aber dann ha­be ich be­grif­fen: Ich kann mei­ne Si­tua­ti­on nicht än­dern. Ich muss war­ten.“

Die sanf­te, nach­denk­li­che Sprech­wei­se der Deutsch-Ame­ri­ka­ne­rin ver­rät nichts dar­über, wo sie 23 Jah­re, fast die Hälf­te ih­res Le­bens, ver­bracht hat: in der stahl­har­ten Welt des Staats­ge­fäng­nis­ses Per­ry­vil­le von Ari­zo­na. Im To­des­trakt muss­te sie schon ih­re Hin­rich­tung üben. „Aber in mei­nen Ge­dan­ken ha­be ich im­mer in der Au­ßen­welt ge­lebt“, er­zählt sie. „Ich ge­hö­re hier­her, nicht hin­ter Ge­fäng­nis­mau­ern.“

Ein wah­rer Alb­traum brach­te sie im De­zem­ber 1989 ins US-Staats­ge­fäng­nis. De­bra leb­te mit ih­rem Sohn Chris­to­pher zur Un­ter­mie­te bei ih­rem Be­kann­ten Jim. Sie hat­te nach ih­rer Schei­dung ihr Le­ben neu sor­tiert, ei­nen Job ge­fun­den, ei­ne Woh­nung an­ge­mie­tet, die sie im Ja­nu­ar dar­auf be­zie­hen woll­te, ei­nen Kin­der­gar­ten­platz ge­bucht, Weih­nachts­ge­schen­ke für ih­ren Sohn schon un­ter dem Bett ver­steckt.

Chris­to­pher wünsch­te sich, den Weih­nachts­mann zu tref­fen. Jim bot an, ihn in ein Ein­kaufs­zen­trum in Pho­enix mit­zu­neh­men, wo San­ta Claus sich die Wün­sche der Kin­der an­hört. „See you la­ter, al­li­ga­tor!“, rief Chris­to­pher ihr an die­sem Sams­tag­mor­gen zu. „Af­ter a whi­le, cro­co­di­le!“, gab sie lä­chelnd zu­rück.

„Ich ha­be ge­gen­über mei­nem Sohn ver­sagt, als ich ihn da­mals mit Jim ge­hen ließ.“Das wirft sie sich bis heute vor. Die­ses Schuld­ge­fühl wird ihr kein Ge­richt der Welt neh­men kön­nen.

Da­bei hat­te nichts auf die Ka­ta­stro­phe hin­ge­deu­tet. Chris­to­pher moch­te Jim. Der schmier­te ihm Erd­nuss­but­ter­bro­te

ICH LER­NE, MIT MEI­NER TRAU­NER ZU LE­BEN

und schau­te mit ihm die Schlümp­fe im Fern­se­hen. Jim hat­te selbst ei­ne Toch­ter, die bei der Mut­ter leb­te. Sie woll­te er auch mit zum Weih­nachts­mann neh­men.

Statt­des­sen ga­belt er sei­nen Schul­freund Ro­ger auf, ein Viet­nam-Ve­te­ran und Psy­cho­path. Den moch­te De­bra nie. Die Män­ner fah­ren mit ih­rem Sohn nicht zum Weih­nachts­mann, son­dern in die Wüs­te. Und ei­ner von bei­den er­schießt Chris­to­pher. Jim be­haup­tet, dass Ro­ger es ge­tan ha­be. Ro­ger er­klärt, sie bei­de hät­ten ge­schos­sen. Und dass De­bra den Auf­trag da­zu ge­ge­ben ha­be, weil sie ih­ren Sohn los­wer­den woll­te.

De­bra wird zur Po­li­zei ge­bracht. De­tec­tive Ar­man­do Sal­da­te, Ver­hör­spe­zia-list in Ari­zo­na, ver­nimmt sie al­lein und ver­kün­det an­schlie­ßend, sie ha­be ihm die Tat ge­stan­den. De­bra be­strei­tet das. Es gibt kei­ne Zeu­gen, kein Ton­band, kein Pro­to­koll. Jah­re spä­ter erst wird sich her­aus­stel­len, dass Sal­da­tes le­gen­dä­rer Ruf auf fal­schen Tat­sa­chen be­ruh­te: weil er die Ge­ständ­nis­se fälsch­te.

All das kommt erst nach und nach raus. Weil De­bra vie­le Un­ter­stüt­zer hat­te, vor al­lem ih­re Mut­ter. Und weil sie nie auf­gab. „Ich hät­te sonst ein zwei­tes Mal ge­gen­über mei­nem Sohn ver­sagt.“

Als der Alb­traum be­gann, war sie ganz al­lein.

„Mein Va­ter und mei­ne Schwes­ter hat­ten sich ab­ge­wandt. Mei­ne Mut­ter leb­te weit weg in Deutsch­land. Und für die Me­di­en war ich ein Mons­ter. Die Mit­ge­fan­ge­nen rie­fen ,Ba­by-Kil­ler! Ba­by-Kil­ler!‘, als ich die win­zi­ge Zel­le im To­des­trakt be­zog.“

De­bra leb­te in ei­ner Ein­zel­zel­le, ei­ne St­un­de Hof­gang, im­mer in Er­war­tung des Hin­rich­tungs­ter­mins oder des Er­geb­nis­ses ei­nes Ein­spruchs. „Manch­mal steck­te ei­ne Wär­te­rin ih­re Hand durch die Zel­len­klap­pe, ich soll­te sie be­rüh­ren. ,Da­mit du nicht ver­gisst, wie sich das an­fühlt‘, sag­te sie. Ich war ihr dank­bar da­für.“1998 gab es ei­nen kon­kre­ten Hin­rich­tungs­ter­min. „Der Arzt frag­te mich da­mals: Möch­ten Sie lie­ber Gas oder Sprit­ze? Mei­ne Ve­nen wur­den ge­prüft. Es war ein un­wirk­li­ches Ge­fühl. Es war, als pas­sier­te das al­les je­mand an­de­rem.“Doch ih­re An­wäl­te leg­ten er­folg­reich Ein­spruch ein.

Erst nach 23 Jah­ren öff­nen sich die schwe­ren Tü­ren des Staats­ge­fäng­nis­ses wie­der für sie. Mit Fuß­fes­sel und ei­nem Sta­pel Koch­re­zep­te un­term Arm tritt sie in die Frei­heit. „Das Es­sen im Ge­fäng­nis war grau­en­haft“, er­zählt sie. „Wenn ich ein le­cke­res Re­zept in ei­ner Zeit­schrift sah, riss ich es raus. Ich dach­te, wenn ich frei­kom­me, ko­che ich al­les nach.“

Ih­re Mut­ter, Freun­de und ih­re An­wäl­te er­war­te­ten sie. Aber De­bra sah nur nach oben. „Plötz­lich war da so viel Him­mel! Ich hat­te so lan­ge nur ei­nen klei­nen Aus­schnitt ge­se­hen. Und ich be­kam Ro­sen ge­schenkt. Wie hat­te ich ih­ren Duft ver­misst!“

De­bra be­zog das Haus ei­nes Freun­des, rings­um die Wei­te der Wüs­te. „Aber ich hat­te mein Ziel ver­lo­ren. Mein Sieg war bit­ter, weil Chris­to­pher nicht bei mir ist. Ich stopf­te al­le mei­ne Ak­ten in den Reiß­wolf und fiel in ei­ne De­pres­si­on. Erst als ich mir mei­ne Hün­din An­gel und den Ka­ter Mr. Lu­cky zu­leg­te, wur­de es bes­ser.“

Die neu­en Zei­ten mach­ten ihr zu schaf­fen. „Im Re­stau­rant sit­zen Fa­mi­li­en und re­den kein Wort, al­le star­ren bloß auf ih­re Han­dys!“Im­mer­hin, über Face­book fin­det sie ih­ren Nef­fen wie­der. Er ist mit 30 fast so alt, wie Chris­to­pher heute wä­re, und „wie ein Sohn für mich.“

Das hilft – ein biss­chen. „Chris­to­pher fehlt mir, mei­ne Trau­rig­keit ist im­mer da. Aber mein The­ra­peut hat ver­spro­chen, dass er mir bei­bringt, da­mit zu le­ben, statt sie zu be­kämp­fen“, sagt De­bra sanft. Wie das ih­re star­ke Art ist. •

DEN DUFT VON RO­SEN, DEN HAB’ ICH SO VER MISST

wie­Der Son­ne iM Haar De­bra Mil­ke, 52, Toch­ter ei­ner Deut­schen und ei­nes US-Sol­da­ten, wur­de in Ber­lin ge­bo­ren, leb­te aber die meis­te Zeit in Ari­zo­na

tref­fen

in Ber­lin mit Andre­as Juhn­ke von MEINS. Hier hat De­bra noch na­he Ver­wand­te

Ma­Ma

Kurz vor ih­rem Krebs­tod konn­ten sich die bei­den 2013 in Frei­heit um­ar­men

CHriS­to­pHer De­bras Sohn wur­de nur vier Jah­re alt. „Wo er war, war La­chen“, sagt sie

bio­gra­fie

Auch die Au­to­rin Ja­na Bom­mers­bach hielt De­bra für schul­dig. Bis sie den Fall ge­nau­er kann­te. Dro­emer, 19,99 €

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