Neu­an­fang

an­ge­li­ka Rie­mann, 61, lebt ein neu­es Le­ben in Neu­see­land

Meins - - Inhalt - VON ALEX EMUNDS

Ta­del­lo­se In­ter­net­ver­bin­dung, den­ken An­ge­li­ka und ich, wäh­rend wir sky­pen. Dan­ke, Te­le­kom! Mehr als 18 000 km und zwölf St­un­den Zeit­ver­schie­bung tren­nen uns. Die ge­bür­ti­ge Schles­wig-Hol­stei­ne­rin plau­dert gern über das Le­ben. Ge­ra­de geht’s bei ihr rund. Vor acht Mo­na­ten er­öff­ne­te sie mit Freun­din An­ne­ke Saal­feld, 45, das „Ca­fé Ber­lin“– im neu­see­län­di­schen Christ­church, das schön län­ger ihr Zu­hau­se ist.

Vor 15 Jah­ren ist sie auf und da­von. Ih­re Ehe am En­de, das Ho­tel, das sie mit ih­rem Ex-Mann in Bü­sum lei­tet, kei­ne Op­ti­on mehr. „Ich woll­te so weit weg, wie es ging. Neu­see­land in­ter­es­sier­te mich, das Land, die Leu­te, die Kul­tur. Ir­gend­wie dach­te ich: Da könn­te je­mand wie du will­kom­men sein – welt­of­fen, hip, aber nicht zu hip, und na­tur­ver­bun­den. Al­so bin ich hin.“An­ge­li­ka reist quer durchs Land, ge­nießt die Frei­heit. „Ich woll­te das Gras rie­chen. Ich ha­be in Ti­pis ge­schla­fen, nur von der Hand in den Mund ge­lebt.“

In Christ­church wird sie sess­haft. Zu­fäl­lig. Weil sie ih­ren Le­bens­un­ter­halt si­chern muss und ein Sou­ve­nir- la­den Aus­hil­fen sucht, die meh­re­re Spra­chen spre­chen. Sie spricht vier – und wird mit Kuss­hand ge­nom­men.

Zu­fäl­le muss man beim

schopf pa­cken. Als ge­lern­te Tou­ris­tik-Fach­wir­tin ist An­ge­li­ka für vie­les qua­li­fi­ziert und stößt bald auf ei­ne Fir­ma, die den Tou­ris­mus vor Ort or­ga­ni­siert. Sie fin­det ih­ren Traum­job – bis das gro­ße Erd­be­ben 2011 das gan­ze

Seit ich das Ca­fé ha­be, bin ich total ka­putt, aber glück­lich!

Land er­schüt­tert. Nach acht Jah­ren ist sie wie­der oh­ne Ar­beit. Zum ers­ten Mal mel­den sich Zwei­fel: Ist das al­les das Rich­ti­ge? Wie soll’s wei­ter­ge­hen? Aber sich hän­gen las­sen kommt nicht in­fra­ge. Ei­ne Tank­stel­le sucht Aus­hil­fen. Ein Licht­blick. Fürs Le­ben reicht es. Bald ma­nagt sie meh­re­re Tan­ken al­lein. Er­folg­reich, aber: „Das war bru­tal. Ein 24/7-Job oh­ne Durch­at­men.“Sie wech­selt zu ei­nem deut­schen Metz­ger na­he ih­res Wohn­or­tes in New Brigh­ton – und ge­nießt es, mit deut­schen Kun­den zu klö­nen. Ei­ne von ih­nen ist An­ne­ke Saal­feld, 45, aus Nie­der­sach­sen. Sie lebt schon ei­ni­ge Jah­re hier.

Schnell wer­den die bei­den Nord­lich­ter Freun­din­nen.

Auch An­ne­ke hat nach dem Erd­be­ben kei­nen Job, aber ei­ne Idee: ein Ca­fé. „Ei­gent­lich war sie die Initia­to­rin. Ir­gend­wann rief sie mich an und sag­te: ‚Wir ma­chen jetzt Nä­gel mit Köp­fen und schau­en uns mal ein paar Lä­den an.‘ Ich sag­te Ja. Ich bin ja of­fen für Neu­es“, re­sü­miert An­ge­li­ka. „An­ne­ke war gu­ter Din­ge, weil ich Er­fah­rung hat­te. Nicht nur in der Gas­tro­no­mie, ich kom­me ja aus ei­ner Bä­cker- und Kon­di­tor-Fa­mi­lie.“Nach lan­ger Su­che lan­den sie im Stadt­teil Stro­wan den Glücks­tref­fer. Mie­te? La­ge? Läuft. Zeit­gleich schließt ein De­li­ka­tes­sen­la­den, des­sen Ein­rich­tung sie güns­tig er­stei­gern. „Al­les hat ge­passt. Ich war über­glück­lich.“

War­um „Ca­fé Ber­lin“?

„Un­se­re Haupt­stadt kennt je­der. Und je­der ver­bin­det da­mit ty­pisch deut­sches Es­sen“, er­klärt An­ge­li­ka. Tat­säch­lich stür­men Neu­see­län­der wie Deut­sche, die teil­wei­se seit Ge­ne­ra­tio­nen in Christ­church le­ben, den La­den. Der Ren­ner: Ber­li­ner Kar­tof­fel­sa­lat, Bu­let­ten, Würst­chen im Schlaf­rock und Bie­nen­stich. Den macht An­ne­ke je­den Mor­gen selbst. Es läuft so gut, dass sie Aus­hil­fen ein­stel­len müs­sen. Wenn An­ge­li­ka abends nach Hau­se kommt, ist sie tod­mü­de, aber zu­frie­den. „Ich kann mich hier total aus­le­ben. Ich lie­be es, mit den Kun­den zu schna­cken und ih­nen deut­sche Ess­kul­tur nä­her­zu­brin­gen.“

Nach ei­nem an­stren­gen­den Ar­beits­tag lässt sie sich gern von ih­rem Mann Ant­ho­ny, 54, be­ko­chen. Mit dem Neu­see­län­der ist sie seit neun Jah­ren „very hap­py“. Was sie be­son­ders an ihm schätzt, ist sei­ne Ge­las­sen­heit. Bei ihm ist das Glas im­mer halb voll, und für je­des Pro­blem gibt es ei­ne Lö­sung. Klingt, als sei sie an­ge­kom­men. „Nein, noch lan­ge nicht. Das hört sich so nach En­de an. Ich möch­te mich im­mer wei­ter­ent­wi­ckeln und vor­wärts­ge­hen.“•

seht her, wie glück­lich ich bin.“An­ge­li­ka wohnt am Strand

ma­De iN ger­ma­Ny

Im „Ca­fé Ber­lin“gibt’s auch Klö­ße, Gur­ken und Rot­kohl

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Je­den Tag gibt es fri­schen Bie­nen­stich. „Oh­ne den geht gar nix!“

saF­ti­ges grüN Ein Grund, war­um An­ge­li­ka nicht mehr weg­will aus Neu­see­land

te­am­work

An­ge­li­ka be­treibt das schmu­cke Ca­fé ge­mein­sam mit An­ne­ke Saal­feld, 45

Zau­Ber­haFt fin­det sie die Alt­stadt von Christ­church

Der reN­Ner

Auf ty­pi­sche Ber­li­ner Bu­let­ten fah­ren die Neu­see­län­der total ab

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