Was be­deu­ten uns Ge­burts­ta­ge mit

50, 60, 70?

Meins - - Inhalt -

Manch­mal ist es schön, wie­deR die klei­ne Toch­te R zu sein

Die Zeit der wil­den Fe­ten ha­be ich hin­ter mir. Aber ich ze­le­brie­re mei­nen Ge­burts­tag – am liebs­ten für mich al­lein. Neh­me mir ein paar St­un­den Aus­zeit vom Le­ben. Je­den­falls den Tag über. Abends kom­men Gäs­te vor­bei, Freun­de, Nach­barn – wer ge­ra­de Zeit und Lust

50 mit hat. Ich mag nicht von lan­ger Hand pla­nen, wie ich fei­ern will. Und schon gar nicht den gan­zen Tag in der Kü­che ste­hen, es ist ja MEIN Tag. Na­tür­lich bin ich auf Gäs­te vor­be­rei­tet, und es hat sich in­zwi­schen auch so ein­ge­spielt, wer kommt, bringt was mit. Und weil ich nicht ein­la­de, ist es auch für mich span­nend, was dar­aus wird. Die­se zwang­lo­sen Get-to­ge­thers sind viel span­nen­der als durch­kom­po­nier­te Fe­ten. Weil kei­ner et­was Be­son­de­res er­war­tet und ich mich nicht un­ter Druck set­ze, die per­fek­te Gast­ge­be­rin zu sein. An mei­nem Ge­burts­tag ha­be ich so mei­ne Ri­tua­le. Den Mor­gen ver­bum­meln, spa­zie­ren ge­hen, imCa­fé sit­zen und Ta­ge­buch schrei­ben. Es ist ein gu­ter Tag, um­Bi­lanz zu zie­hen: Wo ste­he ich? Wo will ich hin? Wie fühlt sich

das Le­ben an? Im Mo­ment ge­ra­de fa­bel­haft. Und dann freue ich mich auf das Päck­chen von mei­ner Mut­ter, das – ich weiß nicht, wie sie es hin­kriegt – im­mer ge­nau zum Ge­burts­tag an­kommt. Und im­mer noch ei­ne Art Ca­re-Pa­ket ist, wie sie es mir in mei­ner Stu­di­en­zeit ge­schickt hat: selbst ge­mach­te Mar­me­la­de und Pra­li­nen, Klei­nig­kei­ten – und Geld. Ei­gent­lich un­sin­nig, sie könn­te auch vor­bei­kom­men, denn wir woh­nen schon lan­ge wie­der in der glei­chen Stadt. Aber auch so­oo rüh­rend. Und ich weiß, sie hat min- des­tens so viel Spaß beim Ein­pa­cken wie ich beim Aus­pa­cken. Manch­mal fra­ge ich mich al­ler­dings, ob sie an die­se­mRi­tu­al fest­hal­ten wür­de, wenn ich ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie hät­te. Aber ich mag die­se Für­sor­ge, ich füh­le mich so ge­bor­gen. Und wer­de das ei­nes Tages si­cher ver­mis­sen. So, wie ich es ver­mis­se, dass mein Va­ter vor­bei­kommt und mei­nen Bal­kon bzw. die Ter­ras­se be­pflanzt. Auch wenn wir uns durch­aus nicht im­mer ei­nig wa­ren. Wenn mir da­nach ist, ver­brin­ge ich den Nach­mit­tag mit mei­ner Mut­ter. Da muss ich al­ler­dings ei­nen Tag vor­her an­ru­fen. Sie wä­re un­tröst­lich, oh­ne Ge­burts­tags­ku­chen da­zu­ste­hen. Und nur sie kann mei­nen Lieb­lings­ku­chen, ei­ne fan­tas­ti­sche

Li­mo­nen­tor­te. Ba­cken ist ihr Ele­ment. Ich re­van­chie­re mich da­für mit mei­nen Koch­küns­ten. Wenn ich dann den Hö­rer auf­ge­legt ha­be, weiß ich, dass sie jetzt flink in die Kü­che wit­schen wird, die Vor­rä­te in­spi­ziert – über­flüs­sig, mei­ne Mut­ter ist auf al­le Even­tua­li­tä­ten des Le­bens vor­be­rei­tet –, die Schür­ze um­bin­det und los­legt. Und dann füh­le ich mich ein biss­chen wie zehn, ja, manch­mal ist es ganz schön, wie­der die „klei­ne Toch­ter“zu sein.

Dein Al­ter ist ir­re­le­vant, es sei denn, du bist ei­ne Fla­sche Wein. VON JO­AN COL­LINs, 82, us-sCHAu­spIE­LE­rIN

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.