Frau­en wie wir

Der Tod ih­res Man­nes for­der­te von ta­ma­ra dietl, 52, ei­ne kla­re Ent­schei­dung zum Le­ben. MEINS-Re­dak­teur Andre­as Juhn­ke traf ei­ne ex­trem star­ke Frau

Meins - - Inhalt -

Ta­ma­ra Dietl, 51, über den Ver­lust ih­res Man­nes – und wie sie Kraft schöpf­te

Seit 30 Jah­ren ken­ne ich Ta­ma­ra. Da­mals leb­te sie noch in Hamburg. Wir tra­fen uns al­le paar Wo­chen in fröh­li­cher Run­de zum Es­sen. Sie war ei­ne toughe Jour­na­lis­tin, ar­bei­te­te als Ge­richts­re­por­te­rin für ei­ne Lo­kal­zei­tung, spä­ter für „Spie­gel TV“. Sie hieß noch Duve mit Nach­na­men, wie der SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Frei­mut Duve, der ihr Va­ter ist. Sie hat­te ei­ne Kat­ze und ei­nen Freund, um den sie die hal­be Stadt be­nei­de­te. Die an­de­re Hälf­te be­nei­de­te ihn um sie, weil die ägyp­ti­sche An­mut ih­rer Mut­ter und die Elo­quenz des Va­ters bei ihr ei­ne kaum wi­der­steh­li­che Me­lan­ge er­ge­ben hat­ten.

Wir ver­lo­ren uns An­fang der 90erJah­re aus den Au­gen. Ich sah ih­re TVFil­me über Ro­my Schnei­der, Ja­mes De­an oder Wal­ter Sedl­mayr. Spä­ter las ich nur noch in der Zei­tung über sie. Sie war die Frau von Hel­mut Dietl ge­wor­den, dem ge­nia­len Re­gis­seur, der die TV-Se­rie „Kir Roy­al“, den Film „Sch­tonk“und an­de­re gro­ße Ko­mö­di­en ge­dreht hat­te.

En­de 2013 gab Hel­mut Dietl der „Zeit“ein In­ter­view. Er ha­be Lun­gen­krebs, er­zähl­te er. Die Ärz­te gä­ben ihm zehn Pro­zent Über­le­bens­chan­ce. Ob­wohl er ei­ne zehn­jäh­ri­ge Toch­ter hat­te – ne­ben zwei er­wach­se­nen Kin­dern – und ei­ne Frau, die fast 20 Jah­re jün­ger war als er, woll­te er sich nicht mit der klas­si­schen Be­hand­lung in ei­ner Schlacht ge­gen die Krank­heit quä­len, die nicht mehr zu ge­win­nen war.

In Ta­ma­ras Ar­men schlief er En­de März 2015 für im­mer ein.

Mehr als ein Jahr da­nach ist es zeit für ein ge­spräch.

Ta­ma­ra, wie geht es dir? „Ich ste­he vor dem Be­ginn ei­nes neu­en Le­bens“, sagt sie nach­denk­lich. „Ich glau­be, wir ha­ben im­mer die Wahl, wie wir uns ent­wi­ckeln wol­len. Ich bin selbst ge­spannt, wo­hin ich jetzt wei­ter­wach­sen wer­de.“Ich spü­re, wie sehr sie sich ver­än­dert hat. Da­mals wa­ren wir al­le fieb­rig und un­ge­dul­dig. Un­se­re Er­fah­run­gen und auch un­se­re Kin­der las­sen uns an­ders auf die Welt schau­en.

Sie hat im letz­ten Jahr ein Buch über das Le­ben mit ih­rem Mann und sein Ster­ben ge­schrie­ben (s. Buch-Tipp). „Wie wir Kri­sen sinn­voll nut­zen kön­nen“, heißt der Un­ter­ti­tel. Auch so et­was Sinn­lo­ses wie den Tod? „Wenn wir nicht im Schmerz und in der Trau­rig­keit ver­har­ren, kön­nen uns Kri­sen klar­ma­chen, was wirk­lich wich­tig ist im Le­ben“, glaubt Ta­ma­ra.

„Ich ha­be das tie­fe Be­dürf­nis, nicht Op­fer der Um­stän­de zu sein. Ich bin zwar nicht frei von äu­ße­ren Be­din­gun­gen. Aber ich bin frei, zu ent­schei­den, wie ich mich da­zu stel­le“, er­klärt sie. Auf ih­rem Schreib­tisch liegt die Au­to­bio­gra­fie von In­grid Be­tan­court. Sie war Prä­si­dent­schafts-Kan­di­da­tin in

IhR Mot­to: Ich las­se miR von miR selbst nicht al­les ge­fal­len

Ko­lum­bi­en und wur­de sechs Jah­re als Gei­sel von Gue­ril­las fest­ge­hal­ten. Sie spricht Ta­ma­ra aus dem Her­zen. „Ich war um den Hals an ei­nen Baum ge­ket­tet“, schrieb Be­tan­court nach der Be­frei­ung. „Man hat­te mir al­les ge­nom­men. Stän­dig wur­de ich ge­de­mü­tigt. Es hat Jah­re ge­dau­ert, aber schließ­lich ver­stand ich, dass ich noch im­mer das Kost­bars­te be­saß: Die Frei­heit, zu ent­schei­den, wer ich selbst war. Ich war kein Op­fer, ich war ei­ne Über­le­ben­de.“

Mit ih­rem Hel­mut hat Ta­ma­ra oft dis­ku­tiert, wie man sein Le­ben le­ben kann. Er heg­te und pfleg­te sei­ne Neu­ro­sen, weil er sie für das Ge­strüpp hielt, aus dem die ge­nia­len Ide­en für sei­ne Fil­me wu­cher­ten. Sei­ne cho­le­ri­schen An­fäl­le wa­ren wuch­tig wie die ei­nes Kin­des. Er hielt Men­schen für das Er­geb­nis ih­rer Le­bens­um­stän­de.

Sie hin­ge­gen wähl­te das Mot­to „ich las­se mir von mir nicht al­les ge­fal­len“, das der Wie­ner Psych­ia­ter Dr. Vik­tor Frankl for­mu­liert hat. „Ich fin­de es wun­der­bar, von Ge­füh­len über­flu­tet zu wer­den, im Po­si­ti­ven wie im Ne­ga­ti­ven. Aber ich will die Ent­schei­dung tref­fen kön­nen, wann das pas­siert und wann nicht. Das ist für mich ein er­wach­se­ner Um­gang mit Ge­füh­len.“

Sie über­legt, scheint in Ge­dan­ken bei ih­rem Mann zu sein. Ih­re blau­grau­en Au­gen leuch­ten beim Ge­dan­ken an ihn. „Grund­sätz­lich war ihm mei­ne Le­bens­hal­tung su­spekt“, er­zählt sie. „Aber am Schluss, als er selbst in der Kri­se war, hat er ge­merkt, wie wert­voll so ei­ne Hal­tung ist. Dass man da­mit sei­nen Weg be­wusst, wür­dig und hu­mor­voll ge­hen kann.“

Schon als Kind muss­te sie selbst ent­schei­den: Neh­me ich mein Le­ben in die Hand? Oder ma­che ich mich zum Op­fer wid­ri­ger Um­stän­de? Ih­re El­tern hat­ten sich schei­den las­sen. Sie wuchs bei der Mut­ter auf, die viel mit der ei­ge­nen Eman­zi­pa­ti­on be­schäf­tigt war und sich in wech­seln­den WGs um ihr geis­ti­ges Wachs­tum küm­mer­te. Ta­ma­ra blieb da­bei auf der Stre­cke. Sie schmier­te sich ihr Schul­brot selbst, back­te sich selbst die Ge­burts­tags­ku­chen und deck­te sich die Ga­ben­ti­sche.

Kein Wun­der, dass sie un­ab­hän­gig ist wie ei­ne Kat­ze. Als sie Hel­mut Dietl ken­nen­lern­te, woll­te er für ei­nen Film mit ihr zu­sam­men­ar­bei­ten. Er be­zirz­te sie ei­ne hal­be Nacht bei dem Ita­lie­ner in München, der in sei­nem Film „Ros­si­ni“ei­ne amou­rö­se Haupt­rol­le spielt. Ta­ma­ra ging da­nach ins Ho­tel – nicht zu ihm. Und sag­te an­dern­tags die Zu­sam­men­ar­beit ab. Aber zwei­ein­halb Jah­re spä­ter ließ sie sich mit ihm auf die Lie­be ih­res Le­bens ein. Weil es ihr erst dann pass­te. 15 Jah­re wa­ren sie ein Paar. Bis zu sei­nem Tod.

„Nicht die Si­cher­heit ist das Nor­ma­le“, weiß Ta­ma­ra nun, „son­dern der Aus­nah­me­zu­stand.“Auch da­für hat Vik­tor Frankl ei­ne For­mel ge­fun­den. „Ich ha­be nicht zu fra­gen, was das Le­ben mir bie­ten soll, son­dern ich ha­be mei­ne Ant­wort auf das zu ge­ben, was das Le­ben mir bie­tet. Das ist mei­ne Ver­ant­wor­tung.“Wel­che Fra­gen stellt das Le­ben heu­te an Ta­ma­ra? „Wie ge­stal­te ich die nächs­ten Mo­na­te mei­nes Le­bens so, dass ich zur Ru­he kom­me? Wie er­rei­che ich es, dass ich nicht mei­ne ei­ge­ne bes­te Kli­en­tin wer­de?“, sagt sie, die ei­ne gründ­li­che Aus­bil­dung als Coach ge­macht hat und seit Lan­gem die­sen Be­ruf aus­übt.

Da ist ja auch noch ih­re Toch­ter Sera­fi­na, die bald 13 wird. Zum Schwers­ten an Hel­mut Dietls Krank­heit ge­hör­te es, der da­mals Zehn­jäh­ri­gen die bit­te­re Wahr­heit zu sa­gen. Auch sie konn­te, wie Ta­ma­ra, im­mer­hin im Lauf der Krank­heit den Weg fin­den, da­mit um­zu­ge­hen. Als die bei­den nach der Be­er­di­gung den Fried­hof ver­lie­ßen, nahm Sera­fi­na die Hand ih­rer Mut­ter. „Wir schaf­fen das“, sag­te sie. „Ja“, ant­wor­te­te Ta­ma­ra, „wir schaf­fen das.“•

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.