Was be­deu­tet gu­te Lau­ne mit 50, 60, 70?

Nicht je­der ist ei­ne ge­bo­re­ne Froh­na­tur. Aber wir al­le wis­sen: Es gibt im­mer gu­te Grün­de, sich am Le­ben zu freu­en. Wir müs­sen nur ge­nau hin­schau­en

Meins - - Inhalt -

Die Welt ist doch voll von klei­nen FReu­den!

Ganz oh­ne Über­trei­bung: Ich bin oft so fröh­lich und gu­ter Din­ge, dass ich Pur­zel­bäu­me schla­gen könn­te. Und da­zu braucht es gar kei­nen be­son­de­ren Grund. Schon als Kind war ich so, und selbst als Te­enager hat­te ich nur ei­ne kur­ze bies­ti­ge Pha­se. „Ach, ich be­nei­de dich um dei­ne Toch­ter. Die ist so ein Son­nen­schein“, hat mei­ne Tan­te oft zu mei­ner

Mut­ter ge­sagt. Das hat mein Va­ter al­ler­dings an­ders ge­se­hen. Der ist ein aus­ge­spro­che­ner Mor­gen­muf­fel – bis heu­te. Braucht beim Früh­stück sei­ne Ru­he und sei­ne Zei­tung und hat mir re­gel­mä­ßig bö­se Bli­cke zu­ge­wor­fen. Hat ihm nicht ge­nützt. Ich ha­be wei­ter­ge­plap­pert und

-ge­sun­gen. Lus­ti­ger­wei­se ha­be ich dann ge­nau so ei­nen Mor­gen­muf­fel ge­hei­ra­tet. Mei­ne Toch­ter, die ja in­zwi­schen auch 25 ist, schlägt al­ler­dings ganz nach mir. Und oft hat es mein Mann vor­ge­zo­gen, in al­ler Frü­he die Stil­le sei­nes Bü­ros auf­zu­su­chen, statt mit zwei plap­pern­den Frau­en den Früh

stücks­tisch zu tei­len. Ich ha­be ihm das nicht übel ge­nom­men, Tem­pe­ra­men­te sind nun mal ver­schie­den. Und ich weiß ja, dass er ei­gent­lich

ge­nau das an mir liebt. Nur eben nicht im­mer. Er hat die Ten­denz, sich schnell zu är­gern, und kann sich dann so rich­tig rein­stei­gern – vor al­lem, wenn ir­gend­was nicht nach sei­ner Müt­ze läuft. Ob­wohl es mei­ner Mei­nung nach meist Lap­pa­li­en sind. Da ist es gut, wenn er je­man­den hat, der ihn auf­mun­tert oder ab­lenkt. Mir kann fast nichts die Lau­ne ver­ha­geln, es sei denn, es pas­sie­ren wirk­li­che Ka­ta­stro­phen. Ich fin­de, die Welt ist voll von klei­nen Freu­den. Die Kunst be­steht halt dar­in, sie zu se­hen, ein Au­ge da­für zu ha­ben. Das Ta­lent wird ei­nem wahr­schein­lich in die Wie­ge ge­legt, oder? Al­ler­dings den­ke ich auch, wie man das Le­ben wahr­nimmt, sei­ne Um­welt und die Din­ge, die so pas­sie­ren, hängt da­von ab, wie sehr man bei sich selbst ist. Nat­ha­lie, 52

Ob ich gut ode R schlecht ge­launt bin, ist Kopf­sa­che

Wenn ich schlecht drauf bin, tue ich was da­ge­gen. Am bes­ten be­we­ge ich mich, lau­fe mei­nem Är­ger da­von. Ich ha­be im­mer viel Sport und ein­fach die Er­fah­rung ge­macht, dass man sich Är­ger, Wut und schlech­te Ge­füh­le ab­trai­nie­ren kann. Ich ha­be die gu­te Lau­ne nicht ge­pach­tet, ehr­lich ge­sagt. Auf kei­nen Fall aber las­se ich schlech­te Lau­ne an mei­ner Um­ge­bung aus, denn das macht die Din­ge nur schlim­mer. Schlech­te Lau­ne färbt ab, gu­te Lau­ne steckt an. Man

sieht’s ja, wenn man je­man­den an­lä­chelt: Schon hebt sich des­sen Stim­mung. Man kann auch gern mal Dan­ke sa­gen oder Kom­pli­men­te ma­chen. In­so­fern freue ich mich, dass in un­se­rem Land schon ein an­de­rer Um­gangs­ton herrscht als in mei­ner Kind­heit. Auf Be­hör­den war es ja noch schlim­mer. Ich bin ehr­lich ge­sagt je­des Mal wie­der über­rascht, wie nett ich be­han­delt wer­de, wenn ich mal aufs Amt ge­he. Das liegt, glau­be ich, auch dar­an, dass ei­ne an­de­re Ge­ne­ra­ti­on ein­ge­zo­gen ist. Frü­her kam man sich vis-à-vis ei­nes Be­am­ten ja im­mer vor, als hät­te man et­was ver­bro­chen. Und ich er­in­ne­re mich, dass mei­ne Mut­ter schon Ta­ge vor­her schlech­te Lau­ne hat­te, wenn sie un­se­re Päs­se ver­län­gern las­sen muss­te. Da­bei kann­te sie den Her­ren, der da saß. Und pri­vat war es ein wirk­lich net­ter Mensch. Aber kaum ver­schwand er in sei­ner Amts­stu­be, hat­te er so et­was Ge­bie­te­ri­sches, Un­freund­li­ches. Fast, als ob schlech­te Lau­ne ein In­diz für Au­to­ri­tät wä­re. Ob ich gut oder schlecht ge­launt bin, ist ja rei­ne Kopf­sa­che. Be­wer­te ich es zum Bei­spiel als An­griff des Uni­ver­sums, wenn mir mei­ne Lieb­lings­tas­se run­ter­fällt? Oder se­he ich es ge­las­sen und sa­ge mir: Ist zwar scha­de, aber ich freue mich dar­auf, ei­ne neue zu kau­fen? Das ver­su­che ich auch mei­nen Schü­lern bei­zu­brin­gen. Die Din­ge ge­las­se­ner zu be­trach­ten, sich zu über­le­gen: Was gibt es Gu­tes – wenn’s mal schlecht läuft. Oder wo bin ich gut? Wo hat­te ich ge­ra­de Glück? Das Dreh­buch sei­nes Le­bens schreibt doch je­der selbst. Ist für jun­ge Leu­te na­tür­lich ex­trem schwie­rig und ge­lingt auch mir nicht im­mer. Aber ich ar­bei­te dar­an!

Hei­teR du chs Le­ben R zu ge­hen macht al­les ein­fa­che R

Lan­ge Jah­re ge­hör­te ich ja zu de­nen, die gern was zu nör­geln ha­ben und an­de­ren leicht die Stim­mung ver­ha­geln kön­nen. Wenn ich zum Bei­spiel nach Hau­se kam und über das Sport­zeug mei­ner Kin­der stol­per­te, ha­be ich so­fort los­ge­me­ckert. Statt erst mal Hal­lo zu sa­gen und an­zu­kom­men. Dann hing der Haus­se­gen na­tür­lich für den Rest des Abends schief. Auch mein Mann hat­te da ei­ni­ges aus­zu­ste­hen, aber das ist mir erst im Nach­hin­ein so rich­tig klar ge­wor­den. Denn da­mals dach­te ich na­tür­lich, ich sei die Be­dau­erns­wer­te, die am lau­fen­den Band ge­är­gert, miss­ver­stan­den oder was auch im­mer wird. Ir­gend­wann ist mir dann klar ge­wor­den, dass ich mit mei­ner ewi­gen schlech­ten Lau­ne vor al­lem ei­ner per­son das Le­ben sau­er ma­che: näm­lich mir selbst! So vie­le klei­ne glück­li­che Mo­men­te ha­be ich gar nicht wahr­ge­nom­men oder ge­nos­sen, weil ir­gend­et­was in mei­nem Hin­ter­kopf murr­te. Da­bei hat­te ich ab­so­lut kei­nen Grund: zwei ge­sun­de, in­tel­li­gen­te Kin­der, ei­nen lie­be­vol­len Mann, (der mich vi­el­leicht doch mal in die Schran­ken hät­te wei­sen sol­len), kei­ne fi­nan­zi­el­len Sor­gen … Al­so al­len Grund, zu­frie­den zu sein! Das ha­be ich lei­der erst spät so rich­tig be­grif­fen. Aber ra­di­kal hat sich mei­ne

Sicht auf das Le­ben ge­än­dert, als mei­ne Nach­ba­rin Su­san­ne vor fünf Jah­ren bei uns ein­zog. Sie war da­mals Mit­te 30 und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter von zwei be­zau­bern­den Kin­dern. Ih­re klei­ne Toch­ter ist krank, sie lei­det un­ter Mu­ko­vis­zi­do­se, aber sie ist trotz­dem so fröh­lich, in­ter­es­siert und wiss­be­gie­rig, als wis­se sie, dass ihr nicht viel Zeit im Le­ben bleibt und sie des­halb so viel wie mög­lich er­le­ben und ler­nen will. Ein Son­nen­schein! Was mich an Su­san­ne fas­zi­niert: Sie ist fast im­mer gu­ter Lau­ne – au­ßer wenn es Pau­la

wirk­lich­mal sehr schlecht geht. Und ich ha­be mich ge­fragt, wie man als Mut­ter ei­nes tod­kran­ken Kin­des

so fröh­lich sein kann. Als wir uns an­ge­freun­det hat­ten, ha­be ich al­len Mut zu­sam­men­ge­nom­men und sie mal ge­fragt, wo­her sie ih­ren Op­ti­mis­mus und ih­re Le­bens­freu­de nimmt. Und sie hat ge­ant­wor­tet: „Ich ha­be zwei wun­der­ba­re Kin­der. Und die Zeit, die wir mit Pau­la ha­ben, will ich ge­nie­ßen. Ich möch­te, dass wir als klei­ne Fa­mi­lie Spaß ha­ben und glück­lich sind.“Ich bin bis heu­te über­wäl­tigt von ih­rem Wil­len zum Glück, ja, ich be­wun­de­re sie da­für. Und ver­su­che, mir ei­ne Schei­be ab­zu­schnei­den. In­zwi­schen glau­be ich, gu­te Lau­ne kann man ler­nen. Und ich­weiß si­cher: Sie macht al­les im Le­ben leich­ter. Gi­se­la, 72

mit 50

mit 70

mit 60

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.