Ma­rie-Lui­se, 60, stell­te nach ei­nem Burn-out ihr Le­ben um

Nach ih­rem Burn-out setzt Ma­rie-Lui­se Ro­ters, 60, al­les dar­an, sich und ih­re in­ne­re Ru­he wie­der­zu­fin­den

Meins - - Inhalt -

Heu­te zeigt Ma­rieLui­se Ro­ters an­de­ren, wie man den Weg aus der Burn-out-Spi­ra­le fin­det

Stil­le, weiß Ma­rie-Lui­se Ro­ters, ist et­was Groß­ar­ti­ges. Die Ru­he, die über den Wein­ber­gen der Mo­sel hängt, durch die sie mit ih­rem Mann an den Wo­che­n­en­den gern wan­dert. Oder die an­däch­ti­ge Ge­räusch­lo­sig­keit, in der sie ver­sin­ken möch­te, wenn sie im Köl­ner Mu­se­um Lud­wig ei­nes der gro­ßen Wer­ke wie Ger­hard Rich­ters „Ema“be­trach­tet. In der Ru­he, sagt man, liegt die Kraft. Für die 60-Jäh­ri­ge lag da­rin die Ret­tung: als sie vor neun Jah­ren in ei­nem klei­nen Be­hand­lungs­zim­mer lag, wo über ei­ne Ka­nü­le durch­blu­tungs­för­dern­de Mit­tel in ih­ren Kör­per ge­lei­tet wur­den. Vor dem Fens­ter wieg­ten sich Zwei­ge im Wind, die Luft war lau und laut­los. Da spür­te sie erst­mals, dass sie die Stil­le in sich ver­lo­ren hat­te. Und dass sie al­les dar­an­set­zen woll­te, sie wie­der­zu­fin­den.

Burn-out, den­ken vie­le Men­schen, hat mit Hek­tik zu tun, Stress, üb­len Chefs, fie­sen Kol­le­gen. Mit dem Ge­fühl, über­for­dert zu sein, nicht mehr zu kön­nen. Aber das, weiß Ma­rie-Lui­se Ro­ters, ist nur ein Ge­sicht der Krank­heit. Sie moch­te ih­ren Job als IT-Be­ra­te­rin, die span­nen­den Pro­jek­te, die Men­schen, de­nen sie mit ih­ren Kon­zep­ten hel­fen woll­te. Manch­mal, si­cher, frus­trier­te es sie, wenn vor lau­ter Ter­min­druck die Wert­schät­zung für ih­re Ar­beit auf der Stre­cke blieb. Das ist nur ei­ne Pha­se, das geht vor­über, be­ru­hig­te sie sich, wenn sie merk­te, dass ihr in­ne­rer Druck stieg. „Aber mit sol­chen Sprü­chen be­lügt man sich nur selbst“, weiß Ro­ters. Bis zum ers­ten Warn­schuss:

Ei­nes Nachts wacht sie trä­nen­über­strömt auf,

kann sich kaum be­ru­hi­gen: „Ich wuss­te nicht, war­um, aber es kam mir selt­sam vor.“Sie spürt al­ler­dings, dass ihr der Job zu­neh­mend sinn­los vor­kommt, und be­schließt, ne­ben ih­rer Ar­beit be­hin­der­ten Men­schen zu hel­fen. Für Bern­hard, ei­nen geis­tig zu­rück­ge­blie­be­nen Nach­barn, kauft sie ein, ord­net For­mu­la­re, geht mit ihm spa­zie­ren. „War­um ar­bei­test du im­mer so viel?“, fragt Bern­hard manch­mal. „Ma­che ich doch gar nicht!“, lacht Ma­rie-Lui­se dann. Oder: „Das ist nur im Mo­ment so.“Aber abends im Bett stellt sie sich im­mer öf­ter die glei­che Fra­ge: Ar­bei­te ich viel­leicht zu viel? „Mit Freun­den ha­be ich mich schon gar nicht mehr ver­ab­re­det, und zu Hau­se sprach ich nur noch über die Ar­beit“, er­zählt die

Bon­ne­rin. „Ein Wun­der, dass mein Mann das aus­ge­hal­ten hat!“

An ei­nem Ok­to­ber­sonn­tag 2007 sitzt das Paar zu­sam­men im Kir­chen­kon­zert, die Or­gel be­ginnt zu spie­len. Das ho­he Pfei­fen in ih­rem Ohr, das Ma­rie-Lui­se in­zwi­schen fast stän­dig be­glei­tet, schwillt plötz­lich an, wird un­er­träg­lich, sie bricht un­ter Trä­nen zu­sam­men.

Burn-out lau­tet die Dia­gno­se der Ärz­tin am nächs­ten tag.

Sie will sie wo­chen­lang krank­schrei­ben. Ma­rie-Lui­se han­delt sie auf ei­ne Wo­che run­ter und kommt je­den Mor­gen zur Infu­si­on in die Pra­xis. Spürt das ers­te Mal seit Ewig­kei­ten das Ge­fühl von Ru­he. Aber auch die in­ne­re Er­schöp­fung, die sie nie wahr­ha­ben woll­te. „Sie ha­ben ge­won­nen“, sagt sie schließ­lich zur Ärz­tin. Auf ih­rer Lie­ge, al­lein mit ih­rem ab­ge­kämpf­ten Ich, hat­te sich Ma­rieLui­se ent­schlos­sen, sich selbst und ihr Le­ben wie­der­zu­fin­den. In ei­ner Spe­zi­al­kli­nik in Kas­sel. Sport im Fit­ness-Cen­ter, Kon­di­ti­on und end­lo­se Spa­zier­gän­ge. Wut her­aus­schleu­dern beim Tan­zen, be­frei­te Atem­zü­ge beim Yo­ga. Und Los­las­sen. Die Sät­ze mit „Ich muss“und „Ich darf nicht“zum Bei­spiel. Nach­den­ken über das, was ei­nem wirk­lich wich­tig ist. „Und Nein sa­gen ler­nen, sei­ne Gren­zen klar zu zei­gen“, sagt Ma­rie-Lui­se. „Das muss­te ich ler­nen.“

Schon bald nach der Ent­las­sung aus der Kli­nik kün­digt sie. In­zwi­schen ist sie selbst­stän­dig: Sie be­rät Men­schen, die sich im täg­li­chen Ar­beits­kampf ver­lo­ren ha­ben. Die, oft oh­ne es zu mer­ken, in der Burn-out-Fal­le lan­de­ten und nicht wis­sen, wie sie wie­der hin­aus­fin­den. Sie hält Vor­trä­ge in Un­ter­neh­men und der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer, um auf die Burn-ou­tSpi­ra­le auf­merk­sam zu ma­chen, und or­ga­ni­siert Ver­an­stal­tun­gen wie die Wo­che der see­li­schen Ge­sund­heit in Bonn. „Ich bin je­des Mal glück­lich, wenn ich ei­nen an­de­ren Men­schen er­mun­tern kann, sei­nen Weg zu­rück in die in­ne­re Frei­heit zu fin­den.“

Um­so scho­ckier­ter ist sie, wenn sich in­ner­halb we­ni­ger St­un­den 80 Be­trof­fe­ne für ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe mel­den, aber am En­de nur fünf üb­rig blei­ben, weil die an­de­ren es zeit­lich nicht hin­krie­gen, al­le zwei Wo­chen zu den Tref­fen zu kom­men. Auch der An­ruf ei­ner Frau er­schüt­ter­te sie: „Sie sag­te, ihr Mann wür­de stän­dig be­teu­ern, dass es ihm gut ge­he – aber in Wirk­lich­keit wä­re er nur in sei­ner Welt ver­sun­ken, wür­de gar nicht mehr rich­tig mit der Fa­mi­lie le­ben.“

Ma­rie-Lui­se hat ih­ren Frie­den wie­der­ge­fun­den. Kann sich ein­ge­ste­hen, dass sie die Welt nun mal nicht ret­ten wird und dass sie nicht im­mer da­für ver­ant­wort­lich ist, dass die Din­ge lau­fen wie am Schnür­chen. Die Stil­le kam dar­über auch zu­rück. In ih­rem Ohr, in ih­rer See­le. „Ich ha­be end­lich wie­der ein schö­nes Le­ben und weiß, wie ich es vor den An­for­de­run­gen des All­tags ver­tei­di­gen kann.“

VON SILKE PFERSDORF

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.