Was be­deu­tet uns das Meer mit 50, 60, 70?

Es ist un­ser Sehn­suchts­ort. Zu al­len Jah­res­zei­ten. Hier füh­len wir uns leicht und frei und schi­cken un­se­re Träu­me über den Ho­ri­zont

Meins - - Inhalt -

Ich lie­be die See, abe Rich ha­be auch Höl­lenRe­spekt

Lan­ge Zeit war mei­ne Be­zie­hung zum Meer sehr zwie­späl­tig. Bis heu­te kann ich sa­gen: Ich lie­be das Meer, aber ich fürch­te es auch – ein ganz klein we­nig. Und schuld dar­an ist, glau­be ich, mei­ne Groß­mut­ter. Als ich et­wa vier war und be­ob­ach­tet hat­te, dass die meis­ten mei­ner Freun­de ei­nen Opa und ei­ne Oma hat­ten, ha­be ich sie ge­fragt, wo

denn mein Opa ist. „Ach, Jett­chen“, hat sie ge­ant­wor­tet, „den Erich hat das Meer je­holt.“Mei­ne Mut­ter woll­te das dann kor­ri­gie­ren und sag­te, der Groß­va­ter sei im Krieg ge­blie­ben. Da ich mir mit vier aber bes­ser vor­stel­len konn­te, wie ei­ne Rie­sen­wel­le über mei­nen Opa rollt und ihn dann wie ei­ne Kra­ke hin­aus­zieht aufs Meer, ist das bei mir hän­gen ge­blie­ben. Mit Fol­gen! In mei­nen al­ler­ers­ten Som­mer­fe­ri­en sind wir an die Nord­see ge­fah­ren. Und ich war par­tout nicht ins Was­ser zu krie­gen. Ob­wohl ich schon

schwim­men konn­te, das hat­te ich im Frei­bad ge­lernt. Aber das unend­lich wei­te Meer mach­te mir Angst. Gleich­zei­tig zog es mich aber auch ma­gisch an. Ich ha­be die­se Angst dann über­wun­den, weil ich ei­ne klei­ne Was­ser­rat­te war und nicht wi­der­ste­hen konn­te. Als ich mei­nen Mann ken­nen­lern­te, lud er mich zum Se­geln ein. Er ist ein pas­sio­nier­ter Seg­ler und hat schon lan­ge ein ei­ge­nes Boot. Ich fand es toll, so übers Was­ser zu glei­ten – so­lan­ge wir in seich­ten Ge­wäs­sern und in Sicht­wei­te des Ufers blie­ben. Als wir das ers­te Mal in der Dä­ni­schen Süd­see un­ter­wegs wa­ren und ein kräf­ti­ger Wind auf­kam, über­fiel mich die al­te Pa­nik: Ich sah, wie das Meer auf mich zu­roll­te, um mich zu ho­len. Und wir muss­ten den nächs­ten Ha­fen an­lau­fen. Nach 23 Jah­ren ha­be ich mich mit dem Boot, Wind und Wel­len ar­ran­giert, weil ich so viel Spaß am Se­geln ha­be. Aber ich muss zu­ge­ben, ich ha­be im­mer noch ei­nen Höl­lenre­spekt vor der See. Und das ist ja viel­leicht auch gut so. Hen­ri­et­te, 53

Mit 17 ver­lieb­te ich mich - ins MeeR und in Je­an–Luc

Die ers­te Be­geg­nung mit Meer und Strand hat­te ich mit 17. Mei­ne El­tern gin­gen lie­ber wan­dern oder sind mit uns zum Ski­lau­fen ge­fah­ren. Ich war im Schü­ler­aus­tausch in Süd­frank­reich. Im Ju­li. Tür­ki­se Buch­ten, in der Luft der Duft von La­ven­del und Kräu­tern, die Zi­ka­den zirp­ten, und an je­der Ecke klan­gen Som­mer­hits – was wirk­lich nie­mand bes­ser kann als die Fran­zo­sen. Es wa­ren die 70er, Love, Pe­ace – ei­ne un­glaub­li­che Leich­tig­keit. Ich war to­tal ver­liebt in die­se At­mo­sphä­re.

Und in Je­an-Luc, mei­ne ers­te gro­ße Lie­be. Er kam aus Pa­ris, ver­brach­te die Fe­ri­en bei sei­ner Groß­mut­ter, hat­te die­sen un­wi­der­steh­li­chen läs­si­gen Charme und ei­nen sü­ßen Ak­zent. Mit ihm saß ich – ver­bo­te­ner­wei­se – nachts am Strand, wäh­rend die Wel­len mit lei­sem Plät­schern auf den Sand roll­ten und die fer­nen Lich­ter in der Bucht mit den Ster­nen um die Wet­te fun­kel­ten. Ein un­be­schreib­li­cher Zau­ber, den ich bis heu­te im­mer wie­der ab­ru­fen kann, so­bald ich am Strand ste­he und auf den Ho­ri­zont schaue. Wenn ich es brau­che. Da­mals je­den­falls ha­be ich mich in das Meer ver­liebt, und die­se Lie­be hat bis heu­te ge­hal­ten. Ich ver­brin­ge je­den Ur­laub ir­gend­wo am Was­ser, am liebs­ten im Sü­den, aber in­zwi­schen kann ich auch Skan­di­na­vi­en et­was ab­ge­win­nen. Ich könn­te nicht mal sa­gen, ob es der ei­ge­ne Zau­ber des Was­ser ist oder die­se Er­in­ne­rung, die mich fas­zi­niert. Si­cher aber wür­de man­cher jetzt gern wis­sen, was aus Je­an-Luc ge­wor­den ist. Vor zwei Jah­ren ha­ben wir uns tat­säch­lich wie­der­ge­trof­fen. Zu­fäl­lig. Auf der Fäh­re von Kiel nach Gö­te­borg. Wir ha­ben uns fast so­fort er­kannt. Und stan­den dann lan­ge an der Re­ling und schau­ten in die Nacht. Es war ein Som­mer­abend, warm, aber win­dig. Wir ha­ben uns in Kurz­form über un­ser Le­ben aus­ge­tauscht und ir­gend­wann fest­ge­stellt: UN­SE­RE Ge­schich­te ist noch nicht zu En­de er­zählt! Seit­dem füh­ren wir ei­ne Fern­be­zie­hung zwi­schen Düs­sel­dorf und Pa­ris, was ja nicht wirk­lich weit ist. Na­tür­lich ha­ben wir uns seit da­mals ver­än­dert, aber im­mer noch klingt sein Deutsch um so vie­les char­man­ter als mein Fran­zö­sisch. Andrea, 62

Am StRand füh­le ich mich so un­be­schwert wie als Kind

Als Küs­ten­kind muss man das Meer lie­ben – glau­be ich. Nir­gends füh­le ich mich so frei, das liegt an die­sem un­end­li­chen Ho­ri­zont. Nir­gends kann ich so gut al­les hin­ter mir las­sen. Ent­span­nen­der als je­der Well­ness-Tem­pel ist für mich, mit den Fü­ßen im Sand zu gra­ben, Mu­scheln zu sam­meln oder ein­fach in den Him­mel zu gu­cken. Wenn ich am Strand bin, wer­de ich wie­der zum Kind. Wenn ich jetzt sa­ge, nir­gend­wo an­ders bin ich so glück­lich wie am Meer, ist das viel­leicht et­was un­ge­recht – aber auch wahr. Mein Stu­di­um hat mich dann nach Mün­chen ver­schla­gen, aber ich bin, wann im­mer es ging, nach Hau­se ge­fah­ren. Oder Rich­tung Ita­li­en. Dann ha­be ich mei­nen Mann ken­nen­ge­lernt, der wie ich aus dem Nor­den kommt. Als wir hei­ra­te­ten, war der Plan, wie­der zu­rück­zu­ge­hen. Wie sich dann her­aus­stell­te, war es

mehr mein Plan! Er hat mich im­mer wie­der ver­trös­tet, wenn er ein gu­tes An­ge­bot be­kommt, dann ge­hen wir so­fort. So sind die Jah­re ver­gan­gen, im­mer wa­ren die be­ruf­li­chen Per­spek­ti­ven da un­ten bes­ser. Wir ha­ben wirk­lich ei­ne gu­te Ehe ge­führt, auch heu­te noch, aber in die­sem Punkt ha­be ich mich ver­ra­ten ge­fühlt. Ich ha­be mir dann mei­ne Kin­der ge­schnappt und bin re­gel­mä­ßig zu mei­nen El­tern an die Ost­see. Das hat ihm auch nicht so ge­passt, vor al­lem, wenn ich die ge­sam­ten Som­mer­fe­ri­en weg

war. Wenn ich dann am Was­ser war und der Wind mir um die Na­se weh­te oder es im Herbst so rich­tig stürm­te, ha­be ich ge­tanzt vor Freu­de. Als mein Sohn nach Ham­burg zog, war das für mich der ers­te Schritt zu­rück. Und vor sie­ben Jah­ren, als mein Mann auf die Ren­te zu­ging, ha­be ich mir ge­sagt: Jetzt ma­che ich Nä­gel mit Köp­fen! Ha­be mich auf die Su­che nach ei­nem neu­en Heim ge­macht, ei­ne Woh­nung und ein wun­der­schö­nes klei­nes Häu­schen re­ser­vie­ren las­sen und ihn vor voll­ende­te Tat­sa­chen ge­stellt: Ent­we­der zie­hen wir jetzt in den Nor­den oder ich ge­he al­lein. Wenn wir heu­te auf der Ter­ras­se sit­zen und das Meer rau­schen hö­ren, sagt er ge­le­gent­lich: Ach, das hät­ten wir schon viel frü­her ma­chen sol­len. Ja, manch­mal muss man sei­ne Liebs­ten zu ih­rem Glück zwin­gen! Chris­ti­ne, 71

mit 50

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