Kli­ma­be­richt

Mor­gens kommt sie kaum aus dem Bett, mit­tags könn­te sie tan­zen vor Glück. Angi Brinkmann über Wech­sel­jah­re und die Ach­ter­bahn der Ge­füh­le

Meins - - Inhalt -

Ener­gie-De­tox mit 50, 60 70

Als ich das letz­te Mal ei­ne Ach­ter­bahn be­stieg, war ich mit­ten­drin in der Pu­ber­tät, be­kam ei­nen schwe­ren Bü­gel zum Fi­xie­ren über die Bei­ne ge­legt und den Ober­kör­per an­ge­schnallt. Noch nie hat­te mein Herz so hef­tig ge­schla­gen wie in die­sem Mo­ment, als der Wa­gen zum höchs­ten Punkt zu­ckel­te, um sich gleich dar­auf mit ei­nem lau­ten Rum­peln in die Tie­fe zu stür­zen. Da­nach hat­te ich Knie­zit­tern und hielt mir ver­wirrt den stei­fen Na­cken.

Neu­er­dings ist jetzt je­der Tag wie auf dem Rum­mel­platz für mich, nur lei­der oh­ne An­schnall­gurt. Mei­ne Stim­mung än­dert sich schnel­ler, als die Fahrt durch ei­ne Kur­ve dau­ert, mein Herz schlägt plötz­lich – oh­ne je­den An­lass – mi­nu­ten­lang wie ein ge­tun­tes Me­tro­nom, und mei­ne Lau­ne rast un­auf­halt­sam von Lo­o­ping zu Lo­o­ping. Herz­lich will­kom­men in der Ach­ter­bahn mei­ner me­no­pau­sis­tisch-stür­mi­schen Ge­fühls­welt! Oder bes­ser ge­sagt: will­kom­men in der zwei­ten Pu­ber­tät!

Ich kom­me mir vor wie ein ro­sa Du­ra­cell-Hä­schen auf LSD. Mal könn­te ich un­auf­hör­lich in die Pföt­chen klat­schen vor Freu­de, möch­te sin­gen, tan­zen, füh­le mich ganz warm und glück­lich in mir drin. Und al­le freu­en sich mit mir. Nur we­ni­ge St­un­den spä­ter – das ist schreck­lich fa­tal – lie­ge ich stim­mungs­mä­ßig völ­lig da­nie­der, möch­te mich un­ter ei­ne di­cke De­cke ku­scheln, al­le „Sis­si“-Fil­me am Stück schau­en, Eis­creme es­sen und heu­len, bis die Kleen­ex­box leer ist. Wie an­stren­gend das ist! Ins­be­son­de­re wenn man noch ver­sucht, die Lau­nen zu ver­tu­schen – sei­nem Um­feld zu­lie­be. Ganz ehr­lich, ich hat­te die Rol­le der „Ent­rück­ten“jetzt lang­sam leid und ging in die Of­fen­si­ve, in­dem ich das pas­sen­de Ge­sicht zu mei­ner Ach­ter­bahn-Stim­mung auf­setz­te. Un­ge­fähr so wie Hol­ly­wood-Star Tip­pi Hed­ren in Hitch­cocks Film­klas­si­ker „Die Vö­gel“, wenn sie im­mer so schön die Au­gen auf­reißt und al­le Män­ner so­fort wis­sen: „Aha, sie hat ein Pro­blem.“Von Frau­en wie Tip­pi kann man nur ler­nen, ein biss­chen leicht ver­ständ­li­che Thea­tra­lik nützt auch im Echt­le­ben. Al­so: Hand an die Stirn, bei Be­darf fä­cheln und lei­se aus­hau­chen: „Die­se ver­damm­ten Hor­mo­ne …“

Ich ga­ran­tie­re Er­folg: Den Rest des Tages ha­ben Sie frei! Kei­ne Fra­gen, kein Schimp­fen, kein Un­ver­ständ­nis. Man(n) wird be­grei­fen: Sie sind arm dran! Pro­bie­ren Sie’s, da geht was …

PS: Das Schö­ne an der ers­ten wie zwei­ten Pu­ber­tät ist: Wir ha­ben für je­de Ge­fühls­la­ge ’ne Aus­re­de und dür­fen uns un­ter dem De­ckel­chen der Hor­mon­wal­lun­gen völ­lig ent­spannt da­ne­ben­be­neh­men, ehe wir wie Phö­nix aus der Asche auf­er­ste­hen. Ei­ne völ­lig Neue wer­den, herr­lich! Ich glaub’ da dran. •

Schrei­ben Sie uns Ih­re Er­fah­run­gen mit den Wech­sel­jah­ren an: re­dak­ti­on-meins@bau­er­me­dia.com Wei­te­re In­fos: www.wun­der­weib.de/ kli­ma­be­richt

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