Zu­sam­men sind wir stär­ker als der Krebs

Wie hält es ei­ne Mut­ter aus, wenn die Toch­ter schwer er­krankt? Mir­na boh­lig, 50, schafft es mit Kampf­geist, Zu­ver­sicht und ganz viel Lie­be

Meins - - Mein Leben - VON ISA­BELL BITT­NER

Es war nur ein kur­zer Satz, doch er fühl­te sich für Mir­na Boh­lig an, als hät­te man ei­nen Ei­mer eis­kal­tes Was­ser über sie ge­kippt. Ein Schnitt ins Herz. Dar­an konn­te auch die Tap­fer­keit in der Stim­me nichts än­dern, mit der ih­re Toch­ter Ma­ri­sol ihr mit­teil­te: „Ma­ma, ich ha­be Leuk­ämie.“

Das war am 22. No­vem­ber 2014. Ein Da­tum, das sich wie ei­ne Nar­be in ihr Ge­dächt­nis ge­prägt hat. „Ich konn­te, nein, ich woll­te es ein­fach nicht wahr­ha­ben. Blut­krebs bei mei­ner Toch­ter? Bei mei­ner Ma­ri, die ge­ra­de 21 war und das Le­ben so liebt? Die nach Berlin ge­zo­gen ist, mit­ten in der Aus­bil­dung zur Er­zie­he­rin steck­te und Psy­cho­lo­gie stu­die­ren woll­te, so vol­ler Zu­kunfts­plä­ne? Das schi­en mir völ­lig un­mög­lich“, sagt Mir­na. „Da­bei wa­ren die Vor­zei­chen schon da.“

Seit Wo­chen war Ma­ri­sol über­mü­det, schlapp und stän­dig er­käl­tet. Als sie ei­nes Mor­gens mit lau­ter Knub­beln am Kör­per auf­wacht, ruft sie ih­re El­tern an, die in Wolfsburg le­ben. „Bit­te, Ma­ri, geh zum Arzt und lass das ab­klä­ren“, fleht Mir­na. Die Schü­le­rin hört auf ih­re Ma­ma. Der Arzt wird stut­zig, schickt sie ins Kran­ken­haus. Blut­ab­nah­me. La­bo­raus­wer­tung. In der Zwi­schen­zeit fah­ren die El­tern nach Berlin, kön­nen gar nicht schnell ge­nug auf die Sta­ti­on zu ih­rer ge­lieb­ten Toch­ter kom­men. „Dort stand was von On­ko­lo­gie. Doch selbst da dach­te ich noch, Krebs – das kann nicht sein. Hier wa­ren wohl kei­ne an­de­ren Bet­ten frei“, ge­steht Mir­na.

Da weiß Ma­ri­sol schon, wie krank sie ist. „Der Arzt hat­te es mir am Tag zu­vor mit­ge­teilt. Er nahm sich ei­nen Stuhl, be­gann zu re­den. Ich hör­te nur ‚Leuk­ämie‘. Dann sah ich, wie sich sei­ne Lip­pen be­weg­ten, aber es dran­gen kei­ne Wor­te mehr zu mir durch. Der Schock war zu groß“, er­zählt sie. „Ich hat­te ei­ne Nacht Zeit, um mir zu über­le­gen, wie ich es mei­nen El­tern sa­ge.“Ei­ne Nacht, um sich zu fas­sen, Tap­fer­keit in die Stim­me zu le­gen.

„Mit ih­rem Le­bens­mut hat sie mich schnell an­ge­steckt“,

sagt Mir­na. Heu­te sit­zen sie zu­sam­men auf ei­ner Wie­se am Mie­ren­dorff­platz in der Nä­he von Ma­ri­sols Woh­nung und er­zäh­len ih­re Ge­schich­te. Ein­ein­halb Jah­re, acht Che­mo­the­ra­pi­en und un­zäh­li­ge Un­ter­su­chun­gen nach der Dia­gno­se. Ge­ra­de ist che­mo­freie Zeit. Von der letz­ten The­ra­pie hat Ma­ri­sol sich gut er­holt. Sie ver­sucht, je­den Son­nen­strahl auf­zu­sau­gen, Son­ne ist für sie wie ein Le­bens­eli­xier. Durch ih­re dunk­le Pe­rü­cke sieht man ihr die Krank­heit nicht an. Ih­rer Ma­ma gleicht sie wie ei­ne täu­schend ech­te Ko­pie.

Ein Lä­cheln ins Ge­sicht ge­malt, klei­ne Tup­fen Som­mer­spros­sen auf der Na­se, nur ih­re Haut ist hel­ler.

Mir­na stammt ur­sprüng­lich aus Ni­ca­ra­gua. „Frü­her sind wir oft zu un­se­rer Fa­mi­lie nach Mit­tel­ame­ri­ka ge­reist, aber mit der Dia­gno­se hat sich auch mein Le­bens­mit­tel­punkt nach Berlin zu mei­ner Toch­ter ver­la­gert“, sagt die Schnei­de­rin. „Mei­nen Job ha­be ich so­fort auf­ge­ge­ben, um ihr zur Seite zu ste­hen.“Oder zu lie­gen – zeit­wei­se auf ei­nem Cam­ping­stuhl ne­ben dem Kran­ken­bett, wäh­rend Ma­ri­sol in der Kli­nik liegt. Tag und Nacht. „Ich will ihr so na­he wie mög­lich sein.“Letz­ten Som­mer setz­te ei­ne Che­mo Ma­ri­sol be­son­ders schlimm zu. Sie be­kam ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung, Ma­gen­ent­zün­dung, Sep­sis, das Stamm­hirn und der Seh­nerv ent­zün­de­ten sich. Drei Mo­na­te lag sie im Kran­ken­haus, zeit­wei­se auf der In­ten­siv­sta­ti­on. „Das war die schlimms­te Zeit“, sagt Mir­na, und ih­re Stim­me zit­tert. Bloß nicht kip­pen. Nicht den Halt ver­lie­ren. Das Ver­trau­en auf ein gu­tes En­de.

Dass das Kind schwer er­krankt, ist für El­tern die schlimms­te Vor­stel­lung über­haupt. Wie wird das Un­er­träg­li­che für Mir­na er­träg­lich? „Mei­ne Toch­ter gibt mir die Kraft. Ich hat­te so Angst, dass sie an der Dia­gno­se zer­bricht, De­pres­sio­nen be­kommt. Aber sie gibt nicht auf, im Ge­gen­teil. Sie singt viel, lacht, ta­pe­ziert das hal­be Kran­ken­zim­mer mit Fotos“, er­zählt Mir­na. Ma­ri­sol sagt: „Wenn die Ärz­te mich schon je­den Tag fra­gen, wie mein Stuhl­gang ist, sol­len sie auch wis­sen, mit wem sie es zu tun ha­ben“und lacht wie­der.

hu­mor ist ihr Ge­gen­mit­tel in der schwe­ren zeit.

La­chen schafft Mo­men­te des Glücks, die wohl­tu­en­der wir­ken als Me­di­ka­men­te. „So­bald es Ma­ri­sol nach ei­ner Che­mo­the­ra­pie bes­ser geht, schlei­che ich mich mit mei­nem Mann in ihr Kran­ken­zim­mer, und wir ent­füh­ren sie nach drau­ßen an die Spree“, sagt Mir­na. „Dann setzt sich Pa­pa mei­ne Pe­rü­cke auf und sieht herr­lich be­scheu­ert aus“, er­gänzt Ma­ri­sol.

Und noch et­was an­de­res gibt ih­nen ein Stück Nor­ma­li­tät zu­rück: ihr Ein­satz für die DKMS (www.dkms.de). „Kno­chen­mark, oder ge­nau­er ge­sagt Stamm­zel­len, kön­nen das Le­ben Leuk­ämie­kran­ker ret­ten. Ich brau­che ak­tu­ell kei­ne Spen­de“, sagt Ma­ri­sol. „Mei­ne Chan­cen, es mit der Che­mo­the­ra­pie in den Griff zu be­kom­men, ste­hen gut. Aber vie­le Pa­ti­en­ten sind dar­auf an­ge­wie­sen. Stamm­zel­len zu spen­den ist ein­fa­cher als ge­dacht. Es gibt schon tau­sen­de Ver­fah­ren. Meis­tens ge­lingt die Ent­nah­me di­rekt aus dem Blut.“

Sie hin­ge­gen braucht noch zwei Che­mo­the­ra­pi­en. Zwei­mal mit ver­ein­ten Kräf­ten. Im Au­gust ist die Be­hand­lung vor­aus­sicht­lich ab­ge­schlos­sen. Dann will sie wie­der an die Spree in die Son­ne. Und ih­re Ma­ma soll den Cam­ping­stuhl dort auf­stel­len. •

Bloß nicht kip­pen, nie das VeR­tRau­en veR­lie­Ren

ICH Wer­De über­Le­ben

„I will sur­vi­ve“– von dem Mut­mach-Satz wird Ma­ri­sol je­den Mor­gen an ih­rem Spie­gel be­grüßt

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Mir­na hat ih­ren Job in Wolfsburg auf­ge­ge­ben, um bei Ma­ri­sol in Berlin zu sein

Die Pha­sen der Er­ho­lung nach ei­ner über­stan­de­nen Che­mo­the­ra­pie ver­brin­gen Ma­ri­sol und Ma­ma Mir­na am liebs­ten drau­ßen

„So­bald ich ge­sund bin, feie­re ich mei­nen 23. Ge­burts­tag nach“, er­zählt Ma­ri­sol (r.) Re­dak­teu­rin Isa­bell (l.) drei Frau­en, ei­ne Wel­len­län­Ge

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