Man soll nie ei­ge­ne Träu­me für an­de­re auf­ge­ben

Phy­sio­the­ra­peu­tin kath­rin gemm, 60, woll­te ir­gend­wann mal am Meer woh­nen. Und plötz­lich war ir­gend­wann jetzt …

Meins - - Mein Leben - VON MA­RIE­KE M. GARBADE

Es war ein wun­der­vol­ler Au­gust­tag vor zwei Jah­ren. Beim Ver­las­sen des Flug­zeugs auf dem Aer­opu­er­to de Lan­za­ro­te strahlt die Mit­tags­son­ne Kath­rin di­rekt ins Ge­sicht, ihr Blick wan­dert zum blass­blau­en Him­mel. Nur ei­ne ein­zi­ge Wol­ke ist zu se­hen. Ei­ne Frau drän­gelt sich hek­tisch an ihr zum Shut­tle­bus vor­bei. „Ihr ar­men Tou­ris­ten“, denkt sich Kath­rin. „Ihr müsst bald al­le wie­der zu­rück. Ich nicht. Ich bin von jetzt an hier zu Hau­se.“

so­lan­ge sie den­ken kann, woll­te sie am meer woh­nen.

„Es war ein­fach an der Zeit, mei­nen Traum vom Aus­wan­dern in den Sü­den wahr wer­den zu las­sen“, sagt Kath­rin Gemm, 60. Über 30 Jah­re lang hat­te sie in Deutsch­land als Phy­sio­the­ra­peu­tin ge­ar­bei­tet. War­um soll­te das nicht auch un­ter der Son­ne Lan­za­ro­tes mög­lich sein?

Ih­re bei­den Töch­ter Sa­b­ri­na, 29, und An­ni­ka, 26, sind erst nicht be­geis­tert, stel­len sich ih­rer Ma­ma aber nicht in den Weg. „Wenn es hart auf hart kommt, hal­ten wir drei ein­fach im­mer zu­sam­men“, er­zählt Kath­rin mit ei­nem Lä­cheln und ei­nem An­flug von Stolz. Ihr Le­bens­ge­fähr­te Bert­hold – auch Phy­sio­the­ra­peut – woll­te noch zu Hau­se in Nord­rhein-West­fa­len al­les re­geln, die Ge­mein­schafts­pra­xis ver­kau­fen. Und dann sei­ner Liebs­ten auf die In­sel fol­gen.

Denn durch Zu­fall hat­te Kath­rin ei­ne Stel­le als freie Mit­ar­bei­te­rin in ei­ner Pra­xis auf Lan­za­ro­te ver­mit­telt be­kom­men. „Zu­fall ist eben das, was ei­nem zu­fällt, wenn es fäl­lig ist“, sagt sie. Man merkt so­fort, dass Kath­rin kei­ne Frau ist, die ab­war­tet. Sie ist ei­ne Ma­che­rin. Ei­ne, die sich traut – auch al­lein aus­zu­wan­dern. Ein­fach aus Sehn­sucht zum Meer. „Es war für mich al­les so auf­re­gend. Je­den Tag et­was Neu­es, neue Leu­te, neue Ein­drü­cke – ein ganz neu­es Le­ben!“

Na­tür­lich gibt es auch Start­schwie­rig­kei­ten. Sie ver­dient als freie Mit­ar­bei­te­rin in der Phy­sio­pra­xis we­nig Geld, muss mit knapp 60 Jah­ren noch mal ei­ne

Ich bin ein Dick­kopf, das hat ge­hol­fen!

ganz neue Spra­che ler­nen. „Trotz­dem war ich von An­fang an glück­lich!“Sie freut sich auf das, was noch kom­men mag. Dar­auf, dass sie mit Bert­hold ihr In­sel­glück bald zu­sam­men ge­nie­ßen kann.

Im März 2015 än­dern sich plötz­lich die Plä­ne. Bert­hold ruft an. „So wie ich kön­ne er nicht le­ben, ge­steht er mir. Er brau­che Struk­tur und Si­cher­heit. Und ei­ne Fern­be­zie­hung auf Dau­er wä­re nichts für ihn.“Hat sie über­legt, zu­rück nach Deutsch­land zu ge­hen? „Kei­ne Se­kun­de! Ich bin be­reits zwei­mal ge­schie­den. Wenn ich ei­nes in mei­nem Le­ben ge­lernt ha­be, dann ist es, nie­mals die ei­ge­nen Träu­me für an­de­re auf­zu­ge­ben.“Trotz­dem ha­be sie da­mals das ers­te Mal auf der In­sel ge­weint. Aus Ent­täu­schung. Nicht aus Angst vor der Zu­kunft.

Sie kämpft mit dem Lie­bes­kum­mer und stürzt sich in die Ar­beit.

Doch dann der nächs­te Schock: Ihr wird ge­kün­digt. „Mei­ne Che­fin hat­te Angst, dass ich ihr die Kun­den weg­schnap­pe.“Jetzt geht es um ih­re Exis­tenz. „Zum Glück hat­te ich auf der In­sel schon vie­le tol­le Leu­te ken­nen­ge­lernt, die mir ge­hol­fen ha­ben!“Sie macht sich als mo­bi­le Phy­sio­the­ra­peu­tin (www.phy­sio­lan­za­ro­te.com) selbst­stän­dig. Doch die Auf­trä­ge blei­ben zu­nächst aus. „Des­halb ha­be ich ne­ben­bei ge­putzt, Haus­wän­de ge­stri­chen, in ei­nem Heim für De­menz­kran­ke ge­ar­bei­tet.“So kann sie ih­re klei­ne Woh­nung hal­ten, ihr Au­to fi­nan­zie­ren, das sie für ih­re mo­bi­le Pra­xis braucht. Lang­sam spricht sich ihr gu­ter Ruf her­um. Kun­den emp­feh­len sie wei­ter. Ein Freund hilft ihr, ei­ne In­ter­net­sei­te ein­zu­rich­ten. „Mitt­ler­wei­le läuft es echt gut“, freut sich Kath­rin. „Ich ha­be vie­le Stamm­kun­den, und es kom­men im­mer mehr da­zu.“

Sehn­sucht nach Deutsch­land hat sie nicht. Sie ver­misst nichts. „Na­tür­lich bis auf mei­ne zwei Töch­ter und mei­ne En­ke­lin Lil­ly. Die hät­te ich am liebs­ten je­den Tag um mich“, ge­steht die frisch­ge­ba­cke­ne Oma. Um­so mehr freut sie sich, wenn ih­re Fa­mi­lie sie be­sucht. Dann zeigt sie stolz IH­RE In­sel. Zeigt ih­nen das Meer. „Und die­ses un­be­schreib­li­che Licht. Die­ses Licht ei­ne St­un­de vor Son­nen­un­ter­gang. Das kann man nicht be­schrei­ben, das muss man ge­se­hen ha­ben.“•

Im­mer nach vorn schau­en „Mein Le­bens­mot­to: Es kommt, was kommt. Und al­les, was kommt, ist gut!“

meIn In­seL­gLück „Wenn ich mor­gens die Au­gen öff­ne, den­ke ich: Du lebst dei­nen Traum!“, schwärmt Kath­rin

meIn LIeb­LIngs­ort Das Meer ist Kath­rins gro­ße Lie­be. So­oft wie mög­lich ver­sucht sie, sich ei­nen Tag am Strand zu gön­nen kann die Phy­sio­the­ra­peu­tin nicht nur beim Wan­dern, sie kann auch im Frei­en ar­bei­ten DIe na­tur genIes­sen

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