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Lau­ni­sche Chefs, im­mer für an­de­re ar­bei­ten? Da­von hat­te Chris­tia­ne klink, 50, ge­nug. Al­so än­der­te sie ihr Le­ben …

Meins - - Inhalt - VON JA­RA TIE­DE­MANN

Chris­tia­ne, 50, er­öff­ne­te ein Bis­tro

Das A und O: Du musst es mit Hin­ga­be ma­chen!

Als wir das klei­ne Bis­tro in der Lü­ne­bur­ger In­nen­stadt be­tre­ten, war­tet Chris­tia­ne schon auf uns. Tie­fen­ent­spannt steht sie in ih­rer of­fe­nen Kü­che, im Hin­ter­grund er­tönt lei­se Frank Si­na­tras „My Way“. Wie pas­send, den­ke ich, denn ge­nau des­we­gen sind wir heu­te hier. Weil Chris­tia­ne eben auch ih­ren ei­ge­nen Weg ge­gan­gen ist. Um sich ih­ren gro­ßen Traum zu er­fül­len. Den Traum vom ei­ge­nen Bis­tro.

„Im April ha­be ich Ein­jäh­ri­ges ge­fei­ert“, freut sich Ch­ris­sie. Sechs Ta­ge die Wo­che, manch­mal 14 St­un­den am Tag ist sie hier. „Ein Bü­ro-Job ist Ur­laub da­ge­gen.“Trotz­dem: Man merkt ihr an, wie zu­frie­den sie in ih­rem ei­ge­nen Reich ist. Klein und ge­müt­lich ist das „jo­lie“(franz. für „hübsch“). Auf den Ti­schen ste­hen al­te, ver­schnör­kel­te Ker­zen­hal­ter. Kei­ner gleicht dem an­de­ren. „Ist al­les vom Flohmarkt. Auch das Ge­schirr“, er­zählt Ch­ris­sie. „Ich mag die­ses ecki­ge, mo­der­ne Gas­tro-Ge­schirr nicht. Bei mir wird von sü­ßen Oma-Tel­lern ge­ges­sen!“

und Ch­ris­sie ist nun mal die­je­ni­ge, die hier ent­schei­det.

Sie macht auch in ih­rem Bis­tro nur, was ihr ge­fällt. „Was mir nicht

schmeckt, ko­che ich auch nicht.“Zum Bei­spiel Fisch. „Die­se Bra­te­rei ist nicht mein Ding. Aber das ist das Tol­le. Hier bin ich die Che­fin und kann selbst ent­schei­den, was ich ma­che und was nicht.“Ein Weg, den sie schon viel eher hät­te ein­schla­gen sol­len, sagt sie heu­te.

Was man der 50-jäh­ri­gen nicht an­sieht: Har­te Zei­ten lie­gen hin­ter ihr.

Noch vor zwei Jah­ren hat sie in ei­nem gro­ßen Un­ter­neh­men ge­ar­bei­tet. Als As­sis­tenz der Ge­schäfts­füh­rung. „Das Ar­beits­kli­ma war ei­ne Ka­ta­stro­phe. Mob­bing, kei­ne Wert­schät­zung der Ar­beit und re­spekt­lo­se Chefs, die ih­re Mit­ar­bei­ter wie Skla­ven be­han­delt ha­ben.“Alb­träu­me und Schweiß­aus­brü­che mit­ten in der Nacht plag­ten sie.

Doch Chris­tia­ne hielt dem vie­le Jah­re stand, mach­te wei­ter und be­schwer­te sich nicht. Bis zu dem Tag, als nichts mehr ging. Da war sie 48. „Ich ging die Trep­pe zum Bü­ro rauf, mir wur­de schlecht, und ich hat­te das Ge­fühl, kei­ne Luft mehr zu be­kom­men. Ich woll­te plötz­lich nur noch weg.“So ging sie zum Arzt – und da brach­te sie al­les raus: die gan­ze an­ge­stau­te Ent­täu­schung und Wut. „Stun­den­lang ha­be ich ge­heult.“Dia­gno­se: Burn-out.

Chris­tia­ne kün­dig­te und nahm sich ein hal­bes Jahr Zeit für sich. Im­mer an ih­rer Sei­te ihr Mann, mit dem sie im Wend­land lebt. „Ir­gend­wann muss­te ich mich aber fra­gen: Was machst du jetzt mit dei­nem Le­ben?“Ihr war klar: „Ich will von nun an nur noch et­was ma­chen, was mir wirk­lich Spaß macht.“Die Zeit für das ei­ge­ne Bis­tro war ge­kom­men. „Das war schließ­lich schon im­mer mein Traum.“

Er­fah­run­gen im Gas­tro-Be­reich hat­te Ch­ris­sie durch ih­re frü­he­re Aus­bil­dung zur Re­stau­rant­fach­frau schon. Das war ihr aber noch nicht ge­nug, sie woll­te kei­ne Feh­ler ma­chen. „Sechs Mo­na­te ha­be ich re­cher­chiert, wie man so ein Pro­jekt an­geht. Ha­be Kur­se bei der IHK be­legt und mir vie­le Bü­cher zum The­ma Selbst­stän­dig­keit und Exis­tenz­grün­dung ge­kauft.“

Das Kon­zept war klar: „Ich woll­te ein klei­nes, ge­müt­li­ches Bis­tro, in dem ich fri­sche Spei­sen aus dem Mit­tel­meer­raum, un­ter an­de­rem Ta­pas, an­bie­te.“Tief­kühl­kost? Kommt bei Ch­ris­sie nicht in die Pfan­ne. „Ich be­rei­te al­les frisch in mei­ner Show­kü­che zu.“Da­für war Geld nö­tig. Ins­ge­samt 60 000 Eu­ro brauch­te sie. Ein­zi­ges Pro­blem: „Für die Ban­ken bist du mit fast 50 und ei­ner GastroI­dee ein ro­tes Tuch.“Ihr Glück: Zwei Pri­vat­in­ves­to­ren stie­gen mit ein. Es konn­te los­ge­hen. Nach fast drei Mo­na­ten Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten er­öff­ne­te sie end­lich das „jo­lie“.

Und es läuft! Hin und wie­der ver­an­stal­tet sie so­gar Kon­zer­te, Le­sun­gen oder Tan­go-Aben­de in ih­rem La­den. „Stres­sig wird’s nur, wenn der La­den rap­pel­voll ist und ich al­lein in der Kü­che ste­he.“Bis­her hat sie nur ei­ne Aus­hil­fe für die Stoß­zei­ten. Aber selbst wenn mal et­was nicht klappt: „Hin­fal­len, Kro­ne rich­ten, wei­ter­ge­hen – das ist mein Mot­to“, sagt Ch­ris­sie.

Was ihr das Bis­tro be­deu­tet? „Frei­heit! Es gibt nichts Schö­ne­res für mich, als mor­gens her­zu­kom­men und mei­nen ei­ge­nen La­den auf­zu­schlie­ßen. Ich freue mich jetzt auf die Ar­beit, und ich war noch nie so glück­lich.“•

bonJour, GlÜCk Chris­tia­ne lebt das Le­ben, das sie sich im­mer ge­wünscht hat

l’art pour moI Ch­ris­sie zau­bert am Herd. Ihr Mann hat die Bil­der ge­malt

naH dran Re­dak­teu­rin Ja­ra Tie­de­mann durf­te hin­ter den Tre­sen schau­en

Dé­lICIeUx Ih­re Spe­zia­li­tät sind Lamm­spie­ße aus den Abruz­zen

Mon pe­tIt pA­rA­DIs Das „jo­lie“, franz. für „hübsch“, macht sei­nem Na­men al­le Eh­re!

on DAn­se Ch­ris­sie ver­an­stal­tet re­gel­mä­ßig Tan­goAben­de

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