Frau­en wie wir

In Ren­te zu ge­hen konn­te sich Ul­la Tem­plin, 73, gar nicht vor­stel­len. Was soll­te sie mit all der Zeit an­fan­gen? Da hat sich ei­ni­ges ge­fun­den

Meins - - Inhalt - VON CLAU­DIA RESHÖFT

Ul­la, 73, rockt die Ren­te wie kei­ne Zwei­te

Ren­te – du lie­ber Him­mel! Als ich mei­nen Be­ruf auf­gab, dach­te ich, die Welt geht un­ter“, er­in­nert sich Ul­la Tem­plin. Über drei­ßig Jah­re lang de­sign­te sie Kol­lek­tio­nen für in­ter­na­tio­na­le Mo­de­fir­men, reis­te nach Mai­land, Mon­te Car­lo und Pa­ris. Ih­ren Mann, ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der wie sie in sei­ner Ar­beit auf­ging, sah sie nur am Wo­che­n­en­de. Zeit für ei­ge­ne Kin­der oder ei­nen gro­ßen Be­kann­ten­kreis blieb da nicht. „Mein Be­ruf war mein Le­ben“, sagt die 73-Jäh­ri­ge. Und das soll­te nun mit ei­nem Schlag vor­bei sein? „Das ein­zig Schö­ne, das ich da­mals dar­in ent­de­cken konn­te, war, dass ich mei­nen

Zu tun, wo­zu ich Lust ha­be, Lei­den­schaf­ten aus­zu­le­ben – das ist so ei­ne Be­rei­che­rung

Mann nun end­lich öf­ter sah.“Trotz­dem stand die De­si­gne­rin bei ih­rem vor­zei­ti­gen Ru­he­stand vor der Fra­ge, die uns al­le be­schäf­tigt – wenn Kin­der aus dem Haus ge­hen, nach ei­ner Kün­di­gung oder mit dem Ren­ten­be­ginn: Was fan­ge ich an mit der frei ge­wor­de­nen Zeit? Wie fül­le ich die Ta­ge, Wo­chen und Mo­na­te, die jetzt vor mir lie­gen?

Tr­üb­sal bla­sen? Kommt über­haupt nicht in­fra­ge!

Statt­des­sen macht Ul­la Tem­plin, was sie bis­her am bes­ten konn­te: krea­tiv sein. „Ich über­leg­te, was mich am meis­ten in­ter­es­siert und wor­über ich gern mehr wis­sen wür­de. Kunst war na­he­lie­gend, denn durch mei­nen Be­ruf ha­be ich im­mer schon ent­wor­fen und ge­zeich­net.“Sie be­sucht Mal­kur­se, stu­diert Kunst­ge­schich­te und ver­glei­chen­de Kul­tur­wis­sen­schaft. „Das war ei­ne ziem­li­che Her­aus­for­de­rung. Ich ging ja auf die 60 zu und saß ne­ben Stu­den­ten, die – rein theo­re­tisch – mei­ne En­kel hät­ten sein kön­nen“, lacht sie. Aber die jun­gen Leu­te sind auf­ge­schlos­sen – und ziem­lich be­ein­druckt, als Ul­la Tem­plin ein Re­fe­rat über Ba­de­mo­de hält. Da zeigt sich, wel­che Vor­tei­le Er­fah­rung ha­ben kann.

Sie be­sinnt sich noch auf ei­ne zwei­te Lei­den­schaft, das Le­sen. „Frü­her ha­be ich prak­tisch je­de freie Mi­nu­te da­mit ver­bracht. Aber statt zu Hau­se im Ses­sel zu sit­zen, ha­be ich mich ei­nem Li­te­ra­tur­kreis an­ge­schlos­sen. Wir le­sen al­le das glei­che Buch und tau­schen uns an­schlie­ßend dar­über aus. So ha­be ich völ­lig an­de­re Sicht­wei­sen ken­nen­ge­lernt. Ei­ne un­glaub­li­che Be­rei­che­rung!“, er­klärt sie und strahlt.

Der Um­gang mit den jun­gen Leu­ten, das Ein­tau­chen in un­be­kann­te Er­fah­rungs­wel­ten und die Er­kennt­nis, über ei­nen rei­chen Er­fah­rungs­schatz zu ver­fü­gen, er­mu­ti­gen Ul­la Tem­plin, noch ei­nen Schritt wei­ter­zu­ge­hen. „Ei­nes Ta­ges reich­te es mir nicht mehr, Wis­sen an­zu­häu­fen. Ich woll­te auch et­was da­von wei­ter­ge­ben.“

Jetzt er­schließt sie Kin­dern ganz neue Wel­ten.

Kennt man das Ziel, er­ge­ben sich be­kannt­lich fast au­to­ma­tisch neue We­ge dort­hin. So war es auch bei Ul­la Tem­plin. In der Zei­tung ent­deckt sie ei­ne An­zei­ge: „Le­se­pa­ten für Grund­schu­le ge­sucht“. Per­fekt! „Jetzt be­su­che ich re­gel­mä­ßig Erst- bis Viert­kläss­ler und lese ge­mein­sam mit ih­nen ein Buch. Herr­lich, was die Klei­nen wis­sen wol­len, wel­che Fan­ta­sie sie ha­ben und mit wel­cher Be­geis­te­rung sie ler­nen.“

Doch da­mit sind die Ta­ge der Frau, die nicht an­ders kann – und nichts an­de­res will –, als in Be­we­gung zu blei­ben, noch lan­ge nicht aus­ge­füllt. Sie malt Pla­ka­te für Ver­an­stal­tun­gen des ört­li­chen Se­nio­ren­bü­ros und hält in Al­ten­ein­rich­tun­gen Vor­trä­ge über die Regensburger Stadt­ge­schich­te der Nach­kriegs­zeit. Sie be­schäf­tigt sich lei­den­schaft­lich mit Aqua­rell­ma­le­rei. Und sie hält sich mit Yo­ga, Fas­zi­en­Trai­ning und Nor­dic Wal­king fit. „So­lan­ge ich mich be­we­ge, bleibt mein Geist be­weg­lich“, sagt sie schmun­zelnd.

selbst be­stim­men – das macht frei und glück­lich!

Trotz Ren­te weist Ul­la Tem­plins Ka­len­der nicht vie­le Lü­cken auf. Den­noch be­haup­tet sie: „Ich ha­be al­le Zeit der Welt.“Ihr Mann sieht das al­ler­dings mit­un­ter ein biss­chen an­ders. „Manch­mal klopft er an und fragt, wann ich mal Zeit für ihn ha­be“, gibt sie lä­chelnd zu. „Aber er ist froh, dass ich rund­um glück­lich bin. Weil der be­ruf­li­che Druck weg ist und ich die Frei­heit ha­be, das mit gan­zem Her­zen zu tun, wor­auf ich Lust ha­be, was mir wich­tig ist und was mich be­rei­chert: Men­schen be­geg­nen, neue In­ter­es­sen ent­de­cken und wei­ter ler­nen. Es ist, als hät­te sich ein zwei­tes Le­ben auf­ge­tan. Nur ei­nes hat sich nicht ge­än­dert: Die Wo­che­n­en­den ge­hö­ren nur mei­nem Mann und mir – und das ist wirk­lich ganz wun­der­bar!“•

Wenn ich mich be­we­ge, bleibt auch mein Geist auf Tr­ab Ich will et­was von mei­nem Wis­sen wei­te ge­ben! R

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