Was uns be­wegt:

Mit götz ge­or­ge starb ei­ner un­se­rer größ­ten Schau­spie­ler. Au­to­rin Pia Hart be­glei­te­te ihn über vie­le Jah­re. Und durf­te ei­nen Mann ent­de­cken, der als un­nah­bar galt – und uns den­noch tief be­rühr­te

Meins - - Inhalt -

Ab­schied von Götz Ge­or­ge

Die Nach­richt von sei­nem Tod hat uns al­le ge­schockt. Götz Ge­or­ge ist tot. Ein Mann, der uns im­mer er­schien wie ein Fels, von un­glaub­li­cher Prä­senz, nicht äl­ter wer­dend, stahl­hart, un­um­stöß­lich – ist nicht mehr da. Der Krebs hat ihn ge­holt, schnell, sa­gen sei­ne An­ge­hö­ri­gen, mit 77 Jah­ren.

Ich selbst ha­be das Glück, die­sen ganz be­son­de­ren Schau­spie­ler mehr­mals ge­trof­fen zu ha­ben. Vor dem ers­ten Mal hat­te ich al­ler­dings ge­hö­rig Re­spekt. Denn ich wuss­te von mei­nen Kol­le­gen, dass die­ser cha­ris­ma­ti­sche Mann ein wirk­lich har­ter Bro­cken ist, was In­ter­views an­geht. Götz Ge­or­ge galt als ei­ner der schwie­rigs­ten In­ter­view­part­ner. Ei­ne fal­sche Fra­ge und das Ge­spräch war be­en­det. Er konn­te dann los­pol­tern oder ei­sig schwei­gen.

auch ich hat­te vor un­se­rer ers­ten Be­geg­nung mehr als re­spekt.

Mit ei­nem gro­ßen Sta­pel Un­ter­las­sungs­er­klä­run­gen un­ter dem Arm be­trat ich als da­mals 25-Jäh­ri­ge das Ho­tel in Ham­burg.

Und traf je­man­den, der ei­ne un­glaub­li­che Prä­senz aus­strahl­te. Götz Ge­or­ge saß läs­sig in ei­nem Ses­sel. Be­ach­te­te mich zu­nächst kaum, trug Blue­jeans, grau­es Sweat­shirt auf nack­ter Haut, Snea­ker oh­ne So­cken. Da­zu die ob­li­ga­to­ri­sche Bril­le mit Fens­ter­glas – als Schutz­schild. Ich hat­te das Ge­fühl, als steck­te er ganz tief in sei­ner ei­ge­nen Welt.

Ich leg­te den Sta­pel auf den Tisch. Er blick­te kurz auf, nu­schel­te: „Was’n das?“– „Herr Ge­or­ge, das sind all die The­men, die ich nicht an­spre­chen darf, weil Sie da­ge­gen ge­klagt ha­ben. Ich weiß nun gar nicht, wor­über wir re­den kön­nen“, sag­te ich.

Und da ge­schah et­was, wo­mit ich nie ge­rech­net hät­te: Er lä­chel­te. Griff die Un­ter­la­gen, schau­te al­les in­ter­es­siert durch, nahm die Bril­le ab und fing an zu la­chen. „Ist ja der Wahn­sinn, was ich al­les ge­won­nen ha­be“, freu­te er sich. Und wirk­te wie ein klei­ner Jun­ge. „Na los, pro­bie­ren Sie es“, sta­chel­te er mich an. Sei­ne stahl­blau­en Au­gen fo­kus­sier­ten mich. Er öff­ne­te die raue Scha­le: „So­bald die letz­te Klap­pe ei­nes Films ge­fal­len ist, bin ich je­des Mal weg! Ich kann in die­sem Land kei­ne Kraft mehr schöp­fen.“Er er­zähl­te von sei­nem zu­rück­ge­zo­ge­nen Le­ben auf Sar­di­ni­en, wo ihn nie­mand er­kann­te. „Ich le­be dort oh­ne Fern­se­her und Zei­tun­gen. Da ha­be ich mir al­les ab­ge­wöhnt.“Über den Schock, als er dort beim Schnor­cheln von ei­nem Boot über­fah­ren und sein Bein zer­schmet­tert wur­de: „Der Fah­rer hat das nicht mal be­merkt.“Da war er dem Tod schon ziem­lich na­he­ge­kom­men. Auf die Fra­ge, was da­nach kä­me, ant­wor­te­te er: „Da kommt nichts.“Das Le­ben fin­det im Jetzt statt – das war sei­ne tie­fe Über­zeu­gung.

Wir sind uns in mei­nem Jour­na­lis­ten­le­ben dann mehr­fach be­geg­net. Und stets wa­ren es ver­trau­ens­vol­le

Ge­sprä­che. Sei­ne star­ke Au­ra und das Ge­fühl, ei­nem Men­schen, der we­der kör­per­lich noch geis­tig zu al­tern schien, ge­gen­über­zu­sit­zen, ha­ben mich im­mer wie­der aufs Neue fas­zi­niert.

Bald lern­te ich ihn, der vor je­der sei­ner so vie­len un­ter­schied­li­chen Rol­len oft mit sich ha­der­te, von ei­ner an­de­ren Sei­te ken­nen: Mein Le­bens­ge­fähr­te Ro­land Su­so Rich­ter hat­te als Re­gis­seur mehr­fach mit Götz Ge­or­ge ge­ar­bei­tet. Und er woll­te mit ihm auch den Ki­no­film „Nichts als die Wahr­heit“über den KZ-Arzt Men­ge­le dre­hen. Doch die Fi­nan­zie­rung kam zu­nächst nicht zu­stan­de. Was tat Götz, der die­se Rol­le un­be­dingt spie­len woll­te? Er mach­te pri­vat ei­ne Mil­li­on D-Mark lo­cker. Der Film wur­de pro­du­ziert. Das Geld sah er nie wie­der. Egal. Für au­ßer­ge­wöhn­li­che Stof­fe brann­te er. Und klag­te gleich­zei­tig: „Der Ge­schmack des Pu­bli­kums wird lei­der im­mer ober­fläch­li­cher.“

Fühl­te sich Götz un­ter Freun­den, lach­te er herz­haft und laut, spiel­te abends beim Es­sen die Sze­nen des nächs­ten Ta­ges so lan­ge durch, bis es für ihn per­fekt war. Da­bei wa­ren oft ei­ni­ge Fla­schen Ba­ro­lo mit im Spiel.

Götz war ein Wor­kaho­lic, der sich akri­bisch in sei­ne Cha­rak­te­re ein­ar­bei­te­te. Oft agier­te er, wie er es in­tui­tiv für rich­tig hielt – völ­lig los­ge­löst von dem, was sich der Re­gis­seur wünsch­te. Doch ge­nau die­se Au­then­ti­zi­tät war es, mit der er das Pu­bli­kum in sei­nen Bann zog. Er trau­te sich viel zu und hat­te nie Angst an­zu­ecken.

Götz Ge­or­ge be­saß ei­ne Aus­strah­lung wie nur ganz we­ni­ge Schau­spie­ler. Da­bei woll­te er nie ein Star sein. „Der gro­ße Ge­or­ge“? Das war in sei­nen Au­gen aus­schließ­lich sein viel zu früh ver­stor­be­ner Va­ter Hein­rich Ge­or­ge, die­ser Film- und Thea­ter­gi­gant der Drei­ßi­ger­jah­re. In des­sen Fuß­stap­fen woll­te er nie tre­ten. „Ich be­mü­he mich, mei­ne ei­ge­nen zu hin­ter­las­sen“, sag­te er. Das ist ihm mehr als ge­lun­gen, mit Fil­men wie „Der Tot­ma­cher“oder „Sch­tonk!“Und na­tür­lich mit der Ver­kör­pe­rung des schnodd­rigs­ten, rau­bei­nigs­ten und viel­leicht im­po­nie­rends­ten „Tat­ort“-Kom­mis­sars, den es je gab.

Zu „Schim­mi“hät­te ge­passt, wie Götz Ge­or­ge sich von der Welt ver­ab­schie­de­te: schnell und heim­lich. Mit ei­nem fran­zö­si­schen Ab­gang, wie er sa­gen wür­de. Auch vie­le Freun­de er­fuh­ren erst nach der ge­hei­men Bei­set­zung von sei­nem Tod. Und er ließ ih­nen mit­tei­len, sie soll­ten statt­des­sen lie­ber ei­nen gu­ten Rot­wein öff­nen und noch ein­mal auf ihn trin­ken! •

Ein Mensch, der we­der kör­per­lich noch geis­tig zu al­tern schien

Man­nSBILD Der Schau­spie­ler Götz Ge­or­ge, ge­bo­ren am 23. Ju­li 1938 in Ber­lin, ge­stor­ben am 19. Ju­ni 2016 in Ham­burg

naHSICHT Die Jour­na­lis­tin und Dreh­buch­Au­to­rin Pia Hart traf Ge­or­ge zu vie­len per­sön­li­chen Ge­sprä­chen

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