Antje, 49, ist über­glück­lich: Ih­re Toch­ter lebt dank Or­gan­spen­de

Wie fühlt es sich an, hilf­los zu­zu­se­hen, wie dein Kind lei­det? Antje Lan­ge, 49, hat es über vie­le Jah­re er­lebt. Jetzt ret­te­te ih­rer Toch­ter Ay­lin ein Spen­der­or­gan das Le­ben – schon zum zwei­ten Mal

Meins - - Inhalt - VON NA­DI­NE LIESE/JULIA MEYERDIERCKS

DIE ERS­TE WO­CHE HA­BEN WIR JE­DEN TAG GE­WEINT VOR GLÜCK!

Auf­ge­regt stürzt Antje Lan­ge spät­abends in das Zim­mer ih­rer Toch­ter. „Ay­lin, Ay­lin, die Nie­re ist da!“Aus­ge­rech­net an die­sem Abend hat Ay­lin ihr Han­dy im Flur lie­gen las­sen und das Klin­geln nicht ge­hört. Ih­re Mut­ter, die nach der Arbeit noch un­ter­wegs ist, er­hält den An­ruf vom Kran­ken­haus, stürmt so­fort nach Hau­se. Ob­wohl bei­de das Sze­na­rio tau­send­mal in Ge­dan­ken durch­ge­spielt ha­ben, kommt die Nach­richt doch über­ra­schend. „Du war­test je­den Tag dar­auf. Dann geht auf ein­mal al­les so schnell, und du weißt, in ein paar St­un­den be­ginnt dein neu­es Le­ben“, er­zählt Ay­lin. Sie be­kommt be­reits zum zwei­ten Mal ein Spen­der­or­gan.

Al­les be­gann mit hef­ti­gem Na­sen­blu­ten.

Am 26. Ja­nu­ar 2004. „Den Tag, an dem mein klei­nes Mäd­chen ster­bens­krank wur­de, wer­de ich nie ver­ges­sen!“, sagt Antje. Ih­re Er­schüt­te­rung spürt man noch heu­te. Die Dia­gno­se: HUS-Syn­drom (hä­m­o­ly­tisch-ur­ä­mi­sches Syn­drom) – ei­ne ge­ne­tisch be­ding­te sel­te­ne Au­to­im­mun­er­kran­kung der Nie­ren. Die­sen Gen­de­fekt hat auch Antje, doch bei ihr brach die Krank­heit nie aus.

Ay­lin war ge­ra­de acht Jah­re alt. Ih­re Nie­ren muss­ten ent­fernt wer­den, und sie muss­te nachts zur Dia­ly­se.

„Es war schlimm, mein Kind so lei­den zu se­hen und nicht hel­fen zu kön­nen“, er­in­nert sich Antje. „Ich ließ mich un­ter­su­chen, woll­te ihr ei­ne Nie­re spen­den. Aber un­se­re Wer­te stimm­ten nicht über­ein. Das war so schreck­lich!“

Die Ber­li­ne­rin tut al­les, da­mit ih­re Toch­ter so nor­mal wie mög­lich le­ben kann. Freun­de ha­ben kann, die sie zu Hau­se be­su­chen, auf Klas­sen­fahr­ten ge­hen, da fährt Ma­ma mit. Ih­ren Be­ruf gibt Antje trotz­dem nicht auf, ar­bei­tet in Teil­zeit mit Be­hin­der­ten und heu­te in der Pfle­ge. Wenn sie im Job ist, hel­fen Ay­lins Va­ter und die Fa­mi­lie.

Mit 13 be­kommt Ay­lin ein Spen­der­or­gan. Die OP ver­läuft gut, doch nach zwei Jah­ren gibt es ers­te Kom­pli­ka­tio­nen. Ir­gend­wann geht es ihr so schlecht, dass die neu­en Nie­ren ent­fernt wer­den müs­sen. Für das jun­ge Mäd­chen be­deu­tet das: wie­der vier­mal die Wo­che zur Dia­ly­se, nicht mehr als ei­nen hal­ben Li­ter täg­lich trin­ken, auf vie­le Le­bens­mit­tel wie Obst und Ge­mü­se ver­zich­ten, weil Ka­li­um und Phos­phat Gift für sie sind. Und we­gen ih­res Ka­the­ters kann sie nicht mal nor­mal ba­den. „Ich fühl­te mich we­gen der gan­zen Was­ser­ein­la­ge­run­gen in mei­nem Kör­per wie ei­ne 80-jäh­ri­ge Frau“, er­zählt Ay­lin. „Das geht auf die Psy­che, nach der Zeit be­kam ich auch Zu­kunfts­ängs­te.“

Ih­re Mut­ter ist nicht be­reit auf­zu­ge­ben, lässt sich er­neut tes­ten: Dies­mal stim­men die Ge­we­be­pro­ben über­ein, denn Ay­lins Blut­wer­te ha­ben sich ver­än­dert. Ein Hoff­nungs­schim­mer – aber die Ärz­te ra­ten von der Trans­plan­ta­ti­on ab: Die Au­to­im­mun­krank­heit sei zu un­er­forscht, auch bei Antje kön­ne sie durch die OP aus­bre­chen. „Ich war am Bo­den zer­stört. Mei­ne Toch­ter muss­te so schnell er­wach­sen wer­den und sich so früh mit dem Tod aus­ein­an­der­set­zen. Ich woll­te ihr so gern hel­fen.“

Wie­der heißt es: be­ten, hof­fen, auf ein Wun­der war­ten – bis Ay­lin auf die High-Ur­gen­cy-Lis­te ge­setzt wird und sich zum zwei­ten Mal ei­ne pas­sen­de Spen­der­nie­re fin­det. Es war höchs­te Zeit, denn Ay­lin hat­te be­reits schlim­me Ver­gif­tun­gen im Kör­per. Doch schon ein paar Ta­ge nach der OP sind ih­re Wer­te total nor­mal.

Mit 20 kann sie end­lich ein nor­ma­les Le­ben füh­ren.

Ein lan­ges Bad neh­men, al­les essen, wor­auf sie Lust hat – solch all­täg­li­che Din­ge sind un­be­schreib­li­ches Glück. „Auch mir hat das Le­ben mit Ay­lin ge­zeigt, dass man je­den Mo­ment viel be­wuss­ter wahr­neh­men soll­te“, sagt Antje. Und freut sich, dass ih­re Toch­ter Zu­kunfts­plä­ne schmie­det, die mitt­le­re Rei­fe nach­ho­len will und si­cher ist, dass sie das schafft: „Das weiß ich, auch weil mei­ne Mut­ter stets an mich ge­glaubt hat. Da­für wer­de ich ihr ­im­mer­dank­bar­sein.“­•

StäN­dig AN ge­rä­te AN­ge­SchLoS­SeN Je­de Nacht muss Ay­lin zur Dia­ly­se – an­fangs im Kran­ken­haus, spä­ter auch zu Hau­se.

über­gLück­Lich Schon kurz nach der zwei­ten Trans­plan­ta­ti­on geht es Ay­lin aus­ge­zeich­net

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