neu­an­fang

Ga­bi, 56, ist er­folg­rei­che Blog­ge­rin

Meins - - Inhalt - VON UWE Kil­liNg

Die Mu­se küsst in Wie­ner Kaf­fee­häu­sern be­son­ders in­ten­siv, so die Le­gen­de. Doch Li­te­ra­ten, die ih­re Geis­tes­blit­ze in No­tiz­bü­chern oder auf Ser­vi­et­ten ver­ewi­gen, sieht man dort kaum noch. Im Ca­fé „Voll­pen­si­on“klappt auf je­dem zwei­ten Nie­ren­tisch ein Lap­top hoch. Auch der von Ga­b­rie­le Mi­hats. „Hier kann ich gut schrei­ben, das Um­feld in­spi­riert mich“, sagt die 56-Jäh­ri­ge an ih­rem Stamm­platz, um­ge­ben von grell­bun­ter Re­tro-Ge­müt­lich­keit. Ga­bi ist Blog­ge­rin und be­treibt mit ih­rer Sei­te www.fast.just­per­fect.at ei­nen der ers­ten deutsch­spra­chi­gen Web­blogs für Frau­en ab 50.

„Darf ich mich vor­stel­len: die al­te Schach­tel.“

Mit ih­rem herz­er­fri­schen­den La­chen bricht die tem­pe­ra­ment­vol­le Wie­ne­rin gern das Eis, wenn sie sich un­ter deut­lich jün­ge­ren Frau­en be­wegt. Wie der Gast am Tisch schräg ge­gen­über: Mit­te 20, sty­lish ge­klei­det, beim Tip­pen Mu­sik hö­rend. So se­hen die meis­ten Kol­le­gin­nen aus, die Ga­bi Mi­hats vor zwei Jah­ren auf ih­rer ers­ten in­ter­na­tio­na­len Kon­fe­renz für Mo­de­blog­ger ge­trof­fen hat: „Es ist ei­ne sehr jun­ge Sze­ne mit ih­ren ei­ge­nen Re­geln. Ich ha­be mich je­doch nicht ab­schre­cken las­sen, son­dern mir dort wert­vol­le Tipps ge­holt. Und das hat funk­tio­niert, weil die Jun­gen mich über­haupt nicht als Kon­kur­renz ge­se­hen ha­ben.“

Blogs, so­ge­nann­te In­ter­net-Ta­ge­bü­cher, ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­nen phä­no­me­na­len Boom er­lebt. Es be­gann da­mit, dass mo­de­be­geis­ter­te Jour­na­lis­tin­nen ih­ren ei­ge­nen Stil zur Schau stell­ten. Die Klei­dung stamm­te aus dem Shop um die Ecke und wur­de im All­tag fo­to­gra­fiert. In­zwi­schen wird al­les ge­b­loggt – von Re­zep­ten über Rei­se­rou­ten bis zu Mei­nun­gen jeg­li­cher Cou­leur. Blogs sind Teil un­se­rer Me­di­en­kul­tur und lo­cken zu­neh­mend auch Wer­be­kun­den an.

Für Ga­bi Mi­hats ver­band sich ihr Start mit kei­ner­lei Ge­schäfts­idee: „Es war ei­ne Fol­ge der Wech­sel­jah­re, die mich mit An­fang 50 völ­lig durch­ein­an­der­brach­ten.“Ihr Herz ha­be ge­rast, die Psy­che ver­rückt­ge­spielt, Klei­der hät­ten nach Ge­wichts­zu­nah­me nicht mehr ge­passt: „Ich war vor­her ein en­er­gie­vol­ler Mensch oh­ne Lau­nen. Doch plötz­lich war ich ge­zwun­gen, mich mit mir selbst zu be­schäf­ti­gen.“Ga­bi Mi­hats hat lan­ge in der Mu­sikund Film­bran­che ge­ar­bei­tet. Die Nut­zung un­ter­schied­lichs­ter Me­di­en war ihr sehr ver­traut. Auch das Tex­ten. So star­te­te sie zu­nächst ei­nen an­ony­men Blog. Sie woll­te nicht wei­ter ih­re Freun­de „be­quat­schen“, wie sie schmun­zelnd er­zählt, „und mei­nen See­len­frust ins Uni­ver­sum zu stel­len war ei­ne gro­ße Stüt­ze.“

Schrei­ben wirkt be­frei­end und schafft vie­le neue Kon­tak­te

Aus der Schreib-The­ra­pie ent­wi­ckel­te sich in vie­len Schrit­ten dann der Blog, den Ga­bi Mi­hats nun fast täg­lich mit Tex­ten, Fotos und Fil­men füt­tert. Mit ih­rem Mot­to „fast.just­per­fekt“, ein Mix aus Deutsch und Eng­lisch, möch­te sie Frau­en ih­res Al­ters Mut ma­chen: „Wir sind in ei­ner Le­bens­pha­se an­ge­langt, wo der Wunsch nach Per­fek­ti­on kei­ne Rol­le mehr spielt. In der Ju­gend will man an­de­ren ge­fal­len, nun aber vor al­lem sich selbst. Das al­lein ist fast per­fekt.“Ge­b­loggt wer­den Shop­pin­gTou­ren mit An­zieh­pro­ben, Frei­zeit­Tipps und selbst ge­tes­te­te Ge­sund­heits- oder Well­ness-An­ge­bo­te. Und al­les in ei­nem lo­cke­ren Ton­fall, den die Frau mit den dunk­len, wal­len­den Haa­ren auch im Ge­spräch an­schlägt.

„Raus­ge­hen, Neu­es pro­bie­ren, un­ver­nünf­tig sein.“

So ver­steht Ga­bi Mi­hats ih­ren Blog als zeit­ge­mä­ße Me­tho­de, den ei­ge­nen Ho­ri­zont zu er­wei­tern: „Mein Netz­werk aus span­nen­den Pro­jek­ten und tol­len Frau­en, die ich da­bei ken­nen­ge­lernt ha­be, wächst ste­tig.“Ihr Stamm­lo­kal „Voll­pen­si­on“ist ein gu­tes Bei­spiel: Es star­te­te als so­zia­les Projekt, bei dem Se­nio­ren für Ob­dach­lo­se koch­ten, und ist jetzt ein be­lieb­ter Treff­punkt im Wie­ner Frei­haus­vier­tel. Ei­ne Ge­gend na­he dem be­rühm­ten Nasch­markt, wo noch in­tak­te Nach­bar­schafts­struk­tu­ren exis­tie­ren: „Mich fas­zi­nie­ren die­se klei­nen De­sign­shops und Ma­nu­fak­tu­ren, wo die In­ha­ber noch das Fun­keln in den Au­gen ha­ben.“

Ga­bi Mi­hats be­treibt das Blog­gen nicht zum Geld­ver­die­nen, sie übt wei­ter­hin ih­ren Bü­ro-Job in der Ver­wal­tung von Stu­den­ten­hei­men aus. Wenn es sich spä­ter er­gibt („um mei­ne Pen­si­on auf­zu­bes­sern“), um­so schö­ner. Doch auch an­de­ren emp­fiehlt sie das Blog­gen erst ein­mal vor­nehm­lich als Krea­tiv-Schmie­de: „Es kann hel­fen, Ta­len­te in sich auf­zu­spü­ren. Du bist dein ei­ge­ner Boss, und mit je­der klei­nen Ent­schei­dung wirst du stär­ker und kom­mu­ni­ka­ti­ver.“•

Auf dei­ner Sei­te bist du der Boss. Das stärkt Blog­gen ist kei­ne FR age des Al­teRs, son­deRn deR Neu­gieR de

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