Auf­re­ger

hat Ban­ge, von der di­gi­ta­len Welt ver­schluckt zu wer­den

Meins - - Inhalt - An­ge­li­ka Brink­mann

„Happs! Gleich wer­de ich ge­fres­sen …“

Na, ha­ben Sie heu­te auch schon Fo­tos hoch­ge­la­den? Ihr Früh­stück, die Bus­fahrt, die Lau­ne Ih­rer Kol­le­gen oder Ihr Mit­tag­es­sen ge­teilt? Nein? Huch, da kann Sie doch gar nie­mand se­hen – so un­sicht­bar, wie Sie im (Echt-)Le­ben ste­hen. Ach, Sie ah­nen es: Ich scher­ze! Ob­gleich mir gar nicht da­nach zu­mu­te ist und ich Men­schen, die sich per­ma­nent auf Netz­wer­ken prä­sen­tie­ren, ei­gent­lich nur noch be­daue­re. Wie die da so of­fen­sicht­lich ein­sam ihr Selbst- wert­ge­fühl auf frag­wür­di­gen „Ge­fällt mir“-Klicks auf­bau­en. Ich bin ei­ne, die an­ge­sichts Com­pu­ter auf dem Schreib­tisch, Face­book-Ac­count und Ins­ta­gram-Zu­gang mitt­ler­wei­le ver­sucht, mög­lichst viel Zeit off­line zu sein – re­gel­recht trot­zig und im­mer häu­fi­ger. Da­bei füh­le ich mich gar nicht off im Sin­ne von aus­ge­schal­tet. Denn ich kann mich ja zu­schal­ten ins World Wi­de Web, wann im­mer es wirk­lich nö­tig ist. Nur die­ses Wann möch­te ich selbst ent­schei­den und nicht da­zu ge­nö­tigt wer­den, stän­dig ir­gend­ein flim­mern­des Ge­rät vor mir zu ha­ben, das ich hoch­fah­ren, strei­cheln, wi­schen oder an­kli­cken muss. Um­so mehr är­ge­re ich mich über den zu­neh­men­den Zwang, on­line sein zu müs­sen.

So hat die Thea­ter­kas­se in un­se­rer Stadt schon lan­ge nicht mehr ganz­tags ge­öff­net. Ver­su­che ich mein Glück te­le­fo­nisch, hän­ge ich in der War­te­schlei­fe, weil am an­de­ren En­de Per­so­nal ge­spart wird. On­line öff­net sich der Thea­ter­vor­hang da­für blitz­schnell. Der Sha­ke­speare-Fan von heu­te klickt auf die Home­page des Thea­ters, druckt sich das Ti­cket selbst aus und we­delt da­mit abends durchs Foy­er. Im Ki­no das Glei­che: Man re­ser­viert, druckt, guckt Film. So scha­de, dass ei­ne Tra­di­tio­nel­le wie ich dann vor Ki­no­kas­sen steht und ver­blüfft er­fährt, dass der Film aus­ver­kauft ist. Die Ant­wort dar­auf lau­tet: „Das hät­ten Sie doch auf un­se­rer Sei­te se­hen kön­nen …“Sa­gen Sie mal, ich che­cke doch nicht im Mi­nu­ten­takt die Ver­kaufs­zah­len der Ki­no­rei­hen? Ich schaue nach, wann geht der Film los, und pas­send ge­he ich los. Wer ei­ne Bahn­fahr­kar­te bu­chen möch­te, er­lebt das­sel­be. Will man sich nicht per Maus durchs Netz fum­meln, gibt es zwei Mög­lich­kei­ten: sich in die Schal­ter­schlan­ge stel­len, die durch die gan­ze Bahn­hofs­hal­le mä­an­dert, oder die Ser­vice-Hot­li­ne an­ru­fen und der über­freund­li­chen Com­pu­ter­stim­me drei­mal ver­geb­lich den Ziel­ort buch­sta­bie­ren und nach 17 Mi­nu­ten ent­kräf­tet auf­le­gen.

Ganz übel wird es, wenn wir gar kei­ne an­de­re Mög­lich­keit mehr ha­ben, als nur noch on­line zu agie­ren …

Mei­ne Kin­der ma­chen bei­spiels­wei­se ge­ra­de den Füh­rer­schein. Und ich stel­le mit Grau­sen fest: Die hän­gen per­ma­nent am Han­dy. Der Grund ist: Die gan­ze Theo­rie steht on­line. Nur so kön­nen sie ler­nen, es gibt gar kei­ne Fra­ge­bö­gen mehr in ge­druck­ter Form. Al­le Fra­ge-und-Ant­wort-Spiel­chen lau­fen im In­ter­net, und bei Pro­beP­rü­fun­gen er­fährs­te di­rekt, dass du durch­ge­fal­len bist. Gru­se­lig!

Kom­mu­ni­ka­ti­on münd­lich oder ge­druckt – al­les to­tal out! Post­agen­tu­ren schlie­ßen, Ban­ken spe­cken ab, bald be­dient uns nir­gend­wo mehr ein Le­ben­di­ger! Der Ver­such der Kon­takt­auf­nah­me pos­ta­lisch oder per Fax ist ein Witz von vor­ges­tern und akut vom Auss­ter­ben be­droht. Wer heu­te ak­tiv im Le­ben ste­hen möch­te, hat ent­we­der et­was Brum­men­des am Ohr oder et­was Flim­mern­des vor Au­gen. Ich füh­le mich wie das ol­le Rot­käpp­chen vor dem di­gi­ta­len Wolf: Gleich macht es HAPPS – und ich bin ge­fres­sen. • Ha­ben Sie sich auch ge­är­gert? Dann schrei­ben Sie uns, was Sie auf­regt. re­dak­ti­on-meins@bau­er­me­dia.com

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