Blei­be stand­fest, auf­ge­rich­tet und stolz, auch wenn ein Un­wet­ter ver­sucht, dein Le­ben durch­ein­an­der­zu­wir­beln

Meins - - Mein Leben -

70er steckt die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin aber noch in den Kin­der­schu­hen. Sal­va­to­re – und auch Hil­de­gard (da­mals 43) – ent­schei­det sich da­ge­gen. Sei­ne Pro­gno­se: ma­xi­mal sechs Jah­re. Sie wird sich er­fül­len. „Er wur­de 51. Aber das wuss­te ich ja nicht. Es hät­te je­de Mi­nu­te vor­bei sein kön­nen“, er­zählt Hil­de­gard. „Sechs Jah­re ha­be ich mit dem Tod ge­lebt. Ich ha­be oft nicht ge­schla­fen, mit ei­nem Ohr ge­horcht, ob er noch at­met.“Die dunk­len Ge­dan­ken ver­fol­gen sie Tag und Nacht, sie kann sich nicht da­mit ab­fin­den, den Men­schen, mit dem sie 24 Jah­re zu­sam­men war, zu ver­lie­ren. „Ich ha­be ver­sucht, nicht wie ein Trau­er­kloß her­um­zu­lau­fen, aber ich fühl­te mich wie er­schla­gen.“Sie braucht ein Ven­til, um ihr Ge­dan­ken­ka­rus­sell zu steu­ern, und fängt an auf­zu­schrei­ben, was in ih­rem Kopf her­um­schwirrt.

Das Schrei­ben ist ihr

Ret­tungs­an­ker – in die­ser schlim­men Zeit. Er hilft ihr zu ver­ar­bei­ten. Nicht auf­zu­ge­ben. Wei­ter an das Jetzt zu glau­ben. Dann und wann be­tei­ligt sie sich auch an Schrei­bWett­be­wer­ben. „Ein­mal ha­be ich so­gar ein Bü­gelei­sen ge­won­nen“, er­zählt sie und lacht. „Es war ein­fach schön, ge­lobt zu wer­den, ein Ansporn, die Sa­che erns­ter zu neh­men.“

Das Tal der Trä­nen führt dich ganz lang­sam zum Ta­ges­licht – lau­tet ei­ner ih­rer Apho­ris­men, die sie für sich ent­deckt hat. Hil­de­gard will wie­der nach vorn bli­cken, wünscht sich ir­gend­wann auch ei­ne neue Lie­be. Sie möch­te ihr Le­ben mit je­man­dem tei­len. An­dert­halb Jah­re spä­ter lernt sie Franz ken­nen. Im­mer wie­der hat­te Sal­va­to­re ge­sagt, sie sol­le mal zu ihm ge­hen, weil er so ein tol­ler Zahn­arzt sei. Und lan­ge schon war Franz aus der Fer­ne in die char­man­te Bon­ne­rin ver­liebt, „weil mein Mann im­mer so lie­be­voll von mir ge­spro­chen ha­be“. Himm­li­sche Fü­gung. Aus dem Flirt wird Lie­be, sie wol­len hei­ra­ten – aber ein Hap­py End ist ih­nen nicht ge­gönnt. Ei­nes Tages fin­det Hil­de­gard ihn tot in ih­rem Bett, als sie von der Ar­beit kommt. „Weil er das Schick­sal mei­nes Man­nes kann­te, hat­te er mir wohl ver­schwie­gen, dass er schwer herz­krank war – aus Angst, mich zu ver­lie­ren.“

Der Schock reißt ihr den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg. Erst we­ni­ge Mo­na­te zu­vor war ihr Bru­der an ei­ner Lun­gen­em­bo­lie ge­stor­ben. Sie weint ab­wech­selnd mit der Schwie­ger­mut­ter um Franz und mit ih­rer Mut­ter um den Bru­der. Ist ge­fan­gen im Schmerz. Erst abends, wenn sie an ih­rem Schreib­tisch das Ge­fühls­cha­os zu Pa­pier bringt, kommt sie zu sich. „Das war ein Ri­tu­al, an das ich mich klam­mer­te.“

Weil Freun­de sie im­mer wie­der er­mu­ti­gen, ih­re klei­nen Wer­ke zu ver­öf­fent­li­chen, und Hil­de­gard gern Neu­es aus­pro­biert, kon­tak­tiert sie schließ­lich im In­ter­net ei­nen Li­te­ra­tur­agen­ten, der schnell ei­nen klei­nen Ver­lag fin­det. 2011 er­scheint „Ge­dan­ken­sprün­ge“. Vie­le Tex­te stam­men noch aus der Trau­er­zeit. 2013 und 2014 fol­gen die nächs­ten Bü­cher, die es bei­de so­gar auf die Frank­fur­ter Buch­mes­se schaf­fen. „Heu­te kom­men die Ide­en ganz spon­tan. Es kann sein, dass ich mit­ten im Ge­spräch auf­sprin­ge.“Heu­te ist Schrei­ben Lei­den­schaft.

Was Hil­de­gard be­son­ders freut, ist das Feed­back ih­rer Le­ser: „Ei­ni­ge schrei­ben mir, wie viel Mut und Hoff­nung ih­nen mei­ne Ly­rik, Sprü­che und Apho­ris­men schon ge­macht ha­ben.“Ansporn, wei­ter­zu­ma­chen. Ei­ne ei­ge­ne Web­site (hil­de­gard-pau­lus­sen.com) hat sie auch er­stellt.

Und was macht die Lie­be? „Ach, ich bin schon seit 18 Jah­ren wie­der ver­hei­ra­tet mit ei­nem tol­len Mann“, sagt Hil­de­gard strah­lend. „Und wir ge­nie­ßen je­den Mo­ment.“•

kRea­Ti­VeS

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