NuR wo du zu Fuss waR st, bist du wiR klich ge­we­sen

Meins - - Mein Leben -

Wenn man in den Ber­gen auf­wächst, wird ei­nem das Ge­spür für die Schön­heit der Na­tur und auch die Wan­der­lust in die Wie­ge ge­legt, glau­be ich. Wir sind als Kin­der mit un­se­ren El­tern viel in die Ber­ge ge­gan­gen – Ur­laub im Sü­den gab’s da noch nicht. Und das hät­ten sich mei­ne El­tern auch gar nicht leis­ten kön­nen. An die­se Wan­de­run­gen ha­be ich wun­der­ba­re Er­in­ne­run­gen, noch heu­te kann ich die be­son­de­ren Düf­te und das wech­seln­de Licht ver­schie­de­ner Or­te in mei­ner Er­in­ne­rung ab­ru­fen. Und was wa­ren es für er­ha­be­ne Mo­men­te, wenn man ge­schafft, aber glück­lich den Gip­fel er­reicht hat­te und mit sich und der Welt hoch oben fast al­lein war. Als mein Mann und ich jung ver­liebt wa­ren, sind wir oft wan­dern ge­gan­gen, ha­ben ge­zel­tet oder in ei­ner Hüt­te über­nach­tet. Das war so ro­man­tisch, und wir hat­ten nicht nur das Ge­fühl: Es gibt nur uns zwei auf der Welt. Es war ja auch so! Heu­te wan­de­re ich gern in der Ei­fel oder im Elb­sand­stein­ge­bir­ge. Es geht ja nicht um Re­kor­de, son­dern um Be­we­gung, die Na­tur und die fri­sche Luft. Frü­her bin ich oft al­lein los­ge­zo­gen, nach­dem

mein Mann ge­stor­ben war, aber jetzt be­vor­zu­ge ich ge­führ­te Wan­de­run­gen – zu­min­dest, wenn ich hö­her in die Ber­ge ge­he. Da füh­le ich mich ein­fach si­che­rer, und ich tref­fe auch je­des Mal net­te Leu­te und ha­be tol­le Ge­sprä­che. Und mit man­chen hal­te ich schon seit Jah­ren Kon­takt. Wir ver­ab­re­den uns im­mer mal wie­der zu Tou­ren. An­de­rer­seits ist es na­tür­lich so: Man kann die An­kunft am Ziel nicht so in­ten­siv ge­nie­ßen wie al­lein oder zu zweit. Sich ganz dem Mo­ment hin­zu­ge­ben funk­tio­niert nicht, wenn zehn leu­te

zu­sam­men sind. Was mich freut: Es sind auch vie­le jun­ge Leu­te wie­der auf Schus­ters Rap­pen un­ter­wegs. Passt ja auch in die Fit­ness-Be­we­gung. Aber ich kann mir vor­stel­len, dass die­se be­son­de­re Form des Er­le­bens den Reiz des Wan­derns für sie aus­macht: Man nimmt je­den Baum, je­de Pflan­ze, je­des Haus am We­ges­rand war. Das ist so ein in­ten­si­ves Er­le­ben, das in der Hek­tik des All­tags gar nicht mög­lich wä­re. Da ist dann auch gar kein Platz für Sor­gen mehr. Goe­the hat es auf den Punkt ge­bracht: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirk­lich ge­we­sen.“Und am En­de hat man un­ge­zähl­te Bil­der in sei­nem Kopf, die lan­ge le­ben­dig blei­ben. Ul­ri­ke, 73

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