Auf­re­ger

Wie­so sind wir nicht wer­be­re­le­vant?

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Sa­gen Sie mal, geht Ih­nen das auch so? Ich hö­re über­all nur alt, alt, alt – gibt’s denn da kein schö­ne­res Wort? Und was heißt denn alt über­haupt? Ich ha­be das mal im In­ter­net nach­ge­se­hen, auf ei­ner mei­ner Lieb­lings­sei­ten, www.syn­ony­me.wo­xi­kon.de. Gibt man dort „alt“ein, kommt zur Erklärung zu­nächst die klas­si­sche Wort­be­deu­tung, die da lau­tet „be­jahrt“. Das klingt ja noch ganz schön, fin­de ich, denn es trifft zu: Ja, wir sind be­jahrt! Gleich da­nach geht’s dann in Sa­chen Wor­tEnt­spre­chun­gen al­ler­dings zur Sa­che.

Ich hof­fe, Sie sit­zen, denn jetzt wird’s hef­tig …

Die Sprach­wis­sen­schaft­ler im In­ter­net brin­gen näm­lich scho­nungs­los ehr­lich auf den Punkt, was mich so nervt an alt. Sa­gen wir alt, mei­nen wir näm­lich nichts Gu­tes. Der Wort­sinn wird um­schrie­ben mit: al­ters­schwach, an­ge­graut, be­tagt, greis, se­nil, stein­alt und an­de­ren gru­se­li­gen Um­schrei­bun­gen. Hier hö­re ich jetzt bes­ser auf, sonst le­se ich gleich wei­ter bei aus­ge­lei­ert, ehe­ma­lig, aus­ge­dient. Ja, auch das be­schreibt der Be­griff alt – wir sind ein­fach durch, das möch­te uns die Wis­sen­schaft des Wor­tes sa­gen. Aber was könn­te die Al­ter­na­ti­ve sein? Schau­en wir uns doch mal um in der Me­dien­land­schaft, im Fern­se­hen, in der Wer­bung. Ir­gend­wie sind doch alle Be­zeich­nun­gen doof. Ich möch­te da nur mal ein paar der al­ler­furcht­bars­ten nen­nen: Best Ager, Sil­ber­rü­cken, bla, bla, bla. Ach Gott, das klingt so schreck­lich be­müht nach „Seht her: Wir sind noch nicht tot, da kommt noch was …“. Ich bin kein Best Ager!

Nö, ich ge­hö­re zu de­nen, die bis­lang im Le­ben je­des Al­ter span­nend fan­den.

Mit Mit­te 20 wissen wir ja auch noch nicht, wie sich graue Haa­re an­füh­len. Den­noch möch­te ich Mit­te 20 nicht mehr sein, weil ich heu­te viel mehr weiß übers Le­ben und viel ge­las­se­ner bin. Viel­leicht wä­re ja „Viel­wis­ser“ein schön zu­tref­fen­der Be­griff für uns?

Ganz schlimm fand ich es, apro­pos graue Haa­re, als die Grau­en Pan­ther ge­grün­det wur­den. Gott­chen, wie kann man sich denn selbst so be­schrei­ben – als exis­ten­zia­lis­ti­sche Grup­pie­rung der nicht mehr Ge­färb­ten, oder was? Das klingt so, als hät­ten die sich op­tisch aus der Ge­sell­schaft ge­schos­sen, woll­ten aber trot­zig noch als ge­schmei­di­ge, schnel­le Raub­tie­re wahr­ge­nom­men wer­den. Was für ein völ­lig be­müh­ter Blöd­sinn!

Die idio­tischs­te Tat­sa­che aber ist: Wir, die Fern­seh­gu­cker-Ge­ne­ra­ti­on, die gern ei­ne gu­te Show oder ein Ma­ga­zin sieht, die ar­tig wie die La­bor­mäu­se die „Ta­ges­schau“um 20 Uhr als Start­schuss in den Abend ernst nimmt; wir, die vor un­se­ren Lieb­lings­se­ri­en tap­fer je­den Wer­be­spot ge­gen Ge­lenk­schmer­zen, Ver­stop­fung und Mü­dig­keit er­tra­gen – aus­ge­rech­net WIR ge­hö­ren mit 50+ nicht mehr zur so­ge­nann­ten wer­be­re­le­van­ten Ziel­grup­pe. Die geht näm­lich nur von 14 bis 49, da müs­sen wir jetzt drau­ßen blei­ben. Wenn man dar­über nur ei­ne Se­kun­de nach­denkt, lie­be Fern­seh­ma­cher und Wer­be­gu­rus da drau­ßen, da kann man sich ja nur vor La­chen auf die Schen­kel klop­fen. Eu­re re­le­van­ten Ir­gend­was-Grup­pen gu­cken doch kaum fern. Die glot­zen in den Com­pu­ter und in ih­re Han­dys und ha­ben sel­ten Ver­stop­fung. Da bin ich si­cher.

Fakt ist, ei­ne pas­sen­de Be­zeich­nung für uns pup­pen­lus­ti­ge „50-Plus­ser“

scheint es nicht zu ge­ben. Da­bei sind wir so vie­le und wol­len alle nicht in Schub­la­den ge­steckt wer­den. Schon gar nicht ver­bal. Am bes­ten ge­fiel mir bei mei­nen Re­cher­chen zum bö­sen Wört­chen alt üb­ri­gens die Be­deu­tung ab­ge­klärt – DAS klingt cool! Ja­woll, wer alt sagt, ist alt­ba­cken. Ich nen­ne es bes­ser mal: le­ben für Fort­ge­schrit­te­ne. Las­sen Sie uns Pro­fis sein, den Ama­teu­ren um uns her­um zei­gen wir’s …

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