Kolumne

Mein Le­ben auf gro­ßem Fuß

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Aschen­put­tel ist schuld. Sie hat der Welt weis­ge­macht, dass man kleine Fü­ße ha­ben muss, um ei­nen Mär­chen­prin­zen zu fin­den. Als der mit dem ver­lo­re­nen Schuh durchs Land rei­tet und ver­spricht, die­je­ni­ge zu hei­ra­ten, die hin­ein­passt, ist den Da­men kein Mit­tel zu schmerz­haft. Was nicht passt, wird pas­send ge­macht, und hät­ten die Tau­ben nicht ge­petzt („Ru­cke di guh, Blut ist im Schuh“), wä­re dem aris­to­kra­ti­schen Ein­falts­pin­sel der Schwin­del mit der fal­schen Braut gar nicht auf­ge­fal­len: Haupt­sa­che, kleine Fü­ße! Die­sem Schön­heits­ide­al ren­nen bzw. stö­ckeln wir Frau­en nun schon seit Jahr­hun­der­ten hin­ter­her. Ich weiß noch, wie meine Schul­freun­din Ul­ri­ke frü­her ge­lit­ten hat, weil sie mit 17 be­reits Grö­ße 42 trug und bei Schu­hMöl­ler in der Ein­kaufs­stra­ße im­mer in die Her­ren­ab­tei­lung ver­wie­sen wur­de. Wäh­rend wir an­de­ren uns auf die ers­ten High Heels wag­ten, muss­te Ul­ri­ke Schu­he tra­gen, die man un­char­mant als Qua­drat­lat­schen oder Wald­brand­aus­tre­ter be­zeich­ne­te. Spä­ter ent­deck­te sie ein Ge­schäft für Tra­ves­tieBe­darf und konn­te we­nigs­tens auf dem Abi-Ball Pumps tra­gen. Knall­ro­te Glit­zer­pumps zwar, aber egal.

Heu­te hat die Mo­de-In­dus­trie end­lich er­kannt, dass ne­ben den Kör­pern der Men­schen auch de­ren Fü­ße ge­wach­sen sind. Das freut nicht nur Ul­ri­ke. Auch ich bin dank­bar, dass für Frau­en jen­seits der 40 noch was Schö­nes im Re­gal steht – wo­mit ich jetzt die Schuh­grö­ße meine und nicht das Al­ter. Ob­wohl es da ei­nen Zu­sam­men­hang gibt, das hat mir der Or­tho­päde er­klärt. Ich hat­te im­mer schmer­zen­de Ze­hen und dach­te, ich bräuch­te Ein­la­gen, aber der Dok­tor warf ei­nen Blick auf meine Fü­ße, dann auf meine Schu­he und mein­te, die wä­ren min­des­tens ein­ein­halb Num­mern zu klein. Ich gab zu­rück, dass das gar nicht sein kön­ne, weil ich seit über 30 Jah­ren Grö­ße 39 hät­te. Er grins­te und er­klär­te, dass ein Mensch im Lau­fe sei­nes Le­bens rund drei­mal um die Er­de läuft. Frau­en wür­den pro Jahr et­wa 214 Ki­lo­me­ter al­lein beim Shop­pen zu­rück­le­gen, und bei je­dem die­ser Schrit­te müs­se der Fuß knapp 450 kg Druck aus­hal­ten. „Un­ser Fuß ist zwar ein Meis­ter­werk“, mein­te er, „aber auch Fü­ße ver­lie­ren an Spann­kraft. Das Fuß­ge­wöl­be gibt nach, wird fla­cher und brei­ter. Völ­lig nor­mal.“

Nach dem Pra­xis­be­such mar­schier­te ich al­so auf mei­nen Meis­ter­wer­ken ins Ein­kaufs­zen­trum und kauf­te zwei Paar Schu­he in 41. Und weil das Gan­ze ja auf ärzt­li­chen Rat pas­sier­te, nahm ich gleich noch sil­ber­ne Flip-Flops mit. Dann le­be ich von jetzt an eben auf gro­ßem Fuß, dach­te ich glück­lich. Wer braucht schon Mär­chen­prin­zen? •

Schu­he kön­nen dein Le­ben veR­än­deRn. FRag Aschen­put­tel!

Un­se­re Ko­lUm­nis­tin Car­la Be­cker, 54, liebt schnel­le Au­tos, Kat­zen und ih­ren Mann. Und fühlt sich kei­nen Tag äl­ter als 39

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