Soll ich ihn we­gen sei­ner Af­fä­re ver­las­sen?

Fra­gen wir, was falsch läuft. Set­zen wir uns zu­sam­men!

Meins - - Intime Kolumne - Al­les Lie­be wünscht Ih­nen Ih­re Dr. Bea­tri­ce Wa­gner

WIR MÜS­SEN UNS UM UNS KÜM­MERN! IN IM­MER WIE­DER MAL ACHT­SAM UNS HINEINSCHAUEN …

Lie­be Frau Dok­tor Wa­gner, ich muss ge­ra­de ei­ne Si­tua­ti­on be­wäl­ti­gen, mit der ich nie­mals ge­rech­net hät­te: Ich ha­be mei­nen Mann bei ei­ner Af­fä­re er­tappt. Da­bei ha­ben wir uns in un­se­rer lan­gen Be­zie­hung im­mer ge­schwo­ren, ganz of­fen mit­ein­an­der um­zu­ge­hen. Und ich hat­te das Ge­fühl, die­se Ehr­lich­keit auch stets zwi­schen uns zu spü­ren. Bis jetzt. Der Sei­ten­sprung war ei­ne ehe­ma­li­ge Kol­le­gin mei­nes Man­nes. Und er hat mir auch be­teu­ert, es sei­en nur zwei Tref­fen ge­we­sen, und er lie­be mich mehr denn je. Ich wür­de das gern glau­ben, aber es fällt mir sehr schwer. Und ich weiß nicht, wie ich mit die­sem Ver­trau­ens­bruch um­ge­hen soll.

Re­na­te, 51 Lie­be Re­na­te,

das, was Sie ge­ra­de durch­ma­chen, ist ei­ne der schmerz­haf­tes­ten Si­tua­tio­nen, die es in ei­ner Part­ner­schaft ge­ben kann. Ih­re ver­trau­te, in­ti­me Zwei­er­be­zie­hung wur­de auf­ge­bro­chen, ei­ne drit­te Per­son ist ein­ge­drun­gen. Das ist ver­let­zend. Sie hat­ten die­ses Ge­fühl der Ex­klu­si­vi­tät mit­ein­an­der, die Ein­zi­ge zu sein war lan­ge selbst­ver­ständ­lich für Sie. Nun ist da die­se drit­te Per­son in ih­rem Le­ben. Viel­leicht stel­len Sie sich auch den Akt zwi­schen Ih­rem Mann und die­ser Per­son im­mer wie­der vor, und wahr­schein­lich tut es je­des Mal un­fass­bar weh. Ein Mann, dem es um­ge­kehrt auch so ging wie Ih­nen, mein­te ein­mal: „Und dann woll­te der Typ, mit dem mei­ne Freun­din in der Kis­te war, gleich zwei­mal hin­ter­ein­an­der …!“ Im­mer wie­der wie­der­hol­te er die­sen Satz und be­ton­te ihn ver­ach­tungs­voll, als ob das et­was hel­fen wür­de. In­ter­es­san­ter­wei­se stell­te sich ir­gend­wann her­aus, dass er selbst manch­mal Erek­ti­ons­pro­ble­me hat­te und den Sei­ten­sprung da­her als noch ver­let­zen­der emp­fand. Die Af­fä­re sei­ner Frau ver­stärk­te sei­ne Selbst­zwei­fel im­mens.

Viel­leicht geht es Ih­nen so­gar ein we­nig ähn­lich, und Sie fra­gen sich: Ist die­se an­de­re Frau viel­leicht bes­ser? Was hat sie, was ich nicht ha­be? Was gibt sie mei­nem Mann, was ihm bei mir ganz of­fen­sicht­lich fehlt? Und hier muss ich ent­schie­den „Stopp!“sa­gen. Er­fra­gen Sie kei­ne in­ti­men De­tails von Ih­rem Mann – das quält Sie un­nö­tig. Es ist völ­lig egal, in wel­chen Stel­lun­gen die bei­den mit­ein­an­der Sex hat­ten und wie oft und wo. Sie wis­sen Be­scheid, dass et­was pas­siert ist, und das reicht. Jetzt müs­sen Sie durch die­se Ver­let­zung hin­durch­ge­hen, das dau­ert sei­ne Zeit. Aber wenn Sie die Wun­de nicht im­mer wie­der auf­rei­ßen, ver­heilt sie schnel­ler.

Zu­dem soll­ten Sie sich drin­gend um sich selbst küm­mern. Schau­en Sie in sich hin­ein: In wel­chen Be­rei­chen sind Sie denn über­haupt noch selbst­stän­dig und au­to­nom? Ein Sei­ten­sprung ent­steht näm­lich oft gar nicht des­halb, weil man sich von­ein­an­der ent­fernt hat, son­dern ganz im Ge­gen­teil, weil zwei Men­schen zu sehr von­ein­an­der ab­hän­gig ge­wor­den sind. Denn ne­ben dem fun­da­men­ta­len Trieb der Bin­dung be­sit­zen wir auch ei­nen völ­lig ge­gen­tei­li­gen Trieb, näm­lich den von Au­to­no­mie und Selbst­re­gu­lie­rung. Könn­te es sein, dass der Aspekt der Bin­dung in Ih­rer Ehe über­hand­ge­nom­men hat? Ist nicht man­ches viel­leicht zu eng ge­wor­den?

Jetzt, nach dem Sei­ten­sprung, ist es ei­gent­lich der rich­ti­ge Mo­ment, auch ein­mal wie­der et­was oh­ne Ih­ren Mann zu un­ter­neh­men. Mit Freun­din­nen aus­ge­hen, ein paar Tage ver­rei­sen – tun Sie was für sich! Sie wer­den se­hen: Bald füh­len Sie sich nicht mehr ganz so hilf­los der Si­tua­ti­on aus­ge­setzt. Wich­tig ist es dann, sich zu­sam­men­zu­set­zen, um wich­ti­ge Fra­gen ge­mein­sam zu klä­ren: Wie konn­te das al­les pas­sie­ren? Wor­an man­gelt es ihm in der Be­zie­hung? Wor­an man­gelt es Ih­nen selbst? Was könn­ten Sie künf­tig an­ders ma­chen? So schaf­fen Sie ein ge­mein­sa­mes Bünd­nis, das stär­ker ist als die frü­he­re emo­tio­na­le Ver­schmel­zung, bei der die In­di­vi­dua­li­tät auf der Stre­cke ge­blie­ben ist.

Sei­en Sie ge­wiss: Meis­tens er­ho­len sich die Part­ner von ei­nem Sei­ten­sprung. Hin­ter­her ha­ben sie zwar ein et­was trau­ri­ge­res, aber da­für ein wei­se­res und rea­lis­ti­sche­res Bild von­ein­an­der. Da­rin liegt die Chan­ce auf ei­ne sta­bi­le Part­ner­schaft. •

DR. BEA­TRI­CE WA­GNER, 52 Die Paar- und Se­xu­althe­ra­peu­tin mit Pra­xis in Mün­chen be­ant­wor­tet gern Ih­re in­ti­men Fra­gen. Schrei­ben Sie ver­trau­ens­voll an: re­dak­ti­on-meins@bau­er­me­dia.com

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