Hal­lo? Haaal­looo? Hö­ren Sie mich...?

Was wa­ren das schö­ne Zei­ten, als noch nicht je­der über­all te­le­fo­nier­te, fin­det Angi Brinkmann. Und je­der­mann ei­ne Pri­vat­sphä­re hat­te …

Meins - - Mein Leben -

Hal­looo? Geht’s jetzt bes­ser? Ich hö­re dich so schlecht! Ahhh, jetzt … Ja, mach das, ein­fach ei­ne Kür­bis­sup­pe mit biss­chen Ing­wer … Ach nee, halt, den mag der Hendrik nicht, lass den weg … Mus­kat? Das geht … Ja, okay, ich muss auch los. Tschö!“

Jetzt den­ken Sie bloß nicht, ich füh­re hier Selbst­ge­sprä­che, oder der Text der Koch­sei­ten hät­te sich hier­her ver­irrt. Ich ha­be le­dig­lich ein Te­le­fo­nat zi­tiert, wel­ches ich heu­te mor­gen auf dem Weg ins Bü­ro im Bus mit­hö­ren muss­te. End­los lan­ge dau­er­te es, bis al­les ge­klärt war mit dem Ing­wer und Hendrik und wer das Ba­guette mit­bringt.

Ach, das in­ter­es­siert Sie gar nicht? MICH AUCH NICHT!

Wie gern hät­te ich im Bus ein­fach nur mei­ne Ge­dan­ken schwei­fen las­sen, statt an­de­rer Leu­te Pri­vat-Quatsch auf die Oh­ren zu be­kom­men. Ich fin­de das ei­ne Zu­mu­tung, wie heu­te je­der ganz selbst­ver­ständ­lich al­ler­orts her­um­te­le­fo­niert: im War­te­zim­mer, in der U-Bahn, in der Schlan­ge beim Bä­cker, an der Fuß­gän­ger­am­pel, auf der Re­stau­rant­toi­let­te. Und im­mer de­tail­liert und mar­ker­schüt­ternd laut.

In mit­lei­di­ges Ge­läch­ter könn­te ich al­ler­dings aus­bre­chen, wenn mir Leu­te be­geg­nen, aus de­ren Oh­ren wei­ße Ka­bel bau­meln. Kopf­hö­rer den­ken Sie, ja, das war mal so, heut­zu­ta­ge sind dort Laut­spre­cher in­te­griert, in die kann man rein­quat­schen – zum Te­le­fo­nie­ren! Da stand letz­tens ei­ne jun­ge Frau ne­ben mir in der Apo­the­ke, und ich dre­he mich ver­wun­dert um, als sie ruft: „Aber ich war­te schon so lan­ge …“Erst dach­te ich, sie woll­te sich vor­drän­gen, bis ich sah, dass sich ih­re Lip­pen zärt­lich an das Ka­bel schmieg­ten – sie hing am Te­le­fon! Es folg­te die lü­cken­lo­se Auf­lis­tung ih­res Ter­min­ka­len­ders der nächs­ten zwei Wo­chen und der ex­pli­zi­ten Be­to­nung der Mee­tings, die sie un­mög­lich ver­le­gen kön­ne. Schon nach dem drit­ten Tag aus ih­rem Pla­ner schwirr­te mir der Kopf. Was will sie bloß? Die sim­ple Ant­wort: Die gu­te Frau woll­te ei­nen Arzt­ter­min aus­ma­chen. Was ich er­leb­te, war ei­ne Art fern­ge­steu­er­tes We­sen, das ein bissl arg un­prak­tisch im Le­ben steht.

Ich hof­fe, sie fin­den das jetzt nicht ge­mein, aber so ist es doch: Wer al­ler­orts te­le­fo­nie­ren muss und glaubt, je­des De­tail sei­nes Le­bens der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tie­ren zu dür­fen, al­so, das sind doch ar­me So­cken! Zum ei­nen, weil sie wohl im Echt­le­ben zu we­nig Auf­merk­sam­keit be­kom­men, zum an­de­ren, weil es doch viel ein­fa­cher, schnel­ler und ef­fi­zi­en­ter wä­re, im Fal­le der jun­gen Da­me zum Bei­spiel, in Ru­he von der Ar­beit aus kurz und kon­zen­triert bei der Arzt­pra­xis an­zu­ru­fen und zu sa­gen: „Ich bräuch­te bit­te ei­nen Ter­min an ei­nem Don­ners­tag!“– an­statt auf­zu­zäh­len, was sie Mon­tag bis Frei­tag noch al­les so vor­hat …

Ich be­haup­te jetzt mal dreist: 90 Pro­zent al­ler öf­fent­lich ge­führ­ten Te­le­fon­ge­sprä­che sind NICHT le­bens­ent­schei­dend. Und ei­nes ist doch gro­tesk: Wäh­rend die Ver­kehrs­be­trie­be flüs­ter­lei­se strom- oder gas­ge­steu­er­te Busse ein­füh­ren, wer­den de­ren Be­nut­zer im­mer lau­ter. Ver­rückt, oder? • Schrei­ben Sie uns, wir freu­en uns! re­dak­ti­on-meins@bau­er­me­dia.com

Du, ich bin geR ade totaaal im StRess, mei­ne Lie­be

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