AN DEN GRÄBERN LE­BEN AL­TE FAMILIENGEHEIMNISSE AUF

Meins - - Mein Leben -

Oh, ich schlen­de­re gern über Fried­hö­fe, nicht nur, um die Grä­ber von An­ge­hö­ri­gen zu be­su­chen. Ein­fach auch so, um die At­mo­sphä­re zu ge­nie­ßen, ich lie­be die­se Stil­le, an die­sen ma­gi­schen Or­ten zwi­schen Le­ben und Tod weht so ein Hauch von Ewig­keit. Wenn ein Fried­hof am Weg liegt,

ge­he ich hin­ein. Man­che be­su­che ich, weil sie be­rühmt sind oder Iko­nen mei­ner Ju­gend dort be­gra­ben lie­gen. Wie Jim Mor­ri­son oder Édith Piaf zum Bei­spiel, die auf dem Pè­re Lachai­se in Pa­ris lie­gen. Ich lie­be auch den Wie­ner Zen­tral­fried­hof. Schon im­mer ha­ben mich Mau­so­le­en fas­zi­niert. Wel­che Familiengeheimnisse mö­gen sie hü­ten?

Span­nend fin­de ich auch, wenn auf den Gr­ab­stei­nen Fo­tos sind. Schon als Kind bin ich gern mit mei­ner Mut­ter zum Fried­hof ge­gan­gen. Er liegt au­ßer­halb des Or­tes, mit­ten im Wald. Wir ha­ben die Fa­mi­li­en­grä­ber be­sucht, und sie hat mir Ge­schich­ten zu ih­nen er­zählt. Ich ha­be mir vor­ge­stellt, wie die Men­schen wohl aus­sa­hen, die da be­er­digt wa­ren. Ich kann­te ja kei­nen von

ih­nen. Bis ei­ne mei­ner Schul­freun­din­nen starb. Sie war erst acht Jah­re alt und hat­te Krebs, was wir Kin­der aber nicht wuss­ten. Es war nur klar, sie war sehr krank. Als sie ge­stor­ben ist, wur­de sie noch ei­ni­ge Ta­ge zu Hau­se auf­ge­bahrt. Noch heu­te, wenn ich an dem Haus vor­bei­ge­he und zu dem Fens­ter rauf­schaue, hin­ter dem mal ihr Kin­der­zim­mer war, spü­re ich den leich­ten Schau­der, den wir Mäd­chen da­mals hat­ten, weil es so un­be­greif­lich war, dass sie tot und un­er­reich­bar war. An ih­rem Gr­ab zu ste­hen, war dann ganz an­ders. Das fühl­te sich so fried­lich an.

Wenn ich mal wie­der zu Hau­se bin, ge­he ich auch heu­te je­des Mal auf den Fried­hof und kon­trol­lie­re, ob all die Gr­ab­stät­ten mei­ner Kind­heit noch da sind. Wenn ich die Na­men auf den St­ei­nen le­se, fal­len mir die Ge­schich­ten wie­der ein. Und ir­gend­wie füh­le ich mich auf­ge­ho­ben. Dag­mar, 53

mit 50

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