Es ist gut, dass ich mei­ne El­teRn be­su­chen kann

Meins - - Mein Leben -

Für mich war im­mer klar, ich möch­te nicht auf ei­nem Fried­hof en­den. Mei­ne Lieb­lings­vor­stel­lung: dass mei­ne Asche über der Wüs­te ver­streut wird – oder über den Ber­gen. Ich mag die­se Fried­hofs­at­mo­sphä­re nicht, und wenn ich das Gr­ab mei­ner El­tern be­su­che, steue­re ich schnur­stracks drauf zu. Gleich­zei­tig kann ich mir aber mitt­ler­wei­le nicht mehr vor­stel­len, kei­nen Ort zu ha­ben, an dem ich mei­ne El­tern und mei­nen Bru­der be­su­chen kann. Zu­erst ha­be ich es als läs­ti­ge Pflicht emp­fun­den, mich um das Fa­mi­li­en­grab zu küm­mern. Aber ab­ge­ben woll­te ich die Pfle­ge auch nicht, denn ich fand, die letz­te Ru­he­stät­te mei­ner El­tern soll­te

in­di­vi­du­ell sein und wi­der­spie­geln, wer da liegt. Manch­mal fällt mir ein, wie ich als Kind mal mit mei­ner Groß­tan­te am Gr­ab mei­nes On­kels stand und sie sag­te: „Ach, hier hat der Gün­ther fast den gan­zen Tag Son­ne!“Ich frag­te mich da­mals, ob sie je­tzt wohl ver­rückt wür­de. Weil ich dach­te, das ist doch egal, er kriegt es ja nicht mehr mit. Wenn ich heu­te das Gr­ab mei­ner El­tern be­pflanzt ha­be, den­ke ich: „Ach, über die neu­en Bee­tro­sen wer­den sie sich freu­en.“Sie hat­ten ja ei­nen gro­ßen Gar­ten, in dem sie bis zu­letzt rum­ge­pus­selt ha­ben – so­weit es eben ging. Ob­wohl ich nicht dar­an glau­be, dass sie auf ir­gend­ei­ner Wol­ke oder sonst­wo in den Sphä­ren zwi­schen him­mel und Er­de sit­zen und

be­ob­ach­ten, was hier vor­geht. Aber wenn ich so pflan­ze und jä­te, ha­be ich das Ge­fühl, ih­nen et­was Gu­tes zu tun. Das Gr­ab ist mitt­ler­wei­le ein rich­ti­ges Schmuck­stück. Und manch­mal über­le­ge ich dann doch, ob un­se­re Kin­der und En­kel sich nicht auch ei­nen Ort wün­schen, an dem sie uns ei­nes Ta­ges be­su­chen kön­nen. An­de­rer­seits sind sie oh­ne­hin über Deutsch­land ver­streut. Fra­gen wer­de ich sie nicht, denn dann füh­le ich mich in mei­ner Ent­schei­dung ein­ge­schränkt. Aber all­mäh­lich müs­sen mein Mann und ich es mal ent­schei­den, wo­hin die letz­te Rei­se ge­hen soll – der Kin­der we­gen. Denn ich möch­te auch nicht, dass sie ei­nes Ta­ges nicht wis­sen, was sie in un­se­rem Sin­ne tun sol­len. Lin­da, 64

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