Pfle­ge

Al­les hat sei­ne Zeit

Meins - - Inhalt - VON ALEX EMUNDS

Neben dem stres­si­gen All­tag auch noch die Pfle­ge un­se­rer Lie­ben or­ga­ni­sie­ren bringt uns oft an Gren­zen. Da­mit wir nicht ir­gend­wann zu­sam­men­klap­pen, müs­sen wir uns Aus­zei­ten vom Job neh­men. Wie wir das am bes­ten mit un­se­rem Chef klä­ren und un­se­re Fa­mi­lie und uns selbst nicht ver­nach­läs­si­gen, sagt uns Pfle­ge­wis­sen­schaft­le­rin Dr. Da­nie­la Hay­der-Bei­chel.

Wie kön­nen wir die Pfle­ge am bes­ten mit un­se­rem Job

ver­ein­ba­ren?

Die in­di­vi­du­el­le Lö­sung ist hier maß­geb­lich, denn der Zei­t­raum der Pfle­ge lässt sich nur schwer ein­gren­zen. Wir müs­sen Lö­sun­gen mit dem Ar­beit­ge­ber und der Fa­mi­lie fin­den. Un­se­re per­sön­li­che Ent­las­tung dür­fen wir auch nicht au­ßer Acht las­sen, weil wir sonst schnell über­las­tet sind. Frei­stel­lungs­mög­lich­kei­ten sind im Pfle­ge­zeit­ge­setz und im Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit­ge­setz ge­re­gelt. Das Pfle­ge­zeit­ge­setz er­mög­licht es, dass wir uns ei­ne be­grenz­te Zeit­dau­er – oh­ne Ent­gelt­fort­zah­lung – von der Ar­beit frei­stel­len las­sen oder in Teil­zeit ar­bei­ten, um un­se­re Lie­ben be­treu­en zu kön­nen. Die Pfle­ge­zeit kann nur ein­mal pro pfle­ge­be­dürf­ti­gem An­ge­hö­ri­gen in An­spruch ge­nom­men wer­den – ma­xi­mal sechs Mo­na­te. Die Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit sieht vor, dass wir un­se­re Ar­beits­zeit über ma­xi­mal zwei Jah­re auf bis zu 15 St­un­den pro Wo­che re­du­zie­ren kön­nen.

Was müs­sen wir vor­ab mit un­se­rem Ar­beit­ge­ber re­geln?

Wenn wir ei­ne län­ger­fris­ti­ge Aus­zeit in An­spruch neh­men möch­ten, soll­ten wir un­se­ren Ar­beit­ge­ber min­des­tens zehn Ta­ge vor Be­ginn dar­über in­for­mie­ren, wie wir uns Art und Um­fang der Frei­stel­lung vor­stel­len. Da­zu müs­sen wir ihm ei­ne schrift­li­che Er­klä­rung vor­le­gen. Zu­sätz­lich le­gen wir ei­nen Nach­weis über die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit un­se­rer

Lie­ben bei. Die be­kom­men wir bei der Pfle­ge­kas­se oder beim Me­di­zi­ni­schen Di­enst der Kran­ken­kas­sen (MDK). Tritt ei­ne un­er­war­te­te Pfle­ge­si­tua­ti­on ein, ha­ben wir nach dem Pfle­ge­zeit­ge­setz die Mög­lich­keit, kurz­fris­tig bis zu zehn Ar­beits­ta­ge fern­zu­blei­ben, um die Ver­sor­gung zu or­ga­ni­sie­ren. Tipp: nicht erst war­ten, bis DIE Not­si­tua­ti­on ein­ge­tre­ten ist, son­dern schon früh­zei­tig ei­ne mög­li­che Pfle­ge­si­tua­ti­on beim Ar­beit­ge­ber an­spre­chen. So kön­nen wir Vor­stel­lun­gen und Er­war­tun­gen klä­ren, z. B. was in solch einer Si­tua­ti­on geht und was nicht oder wel­che Ar­beits­zeit­mo­del­le, be­fris­te­ten Frei­stel­lungs­mög­lich­kei­ten und wei­te­ren Un­ter­stüt­zungs­maß­nah­men für bei­de Sei­ten denk­bar sind.

Was kön­nen wir tun, wenn sich der Chef quer­stellt?

Ob wir z. B. die Pfle­ge­zeit in An­spruch neh­men kön­nen, ist ab­hän­gig von der Ar­beit­neh­mer­zahl. Wir müs­sen in ei­nem Be­trieb mit min­des­tens 16 Be­schäf­tig­ten ar­bei­ten. An­sons­ten ha­ben wir kein Recht auf Pfle­ge­zeit. Tipp: Auch wenn wir in ei­nem Klein­be­trieb ar­bei­ten, den Chef an­spre­chen.

Wie ver­hin­dern wir es, un­se­re Fa­mi­lie zu ver­nach­läs­si­gen?

Wir müs­sen uns be­wusst Zeit für sie neh­men. An­ders geht es nicht. Ge­ra­de in be­las­ten­den Si­tua­tio­nen kann auch ein Ge­spräch mit einer ver­trau­ten Per­son hel­fen. Am bes­ten sind fes­te Ri­tua­le, die wir in den Ta­ges­ab­lauf in­te­grie­ren. Ein wich­ti­ges so­zia­les Er­eig­nis ist im­mer das ge­mein­sa­me Abend­es­sen.

Wie schaf­fen wir es, uns et­was von den Pfle­ge-Auf­ga­ben ab­neh­men zu las­sen?

Um Hil­fe zu bit­ten ist kein Zei­chen von

Schwä­che. Da­mit ver­schaf­fen wir uns ei­ne Aus­zeit, die wir brau­chen, um uns von stres­si­gen Si­tua­tio­nen zu er­ho­len. Am bes­ten fra­gen wir, wenn die gan­ze Fa­mi­lie ver­sam­melt ist. Dann sind Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge eher be­reit zu hel­fen, wenn sie se­hen, dass auch an­de­re ih­re Hil­fe an­bie­ten. Un­ter­stüt­zung, die wir be­kom­men, muss aber nicht im­mer was mit der Pfle­ge zu tun ha­ben. So kön­nen wir auch Freun­de bit­ten, uns et­was vom Ein­kauf mit­zu­brin­gen.

Wie ver­mei­den wir, dass wir uns über­neh­men?

Oh­ne re­gel­mä­ßi­ge Ent­las­tung kön­nen wir den ho­hen An­for­de­run­gen des Pfle­ge­all­tags auf Dau­er nicht stand­hal­ten. Er­schöp­fung, Nie­der­ge­schla­gen­heit und Ge­reizt­heit sind Warn­si­gna­le. Sie zei­gen uns, dass wir ei­ne Pau­se brau­chen. Auch häu­fi­ge Er­käl­tun­gen und Rü­cken­schmer­zen kön­nen ein Zei­chen von Über­for­de­rung sein. Wäh­rend der Pfle­ge sind klei­ne Aus­zei­ten ide­al, um Kraft zu tan­ken. Dann soll­ten wir mög­lichst das Ge­gen­teil tun: Ru­he nach Ak­ti­on, Bewegung nach Kon­zen­tra­ti­on, Stil­le nach Ge­spräch. Sie­ben bis zehn Mi­nu­ten Chill­out rei­chen schon aus, um einer Er­schöp­fung vor­zu­beu­gen. Au­ßer­dem ist es von Vor­teil, meh­re­re Pau­sen im Jahr zu ma­chen, statt bis zur to­ta­len Er­schöp­fung auf den ei­nen gro­ßen Jah­res­ur­laub zu war­ten. So kön­nen bis zu 42 Ta­ge durch ei­ne Ver­hin­de­rungs­pfle­ge or­ga­ni­siert wer­den. Dann wer­den un­se­re Lie­ben von einer an­de­ren Per­son – z. B. von ei­nem am­bu­lan­ten Pfle­ge­dienst – zu Hau­se be­treut. Die Kos­ten über­nimmt die Pfle­ge­kas­se. Fra­gen da­zu oder zu an­de­ren Punk­ten? Die Un­ab­hän­gi­ge Pa­ti­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land (sie­he un­ten) hilft uns kos­ten­los. •

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