Auf­re­ger des Mo­nats

„Ich ha­be heu­te KEIN Li­ke für euch, ihr Ich-Er­zäh­ler“

Meins - - Inhalt -

Da kann einer sa­gen, was er will, in Ame­ri­ka sind al­le nett: In Ge­schäf­ten, Re­stau­rants, Mu­se­en, je­der­mann fragt dich „Hey, Mrs.! Wie geht es Ih­nen heu­te?“Mir doch egal, wenn das als ober­fläch­li­che Flos­kel gilt. Wahr ist: Im­mer ent­spinnt sich ein kur­zer Small Talk, in dem BEI­DE Sei­ten MIT­EIN­AN­DER plau­dern. Dar­auf kann man auf­bau­en. Und da bin ich schon mit­ten­drin in mei­nem Sau­erSein. Von den Ame­ri­ka­nern kön­nen wir Doo­fies in „Good old Eu­ro­pe“uns ei­ne Schei­be Höf­lich­keit ab­schnei­den.

Fragt man bei uns „Na, wie geht’s dir?“, ist das heut­zu­ta­ge grob fahr­läs­sig – in den al­ler­meis­ten Fäl­len folgt ein Re­de­schwall, der sich kaum stop­pen lässt. Wie frü­her in die­ser Fern­seh­wer­bung, wo sich zwei Ju­gend­freun­de nach lan­ger Zeit be­geg­nen und der ei­ne Knall­kopf Fo­tos aus sei­ner Brust­ta­sche zückt, die­se nach­ein­an­der auf den Tisch blät­tert und stolz er­klärt: „Mein Haus, mein Au­to, mein Boot, mein, mein, mein …“Was ha­ben wir da­mals ge­lacht – und wie trau­rig ist es, dass heu­te al­le so zu ti­cken schei­nen!

Heu­te pras­seln aus Men­schen, mit de­nen wir ein Ge­spräch füh­ren wol­len, end­lo­se Mo­no­lo­ge her­aus – Wör­ter, Ge­schich­ten, de­tail­ver­lieb­te IchDarstel­lun­gen, ein Su­per­la­tiv folgt dem an­de­ren. Wir über­häu­fen un­ser Ge­gen­über mit In­for­ma­tio­nen, die die­ses viel­leicht gar nicht will!

Neu­lich war ich mit einer Freun­din auf ein Gläs­chen Wein. Nach drei St­un­den kann­te ich je­des Zip­per­lein ih­rer Mut­ter. Ihr Mann, oh weh, hat schon wie­der Rü­cken, den Arzt­be­richt er­fuhr ich en dé­tail. Ih­re Töch­ter sind je­tzt aus der Schu­le, statt der Klas­sen­ar­beits­ter­mi­ne er­fuhr ich die Adres­sen ih­rer Au-pair-El­tern. Und dann ist da noch ihr Chef, der näm­lich, man ahnt es nicht … Ich er­spa­re Ih­nen hier wei­te­re Auf­re­gung. Al­so ich bin be­stimmt kein per­fek­ter Zu­hö­rer und re­de selbst oft zu viel. Aber es geht mir hier nicht um die Be­zif­fe­rung und Abrech­nung von Re­de-Mi­nu­ten – es geht um den Ge­sprächs-An­teil! Ich ha­be da je­tzt ei­nen Selbst­ver­such lau­fen und es mir ab­ge­wöhnt, Men­schen, die kei­ner­lei em­pa­thi­sche Re­gung mehr zei­gen, mei­ne Ge­schich­ten, mei­ne Ge­füh­le oder mei­ne Ge­dan­ken auf­zu­zwin­gen. Mitt­ler­wei­le war­te ich ge­ruh­sam ab, was in ei­nem Ge­spräch pas­siert, und be­rich­te nur auf ehr­li­ches Nach­fra­gen. Denn im­mer sel­te­ner hö­ren wir ein: „Hey, wie geht’s DIR so?“Je­der scheint hys­te­risch sei­ne Re­de­zei­ten zu nut­zen und hält Mo­no­lo­ge wie in einer Bun­des­tags­de­bat­te. Woran liegt das bloß? Hän­gen wir zu lan­ge stumm, nur schein­bar kom­mu­ni­ka­tiv, vor dem Com­pu­ter? Sind wir es mitt­ler­wei­le ge­wohnt, nur ei­ge­ne Be­find­lich­kei­ten zu pos­ten? Sind wir in un­se­rem all­täg­li­chen Echt-Le­ben so ver­stummt, dass wir bei per­sön­li­chen Tref­fen re­gel­recht ex­plo­die­ren müs­sen?

Mit mei­ner Oma ha­be ich bis zu ih­rem Tod vor drei Jah­ren täg­lich te­le­fo­niert: Wir er­zähl­ten uns, was uns be­wegt, was an­steht, was wir er­lebt ha­ben – wir wa­ren auf Au­gen­hö­he. Heu­te ver­lie­ren wir un­se­re Freun­de aus un­se­ren Au­gen, weil sich kei­ner mehr die Zeit nimmt für ein kur­zes Te­le­fo­nat. Uns fehlt das ge­füh­li­ge Up­date mit­ein­an­der! Wir tau­schen Kurz­nach­rich­ten, Mes­sa­ges, Apps und Emo­jis, wäh­rend das Zwie­ge­spräch aus­stirbt. Kein Zu­hö­ren scheint mehr mög­lich, kein Ab­war­ten, kein Auf­ein­an­der-Ein­ge­hen mehr. Und je­der ­Red­ner­er­war­tet­das­Glei­che:­Bei­fall!­•

Ich, ich, ich! Sagt mal, geht’s noch?

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