Jut­ta Spei­del: Men­schen hel­fen ist jetzt mei­ne Lieb­lings-Rol­le

Seit 20 Jah­ren lebt und kämpft Jut­ta spei­del, 62, für ih­re Stif­tung „Ho­ri­zont“. Denn sie will et­was ver­än­dern in un­se­rem Land

Meins - - Inhalt - VON KATH­RIN BEHR

Noch ist es ei­ne er­di­ge Bau­gru­be, doch in ei­nem Jahr steht hier im Münch­ner Neu­bau­ge­biet in Frei­mann Jut­ta Spei­dels, 62, Her­zens­pro­jekt: das zwei­te Haus ih­rer Stif­tung „Ho­ri­zont“. Es bie­tet in 48 Woh­nun­gen Frau­en und Kin­dern, die ge­flüch­tet sind oder Op­fer häus­li­cher Ge­walt sind, ein neu­es Zu­hau­se und kos­tet ins­ge­samt 13 Mil­lio­nen Eu­ro. „Fast vier Jah­re ha­be ich auf die­sen Mo­ment ge­war­tet, ich bin über­glück­lich, dass es nun so weit ist“, sagt die Schau­spie­le­rin.

„Ho­ri­zont“ist Jut­ta Spei­dels Le­bens­werk, und man könn­te mei­nen, die Stif­tung sei ihr wah­rer Be­ruf. Die Schau­spie­le­rei spielt für sie mitt­ler­wei­le eher die Ne­ben­rol­le. Vor 20 Jah­ren grün­det sie den Ver­ein mit dem Ziel, ob­dach­lo­sen Kin­dern und ih­ren Müt­tern zu hel­fen. In­zwi­schen hat „Ho­ri­zont“schon über 1700 Men­schen be­treut und ih­nen den Schritt in ein neu­es Le­ben er­mög­licht. Dass es „Ho­ri­zont“über­haupt gibt, ist nur Jut­ta Spei­dels Kämp­fer­na­tur und ih­rer Hart­nä­ckig­keit zu ver­dan­ken. „Ich muss­te mir da­mals im So­zi­al­re­fe­rat von zehn Be­am­ten sa­gen las­sen, wie kann nur ei­ne Schau­spie­le­rin, die von un­se­rer Ar­beit kei­ne Ah­nung hat, sich er­dreis­ten, sich in un­ser Ge­wer­be ein­zu­mi­schen. Je mehr die das be­tont ha­ben, des­to mehr ha­be ich mir ge­dacht, es wird höchs­te Zeit, dass das mal je­mand hier macht“, er­in­nert sie sich.

Ja, die Spei­del mischt sich gern ein. Sie ist eben kei­ne, die klein bei­gibt, son­dern sie ist un­er­schro­cken und mu­tig. „Ich bin ein im­pul­si­ver Mensch. Ich kann sehr zor­nig wer­den, und si­cher­lich bin ich für ei­ni­ge Men­schen auch manch­mal

Man darf sich nicht al­les ge­fal­len las­sen

an­stren­gend. Aber man muss für sich ein­ste­hen und darf sich nicht al­les ge­fal­len las­sen.“Doch Jut­ta Spei­del ist nicht nur mu­tig, sie hat auch ein gro­ßes Herz für die­je­ni­gen, de­nen es nicht so gut geht. „Ich bin ein so­zia­ler Mensch und dank­bar da­für, dass ich die­ses Le­ben füh­ren darf. Und mein Le­ben ist groß­ar­tig.“

Das neue „Ho­ri­zont“-Haus ist nach 20 Jah­ren Stif­tungs­ar­beit et­was ganz Be­son­de­res für sie, weil es noch mehr Men­schen ei­ne Chan­ce auf ei­ne Zu­kunft schenkt. Und jetzt, in der Weih­nachtsszeit ist es ihr wich­tig, vor al­lem den Kin­dern ei­ne Freu­de zu ma­chen! „Es gibt wie je­des Jahr ei­ne Be­sche­rung in un­se­rem ers­ten ,Ho­ri­zont‘-Haus. Das Leuch­ten der Kin­der­au­gen zu se­hen, ist ein­fach pu­res Glück“, sagt Jut­ta Spei­del zu MEINS. Und sie er­zählt uns wei­ter, was ihr die Stif­tungs­ar­beit be­deu­tet.

MEINS: end­lich ist ihr gro­ßer traum nun wahr ge­wor­den. ihr zwei­tes „ho­ri­zont“-haus wird ge­baut. was be­deu­tet das für sie per­sön­lich? Jut­ta spei­del: Die­ses Haus ist mein Le­bens­werk! Aber es be­deu­tet na­tür­lich auch ganz viel Ver­ant­wor­tung und sehr viel Ar­beit. Und ich brau­che für die­ses Haus Koh­le, Koh­le, Koh­le (lacht). meins: wie viel Geld be­sor­gen sie an spen­den­gel­dern pro Jahr? Jut­ta spei­del: Das sind im­mer so rund 600 000 Eu­ro. meins: wie kann man bei ih­nen jetzt spen­den?

Jut­ta spei­del: Die­ses Jahr ha­ben wir et­was Be­son­de­res: Man kann ei­nen Baustein oder et­was Be­weg­li­ches für das Haus kau­fen und be­kommt da­für ei­ne Art Ak­tie. Denn das Haus wird zwar schlüs­sel­fer­tig ge­baut, aber die In­nen­ein­rich­tung muss ja auch ge­stemmt wer­den. meins: Vor 20 Jah­ren ha­ben sie „ho­ri­zont“ge­grün­det. was hat sich in der Zeit ver­än­dert?

Jut­ta spei­del: Wir sind un­glaub­lich ge­wach­sen, wir sind ein ech­tes Un­ter­neh­men ge­wor­den. Aber die Auf­ga­ben wuch­sen da­mit auch. Ich ha­be heu­te ein Team von 27 tol­len Leu­ten, die mich un­ter­stüt­zen. Und nur durch die­se tol­le Be­treu­ung ist „Ho­ri­zont“so er­folg­reich ge­wor­den. Denn die­ses Be­treu­ungs­sys­tem muss ja 365 Ta­ge 24 St­un­den lang funk­tio­nie­ren. Da geht es um die Auf­nah­me bei uns, um recht­li­che Pro­ble­me, um me­di­zi­ni­sche und na­tür­lich auch um psy­chi­sche Pro­ble­me bei den Frau­en und den Kin­dern.

meins: su­chen die frau­en auch ih­ren per­sön­li­chen rat?

Jut­ta spei­del: Ja, das pas­siert. Aber heu­te ha­be ich vie­le an­de­re Auf­ga­ben, die ein­fach hin­zu­ge­kom­men sind. Ich bin die Front-Frau im Au­ßen­dienst, die das Geld ran­schaf­fen muss (lacht). meins: sie ha­ben ei­ne un­glaub­li­che po­wer. Geht ih­nen nie die Kraft aus? Jut­ta spei­del: Nein, das gibt es nicht. Hier geht es doch um die Sa­che, und da spielt das per­sön­li­che Wohl kei­ne Rol­le. Je­der wird ge­braucht. Und wenn ich mal ei­nen Schnup­fen ha­be, ar­bei­te ich vom Bett aus. Wir wol­len, dass es vor­an­geht und un­ser Pro­jekt im­mer op­ti­mie­ren, im­mer noch bes­ser ma­chen. meins: was gibt ih­nen die­se Ar­beit ganz per­sön­lich?

Ich bin die Front-Frau, die die Koh­le ran­schaf­fen muss

Ich kämp­fe je­den Tag für die In­te­gra­ti­on die­ser Frau­en

Jut­ta Spei­del: Es ist für mich un­glaub­lich wich­tig, dass ich ei­nen Bei­trag für die­se Ge­sell­schaft leis­te, da­mit es die­sen Men­schen in un­se­rem Land bes­ser geht. Ich ha­be „Ho­ri­zont“ge­grün­det, weil ich als Mut­ter von zwei Töch­tern weiß, wie wich­tig es ist, dass du ein Vor­bild bist für dei­ne Kin­der und ih­nen Wer­te ver­mit­telst. Denn mich er­schreckt der enor­me Wer­te­ver­lust in die­ser Zeit enorm. Und des­halb kämp­fe ich je­den Tag für die In­te­gra­ti­on un­se­rer Frau­en.

MEINS: Sie sind un­glaub­lich mu­tig und ha­ben sehr viel er­reicht. Kann man die­sen mut ler­nen?

jut­ta Spei­del: Un­be­dingt. Man kann al­les ler­nen, wenn man nur will. Auch In­te­gra­ti­on ist ein Lern­pro­zess. Und wir möch­ten, dass un­se­re Frau­en und Kin­der ler­nen, et­was er­rei­chen zu wol­len. Je­de Per­son hat et­was in sich, was zu för­dern ist. Wenn wir ei­ne ge­sun­de Ge­sell­schaft ha­ben wol­len, dann müs­sen wir gera­de die­se Fä­hig­kei­ten aus­bau­en und in die rich­ti­gen Bah­nen len­ken, da­mit die Men­schen dem Staat spä­ter nicht auf der Ta­sche lie­gen. Ich fin­de nichts schlim­mer, als ei­ne Ge­sell­schaft, die zu faul ist zum Ar­bei­ten und sich das Geld vom Staat holt, und wir but­tern rein. Un­se­ren Müt­tern und Kin­dern ge­ben wir die Rich­tung vor, dass sie ei­nen wert­vol­len Bei­trag zur Ge­sell­schaft leis­ten, in­dem sie sich in­te­grie­ren, be­reit sind zu ler­nen, ein Ziel vor Au­gen ha­ben. Ich sa­ge Ih­nen, das ist kei­ne leich­te Auf­ga­be! meinS: ha­ben Sie noch Kon­takt zu frau­en, die den Weg ins le­ben ge­fun­den ha­ben? jut­ta Spei­del: Ja, und bei ih­nen kön­nen wir se­hen, wie er­folg­reich un­se­re Ar­beit war und ist. meinS: Wie fei­ern Sie Weih­nach­ten? jut­ta Spei­del: Wir wer­den die­ses Jahr zu mei­ner Mut­ter ins Se­nio­ren­heim ge­hen. Nächs­tes Jahr wird si­cher mehr Tru­bel herr­schen, wenn mein ers­tes En­kel­kind da ist. meinS: Was ist ihr per­sön­li­ches glücks­ge­heim­nis?

jut­ta Spei­del: Ich bin ein­fach ein sehr op­ti­mis­ti­scher und zu­frie­de­ner Mensch. Ich brau­che kei­nen gro­ßen Klim­bim, um glück­lich zu sein (lacht). • luST zu hel­fen? Spen­den: Stadt­spar­kas­se Mün­chen IBAN: DE06 7015 0000 0000 1022 02 BIC: SSKMDEMM

Kämp­fe­risch Jut­ta Spei­del bei der Grund­stein­le­gung ih­res zwei­ten „Ho­ri­zont“-Hau­ses in Mün­chen. Sie sagt: „Es ist mein Le­bens­werk.“

Jut­ta spei­del mit dem Bau­plan un­term Arm. im früh­jahr 2018 ist das haus fer­tig

fro­hes fest Je­des Jahr gibt’s im „Ho­ri­zont“-Haus ei­ne Be­sche­rung für be­nach­tei­lig­te Kin­der und Müt­ter – für die Klei­nen ein Stück hei­le Welt

Bas­tel-alarm Wenn sie das Haus be­sucht, heißt es bei den Kin­dern so­fort: „Spielst du mit uns?“

nä­he Schen­Ken Jut­ta be­sucht re­gel­mä­ßig das „Ho­ri­zont“-Haus

nach­fOl­ge­rin Toch­ter Fran­zis­ka, 33, ar­bei­tet bei „Ho­ri­zont“und schenkt ih­rer Mut­ter gera­de das ers­te En­kel­kind

VOr­bild Jut­ta Spei­dels Mut­ter Ger­lin­de, 90, ist bis heu­te Jut­tas wich­tigs­te Ver­trau­te

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.