Frau­en wie wir Uta, 71, ist eh­ren­amt­lich im Aus­land un­ter­wegs

Uta Voigt, 71, reist um die Welt, um an­de­ren zu hel­fen. Eh­ren­amt­lich. Und sie hat ei­ne Idee: Sie will gera­de Frau­en 50+ für die­se Ar­beit im Aus­land mo­ti­vie­ren!

Meins - - Inhalt - VON JA­RA TIEDEMANN

An ei­nem Sams­tag tref­fen wir uns in Ber­lin. End­lich hat’s ge­klappt, das Ge­spräch zu ar­ran­gie­ren war näm­lich gar nicht so leicht. Trotz Ren­te ist der Ter­min­ka­len­der der strah­len­den Po­wer­la­dy prall ge­füllt. Und zwar mit Aus­tausch­pro­gram­men, Aus­lands­be­su­chen und – so wie heu­te – mit Se­mi­na­ren, bei de­nen sie sich für in­ter­kul­tu­rel­le Be­zie­hun­gen ein­setzt. Seit Uta 2010 in Ren­te ge­gan­gen ist, ar­bei­tet sie eh­ren­amt­lich für AFS – ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die Schü­ler­aus­tau­sche und Frei­wil­li­gen­diens­te auf der gan­zen Welt ver­mit­telt. „An­de­re Kul­tu­ren ha­ben mich schon im­mer fas­zi­niert“, er­zählt die ge­bür­ti­ge Ham­bur­ge­rin, die in Hes­sen lebt.

„Die so­zia­le Ader? Hab’ ich wohl von mei­nem Va­ter.

Er war auf po­li­ti­scher Ebe­ne eh­ren­amt­lich ak­tiv. Ich bin stets mit dem Be­wusst­sein auf­ge­wach­sen, dass es wich­tig ist, sich für die Ge­sell­schaft zu en­ga­gie­ren“, er­zählt Uta. Mit 35 wur­de sie in den Vor­stand der SPD-Frau­en ge­wählt und mach­te sich dort vor al­lem für die Rech­te von Frau­en stark. Den ers­ten Kon­takt mit AFS hat­te sie, als ih­re Kin­der, heu­te 43 und 41, wäh­rend der Schul­zeit ein Aus­lands­jahr in Te­xas und Aus­tra­li­en mach­ten. Auch Utas Fa­mi­lie nahm re­gel­mä­ßig Aus­tausch­schü­ler aus dem Aus­land bei sich auf. „Wir ver­stan­den uns als mul­ti­kul­tu­rel­ler Haus­halt. Ich fin­de es toll, wie Kon­tak­te und Be­zie­hun­gen in die gan­ze Welt durch sol­che Aus­tausch­pro­gram­me ent­ste­hen. Ir­gend­wann wuss­te ich, dass ich da­zu noch stär­ker bei­tra­gen möch­te.“

Ihr eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment für die Or­ga­ni­sa­ti­on star­tet Uta 1990, noch wäh­rend ih­re Kin­der die Schu­le be­su­chen – und sie haupt­be­ruf­lich als So­zi­al­päd­ago­gin tä­tig ist.

Im Jahr 2000 än­dert sich Utas Welt. „Das war ei­ne har­te Zeit für mich. Ich muss­te mich kom­plett neu ori­en­tie­ren.“Be­ruf­lich und pri­vat. Um sich ab­zu­len­ken, steigt sie haupt­amt­lich bei AFS ein. „Ich woll­te rei­sen, Men­schen ken­nen­ler­nen, ein­fach nur raus …“Sie fliegt nach Chi­na, Ägyp­ten, Thai­land und In­di­en. „Das hat mir ge­hol­fen, mit dem Ver­lust klar­zu­kom­men“, er­in­nert sich Uta, die heu­te wie­der strah­len kann. Viel­leicht auch, weil sie noch ein­mal das Glück ge­fun­den hat.

Als die Ren­te nä­her rückt, steht für Uta fest: „Das ma­che ich wei­ter!“Und sie tut es. Zwar „nur“noch eh­ren­amt­lich, da­für aber mit noch mehr Herz-

blut! Sie fliegt nach Bra­si­li­en und küm­mert sich um aids­kran­ke, el­tern­lo­se Kin­der. Auch Kin­der in den Sl­ums von Sal­va­dor be­treut sie. Kei­ne leich­te Auf­ga­be. „Ich war er­schüt­tert von der Ar­mut und dem Hun­ger. Aber vor al­lem von der Kluft zwi­schen Arm und Reich“, be­rich­tet Uta. Mit all dem Leid um­zu­ge­hen muss sie erst ler­nen. „Man kann nicht die gan­ze Last der Welt auf sei­ne Schul­tern neh­men. Das zu ak­zep­tie­ren hat et­was ge­dau­ert.“

Ei­ne wei­te­re Rei­se, die Uta im­mer in Er­in­ne­rung blei­ben wird, macht sie ge­mein­sam mit ih­rer Toch­ter. „In ei­nem Flücht­lings­la­ger in Ugan­da ha­ben wir ver­sucht, Frau­en Le­sen und Schrei­ben bei­zu­brin­gen. Klas­sen­zim­mer gab es nicht, al­so sa­ßen wir auf ei­ner Wie­se und ha­ben mit Äs­ten in den Sand ge­schrie­ben. Trotz der Ver­hält­nis­se wa­ren die Frau­en un­glaub­lich dank­bar, und wir wa­ren froh, dass wir we­nigs­tens ein biss­chen hel­fen konn­ten“, er­zählt Uta. Glück­lich ist sie aber auch dar­über, ih­re Toch­ter an ih­rer Sei­te zu ha­ben. „Zu se­hen, wie die Zu­stän­de in so ei­nem Flücht­lings­la­ger sind, be­las­tet ei­nen na­tür­lich auch see­lisch. Es war schön, dass wir abends dar­über spre­chen konn­ten, um al­le Ein­drü­cke zu ver­ar­bei­ten.“Trotz­dem, die Ar­beit gibt ihr un­glaub­lich viel. „Ich ha­be mitt­ler­wei­le Freun­de in der gan­zen Welt. Und ich er­fah­re so viel Dank­bar­keit, Of­fen­heit und Herz­lich­keit für das, was ich tue. Das ist mit Geld nicht auf­zu­wie­gen.“

Uta will auch an­de­re Frau­en in ih­rem Al­ter mo­ti­vie­ren.

In­ner­halb der Or­ga­ni­sa­ti­on star­tet sie das Pro­jekt „50 plus“, um äl­te­re Men­schen, die sich im Aus­land en­ga­gie­ren wol­len, zu un­ter­stüt­zen. „Die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on wird im­mer ak­ti­ver, und vie­le sind auf der Su­che nach ei­ner sinn­vol­len Be­schäf­ti­gung, wenn es auf die Ren­te zu­geht“, er­klärt Uta. „Au­ßer­dem fin­de ich es ganz wich­tig, dass man gera­de im Al­ter of­fen für Neu­es bleibt. Jetzt ha­ben wir schließ­lich die Ge­le­gen­heit, un­se­re Träu­me zu ver­wirk­li­chen.“Vor al­lem möch­te Uta durch das Pro­jekt aber für das ge­gen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis der Kul­tu­ren sor­gen – und: Ängs­te ab­bau­en. „Gera­de in der ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se ist das sehr wich­tig, fin­de ich.“Und sie sieht noch ei­nen gro­ßen po­si­ti­ven Ne­ben­ef­fekt in ih­rem Eh­ren­amt. „Ich ar­bei­te viel mit jun­gen Men­schen. Das hält mich jung! Mir liegt der ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Aus­tausch sehr am Her­zen. Mei­ne Ar­beit hält mei­nen Kopf auf Tr­ab. Ich bin zwar viel ge­for­dert, aber dar­aus schöp­fe ich im­mens viel Kraft.“

Als wenn das nicht ge­nug wä­re …

Zu­sätz­lich zu ih­rem Aus­lands-Eh­ren­amt lei­tet Uta ak­tu­ell auch noch die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung ei­ner drit­ten Klas­se. „Ich ha­be ja schließ­lich noch ge­nug Res­sour­cen, wie­so soll­te ich sie dann nicht nut­zen? Au­ßer­dem macht es gro­ßen Spaß, mit Kin­dern zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.“Und es geht noch wei­ter: Uta or­ga­ni­siert re­gel­mä­ßig Haus- kon­zer­te in ih­ren vier Wän­den. Da­bei sind jun­ge Leu­te aus al­ler Welt bei ihr zu Gast und mu­si­zie­ren vor et­wa 35 Zu­hö­rern in ih­rem Wohn­zim­mer. „Man lernt da­durch ganz tol­le Men­schen ken­nen. Bei uns wird es nie lang­wei­lig“, freut sie sich und strahlt da­bei so herr­lich welt­of­fen.

Stimmt, von Lan­ge­wei­le kann bei Uta tat­säch­lich nicht die Re­de sein. „Ich fin­de, es ist völ­lig egal, was man im Al­ter macht, Haupt­sa­che, man macht et­was! Gleich, ob es ein Eh­ren­amt oder ein neu­es Hob­by ist. Man muss schau­en, wo sei­ne Be­dürf­nis­se und Fä­hig­kei­ten lie­gen, und dann ein­fach los­le­gen“, sagt Uta. Recht hat sie! Und fest steht: Von so viel Ener­gie kön­nen wir uns al­le ei­ne Schei­be ab­schnei­den! •

Ich ler­ne so vie­le tol­le Men­schen ken­nen

In­di­en

Ugan­da

BR asi­li­en

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