Auf­re­ger

Un­se­re Ko­lum­nis­tin Angi Brink­mann, 50, fei­ert Weih­nach­ten am liebs­ten ganz tra­di­tio­nell und fin­det: Tul­pen sol­len sich ge­fäl­ligst hin­ter Sil­ves­ter an­stel­len!

Meins - - Inhalt -

„Och nö! War­um gibt’s denn schon Tul­pen?“

Ich bin näm­lich so ein Su­peR-Spie­ßeR, deR fin­det: Al­les zu sei­neR Zeit!

Lei­se rie­selt der Schnee …“möch­te ich sin­gen in die­sen Ta­gen, ob’s warm ist oder nicht, und mich vor Glück im Kreis dre­hen. Ich lie­be die­se Wo­chen vor dem Weih­nachts­fest! Ad­vent be­deu­tet für mich: wu­se­lig vol­le Ge­schäf­te, in de­nen sich Weih­nachts­lied­klas­si­ker kling­glöck­chen­mä­ßig in un­se­re Oh­ren säu­seln, wäh­rend ich un­ter Trä­nen der Rüh­rung wie­der viel zu spät nach Baum­ker­zen su­che. Ad­vent be­deu­tet: Ku­schel­aben­de auf dem So­fa, ein gu­tes Buch in der Hand oder ei­nen gu­ten Film zu se­hen und dem so­no­ren Schnar­chen des Man­nes zu lau­schen, der mal wie­der ne­ben uns ein­ge­schla­fen ist. Ad­vent ist so ei­ne un­be­stech­lich be­rüh­ren­de Zeit für mich, die will ich voll aus­kos­ten. Wir schmü­cken das Haus in klas­sisch Rot und Grün und stel­len klei­ne Christ­ster­ne auf den Tisch, al­lein schon we­gen der Far­ben und weil ich seit mei­ner Kind­heit fin­de, dass die so herr­lich un­echt aus­se­hen. Ich muss die Blät­ter der klei­nen Stern­blü­ten im Blu­men­la­den auch im­mer zart zwi­schen die Fin­ger neh­men und dran rei­ben – ich glaub’ sonst nicht, dass das ei­ne le­ben­di­ge Pflan­ze ist. Ach, wie ich das mag, die­ses pel­zi­ge Ge­fühl der ro­ten Blät­ter – da wird mir ganz warm ums Herz.

Nur wenn ich mich dann um­dre­he und auf die stol­zen Köp­fe knatsch­bun­ter Tul­pen schaue, möch­te ich de­nen am liebs­ten den Hals um­dre­hen. Da­bei kön­nen die ar­men hol­län­di­schen Ge­wäch­se gar nix da­für, aber sie ver­der­ben mir al­le Jah­re wie­der ganz gründ­lich mei­ne wohl tem­pe­rier­te Weih­nachts­lau­ne.

Wie sie so da­ste­hen, die­se ol­len Tul­pen, bün­del­wei­se in zer­knautsch­ter Fo­lie und

so ver­kühlt aus­se­hen, als wür­den sie furcht­bar frie­ren. Tun die si­cher auch. Tja, ist eben Pech, wenn man viel zu früh aus dem Ge­wächs­haus kommt und so dünn an­ge­zo­gen ist wie so ei­ne Tul­pe – mit­ten im Win­ter. Da ste­hen die nun ma­ger, aber frech, zwi­schen Weih­nachts­ster­nen und Chris­tro­sen und neh­men mir so je­den Spaß am Ad­vent.

Müs­sen wir wirk­lich je­des Jahr noch frü­her mit al­lem dran sein? Soll ich mei­nen Christ­baum viel­leicht gleich mit Luft­schlan­gen schmü­cken, dann wä­re ich im Hin­blick auf Fa­sching to­tal im Trend? Kommt nicht in die Tü­te, ich fin­de: Tul­pen sol­len sich ge­fäl­ligst hin­ter Sil­ves­ter an­stel­len!

Ich bin näm­lich so ein ab­so­lu­ter Su­per-Spie­ßer, der nach dem Mot­to lebt: Al­les zu sei­ner Zeit! Und mei­ne Zeit für Tul­pen ist nun mal erst der Jah­res­an­fang! Dann schmü­cke ich den Baum ab, hül­le all die schö­nen Ku­geln, Ster­ne und En­gel­chen wie­der in Pa­pier und ver­staue sie sorg­sam in Kis­ten. Ich sau­ge zum letz­ten Mal für die­ses Jahr Hun­der­te Tan­nen­na­deln vom Fuß­bo­den und sum­me „Lei­se rie­selt …“. Da­nach schlep­pe ich das Baum­ge­rip­pe auf die Ter­ras­se und lüf­te so rich­tig durch. Und dann, ja, dann kommt er: mein Mo­ment! Ich fah­re in die Stadt und kau­fe mir zwei Ar­me voll Tul­pen! Die ver­tei­le ich zu Hau­se auf gleich drei Va­sen und plat­zie­re sie in Kü­che, Wohn­zim­mer und Flur. Wie schön das aus­sieht, da kann ich mich herr­lich dran freu­en. Ich möch­te tan­zen vor Glück und mich im Kreis dre­hen und bin mir in die­sem Mo­ment ab­so­lut si­cher, dass die Luft schon ganz doll nach Früh­jahr riecht …•

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