Was uns be­wegt

Fran­zis­kus lebt wie Franz von As­si­si: vol­ler Nächs­ten­lie­be, De­mut und Achtung vor der Schöp­fung. Zu sei­nem 80. Ge­burts­tag gra­tu­liert Au­tor (und Papst-Fan) Andre­as Juhn­ke

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Fran­zis­kus: Die­ser Papst trägt kein Pra­da

Bis zum Abend des 13. März 2013 hät­te ich nie ge­glaubt, dass ich ein­mal ei­nen Papst für das Licht der Hoff­nung in die­ser Welt hal­ten wür­de. Ich bin pro­tes­tan­tisch er­zo­gen, be­kannt­lich gibt es da ei­ne ge­wis­se Dis­tanz zum Va­ti­kan. Aber dann be­trat an die­sem März­abend ein Ar­gen­ti­ni­er na­mens Jor­ge Ma­rio Bergo­glio, da­mals 76, die Be­ne­dik­ti­ons-Log­gia des Pe­ters­doms. Eben hat­te es über dem Va­ti­kan noch wie aus Ei­mern ge­schüt­tet. Dann schloss der Him­mel sei­ne Schleu­sen. Und der neue Papst, der für sich den Na­men Fran­zis­kus ge­wählt hat­te, be­gann sei­ne ers­te Re­de mit den Wor­ten: „Brü­der und Schwes­tern, gu­ten Abend!“Wie!?

Seit­dem ha­ben wir ge­lernt, dass er der Papst ist, dem Nächs­ten­lie­be wich­ti­ger ist als Ver­eh­rung. Fran­zis­kus trägt ein ei­ser­nes Brust­kreuz statt ei­nem aus Gold, weil die Kir­che für die Ar­men da sein soll, nicht um Reich­tü­mer an­zu­häu­fen. Des­halb war er schon in Ar­gen­ti­ni­en meist in den Elends­vier­teln un­ter­wegs, um zu hel­fen.

Aber als Papst ist noch et­was mit ihm ge­sche­hen. Men­schen, die ihn als Kar­di­nal gut kann­ten, sind dar­über tief er­staunt. Er galt als eher grüb­le­ri­scher Zeit­ge­nos­se, bit­ter ge­wor­den über all den Kon­flik­te mit sei­nen Kir­chen­obe­ren in Rom, die er fast al­le ver­lo­ren hat­te. Aber von sei­ner ers­ten Paps­tSt­un­de an strahl­te er. Aus tiefs­tem In­ne­ren. Wo er auf­tritt, wird das Licht ein klei­nes biss­chen hel­ler. Wird Lie­be spür­bar. Er sonnt sich nicht im Glan­ze von In­si­gni­en – son­dern er­hellt die Welt mit sei­nem Tun. Er bat die Men­ge auf dem Pe­ters­platz, noch be­vor er sie seg­ne­te, Got­tes Se­gen für ihn zu er­bit­ten, weil auch er ein Sün­der sei. Aber vor al­lem schien ihn der Ge­dan­ke zu er­leuch­ten, dass er nun end­lich die Kir­che Je­su wie­der zu ih­ren ei­gent­li­chen Auf­ga­ben zu­rück­füh­ren könn­te.

Mit dem Bus statt mit der war­ten­den Li­mou­si­ne

fuhr er nach die­sem Auf­tritt zum Zim­mer, das er wäh­rend des Kon­kla­ve

be­wohnt hat­te, be­zahl­te es und trug sei­nen Kof­fer ei­gen­hän­dig in den Apos­to­li­schen Pa­last. Seit­dem hat er in den an­ge­stamm­ten Ge­mä­chern des Paps­tes nie wie­der ge­schla­fen. Er wohnt im Gäste­haus San­ta Mar­ta, Zim­mer 201, 25 Qua­drat­me­ter, Bett, Tisch, Stuhl, das ge­nügt. Als ei­ne sei­ner ers­ten Amts­hand­lun­gen ging er zu rö­mi­schen Ob­dach­lo­sen, um ih­nen die Fü­ße zu wa­schen. Sei­ne ers­te Rei­se führ­te ihn nach Lam­pe­du­sa, wo er auf die Not der Flücht­lin­ge auf­merk­sam mach­te. Als er jetzt im No­vem­ber 4000 Ob­dach­lo­se aus al­ler Welt in den Va­ti­kan ein­lud, ent­schul­dig­te er sich bei ih­nen: „Ich bit­te Sie um Ver­ge­bung für all die Ma­le, bei de­nen Chris­ten vor ei­ner ar­men Per­son auf die an­de­re Stra­ßen­sei­te ge­schaut ha­ben. Ver­zei­hung!“

Je­sus kann wirk­lich stolz sein auf die­sen Papst.

Er streicht Ti­tel und Ver­güns­ti­gun­gen für den Kir­chen­ap­pa­rat. Er durch­leuch­tet die Fi­nan­zen der Va­ti­k­an­bank, wirft Geist­li­che raus, die sich des se­xu­el­len Miss­brauchs schul­dig mach­ten, setzt den Ko­blen­zer „Protz-Bi­schof“Fran­zPe­ter Te­bartz-van Elst ab – nach ei­ner Au­di­enz in Zim­mer 201. Fran­zis­kus fährt lan­ge mit ei­nem klapp­ri­gen Ge­braucht­wa­gen, den er ge­schenkt be­kom­men hat, nimmt das Te­le­fon selbst ab und wur­de schon ge­se­hen, wie er sei­ne Schmutz­wä­sche zur Wä­sche­rei bringt.

Heu­te trägt der Papst kei­ne ro­ten Pra­da-Slip­per mehr, wie sei­ne Vor­gän­ger, son­dern nor­ma­le Stra­ßen­schu­he. Er baut Brü­cken zu al­len Re­li­gio­nen. Er ent­schul­digt sich für He­xen­ver­bren­nun­gen, Ho­mo­se­xu­el­len-Dis­kri­mi­nie­run­gen, lässt auch Ge­schie­de­ne wie­der zum Abend­mahl zu. Um nur das Wich­tigs­te zu nen­nen.

Auch Frau­en wer­den in Zu­kunft ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le in sei­ner Kir­che spie­len. Der Va­ti­kan-Ex­per­te Andre­as Eng­lisch (neu­es Buch: „Fran­zis­kus: Ein Le­bens­bild“, C. Ber­tels­mann Ver­lag) glaubt, dass 2017 das Frau­en-Dia­ko­nat kommt. Dann kön­nen die Ge­mein­de­hel­fe­rin­nen zu­min­dest Tau­fen durch­füh­ren oder Wort-Mes­sen hal­ten. Eng­lisch meint, „noch gibt es gi­gan­ti­sche Wi­der­stän­de im Va­ti­kan, aber der Papst setzt es zur Not auch im Al­lein­gang durch.“Das wä­re der ers­te Schritt zu Frau­en als Geist­li­che in der ka­tho­li­schen Kir­che.

Wie schafft Fran­zis­kus, der am 17. De­zem­ber 80 Jah­re alt wird, das al­les? „Das kann ich auch nicht er­klä­ren“, meint Eng­lisch, der sonst vie­les weiß. „Er hat als ein­zi­ger Papst seit sei­nem Amts­an­tritt noch kei­nen Tag Ur­laub ge­macht. Wenn man zu ihm sagt, ,Eu­re Hei­lig­keit, Ihr müsst auch mal Pau­se ma­chen‘, ant­wor­tet er nur: ,Nein, es ist noch so viel zu tun.‘“

Den Mann muss­te ich mir aus der Nä­he an­se­hen und reis­te auf die In­sel Les­bos. Aus ei­nem nor­ma­len Klein­bus stieg ein äl­te­rer Herr in wei­ßer Sou­ta­ne, bei­na­he un­schein­bar. Fran­zis­kus sprach ganz lei­se von sei­ner un­tröst­li­chen Trau­er über den Tod der vie­len Flücht­lin­ge. Und war sicht­lich tief er­schüt­tert über die­se furcht­ba­ren Schick­sa­le. Da wur­de selbst das Mit­tel­meer ganz still und schien wie wir al­le sei­nen Wor­ten zu lau­schen. •

… mag kei­nen PRunk

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