Neu­an­fang

An­ne­li, 53, hei­ra­tet zum zwei­ten Mal – den­sel­ben Mann

Meins - - Inhalt - VON KA­TRIN NE­U­MANN

Es gibt sie im­mer wie­der, die­se ma­gi­schen Mo­men­te, in de­nen An­ne­li, 53, und Jörg, 50, aus Jena ein­an­der in die Au­gen se­hen und die Welt um sich her­um ver­ges­sen. Denn in ih­ren Bli­cken liegt so vie­les, was sie nur schwer in Wor­te fas­sen kön­nen: Ver­trau­en und Ver­ge­bung, Re­spekt und Ehr­lich­keit. Und vor al­lem: Lie­be.

„Ich möch­te kei­nen Tag oh­ne An­ne­li sein“, sagt Jörg. „Oh­ne sie füh­le ich mich nicht voll­stän­dig.“Er drückt die Hand sei­ner Frau, rückt ein we­nig nä­her an sie her­an. An­ne­li lä­chelt. Und sagt, fast ein we­nig schüch­tern: „Jörg ist mein Fels. Egal, was kommt – zu­sam­men kön­nen wir al­les schaf­fen.“So klingt Lie­be.

Nie­mand, der die bei­den so re­den hört, wür­de ver­mu­ten, dass sie ei­ne Schei­dung hin­ter sich ha­ben – und zwar von­ein­an­der! Und noch da­zu ei­nen er­bit­ter­ten Ro­sen­krieg. „Wir ha­ben das jetzt aber al­les hin­ter uns ge­las­sen“, er­klärt Jörg. „Für uns gibt es kei­ne Ver­gan­gen­heit mehr, nur noch die Zu­kunft. Und die wol­len wir ge­mein­sam gestal­ten.“

1997 hei­ra­ten An­ne­li und Jörg.

Bei­de ha­ben be­reits ei­ne ge­schei­ter­te Ehe hin­ter sich und sind fest ent­schlos­sen, die­ses Mal al­les bes­ser zu ma­chen. Tat­säch­lich läuft es vier Jah­re lang gut zwi­schen den bei­den. „Wir ha­ben über al­les ge­re­det, viel ge­lacht und wa­ren wirk­lich glück­lich mit­ein­an­der“, sagt An­ne­li. Doch dann kommt der Tag im Jahr 2001, an dem Jörg er­fährt, dass er un­heil­bar an mul­ti­pler Sk­le­ro­se er­krankt ist. Von nun an ist nichts mehr, wie es war.

Der einst fröh­li­che, ker­ni­ge Jörg ver­fällt in ei­ne De­pres­si­on, zieht sich kom­plett zu­rück. An­ne­li er­in­nert sich: „Ich sah, dass er ver­zwei­felt war, woll­te ihn trös­ten und ihm hel­fen, sei­ne Krank­heit an­zu­neh­men. Aber ich kam nicht an ihn her­an. Im­mer und im­mer wie­der ha­be ich ver­sucht, mit ihm über sei­ne Ge­füh­le zu spre­chen. Aber er blieb stumm, saß Tag und Nacht vor dem Com­pu­ter. Kein Ge­spräch mehr, kei­ne zärt­li­che Ges­te, nichts.“Sechs Jah­re hat sie das aus­ge­hal­ten. Dann kann sie nicht mehr.

Als An­ne­li die Schei­dung ein­reicht, wacht Jörg auf. „Ich hat­te mich ei­ne ge­fühl­te Ewig­keit selbst be­mit­lei­det, mit dem Schick­sal ge­ha­dert und da­bei

Für uns gibt es jetzt nur noch die Zu­kunft

Wir muss­ten uns erst ver­lie­ren, um uns wirk­lich zu fin­den wiR : Heu­te wis­sen Lie­be Man muss sich auch zei­gen

über­haupt nicht wahr­ge­nom­men, wie ver­let­zend mein Ver­hal­ten für An­ne­li ge­we­sen sein muss. Dann be­griff ich plötz­lich, dass ich drauf und dran war, sie zu ver­lie­ren.“Jörg gibt sich größ­te Mü­he, wie­der auf sei­ne Frau zu­zu­ge­hen, sie wie­der an sei­nem Le­ben teil­ha­ben zu las­sen. Aber es ist zu spät. An­ne­li ist zu tief ver­letzt, kann ihm nicht ver­zei­hen. Bö­se Wor­te fal­len, Schuld­zu­wei­sun­gen, Ver­bit­te­rung und Wut ver­gif­ten je­den Dia­log. Nach zwölf Jah­ren Ehe ste­hen die bei­den vor dem Schei­dungs­rich­ter.

Acht Jah­re ha­ben die bei­den kei­nen Kon­takt.

Sie keh­ren, je­der für sich, die Scher­ben ih­rer zer­bro­che­nen Be­zie­hung zu­sam­men, fin­den nach ei­ner Wei­le neue Part­ner. Doch dann hört An­ne­li ei­nes Ta­ges, dass Jörg Jena für im­mer ver­las­sen will, schon auf ge­pack­ten Kof­fern sitzt. „Da wuss­te ich: Ich muss ein letz­tes Mal mit ihm spre­chen, mich ent­schul­di­gen für all die häss­li­chen Din­ge, die ich ihm wäh­rend un­se­rer Tren­nung an den Kopf ge­wor­fen hat­te“, er­zählt sie. Sie nimmt all ih­ren Mut zu­sam­men und bit­tet Jörg um ein Tref­fen. Der zö­gert zu­nächst, lässt sich dann aber zu ei­nem Wie­der­se­hen über­re­den. Sie ver­ab­re­den sich im Eis­ca­fé.

Als An­ne­li das Ca­fé be­tritt, möch­te sie am liebs­ten auf dem Ab­satz um­keh­ren.

„Ich wuss­te ja nicht, wie sich das Ge­spräch ent­wi­ckeln und ob Jörg mei­ne Ent­schul­di­gung an­neh­men wür­de“, er­zählt sie. „Aber dann sa­ßen wir ein­an­der ge­gen­über und blick­ten uns an. Plötz­lich war da wie­der die­se in­ni­ge Ver­traut­heit, die wir in den gu­ten Ta­gen un­se­rer Ehe ge­spürt hat­ten.“

Am En­de des Ta­ges steht für die bei­den fest, dass sie es noch ein­mal mit­ein­an­der ver­su­chen wol­len. „Wir hat­ten ja bei­de ge­nü­gend Zeit, über die Feh­ler, die wir in der Ver­gan­gen­heit ge­macht hat­ten, nach­zu­den­ken und aus ih­nen zu ler­nen“, sagt Jörg schmun­zelnd. „Und wir ver­spra­chen ein­an­der, noch ein­mal bei null an­zu­fan­gen und nie wie­der zu­rück­zu­bli­cken.“

Schon nach we­ni­gen Wo­chen zie­hen Jörg und An­ne­li wie­der in ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung. Es fühlt sich gut an. Und rich­tig. Und als Jörg An­ne­li abends bei ei­nem Glas Wein fragt, ob sie ihn noch ein­mal hei­ra­ten möch­te, sagt sie, oh­ne zu zö­gern, Ja. War­um? An­ne­li lacht. „Ich ha­be wohl nie­mals so rich­tig auf­ge­hört, ihn zu lie­ben. Und ich spür­te, dass er sich wirk­lich ge­än­dert hat­te, of­fe­ner ge­wor­den war und ge­lernt hat­te, mit sei­ner Krank­heit zu le­ben.“

Im Herbst 2015, nur zwei Mo­na­te nach ih­rem Wie­der­se­hen, hei­ra­ten An­ne­li und Jörg ein zwei­tes Mal. Und die­se Ehe, da sind sich bei­de si­cher, wird für im­mer hal­ten. „Denn wir wis­sen jetzt, dass es für ei­ne glück­li­che Ehe nicht aus­reicht, ein­an­der zu lie­ben“, sagt Jörg. „Man muss es ein­an­der auch im­mer wie­der zei­gen. Je­den Tag. Und je­de Mi­nu­te.“•

heu­te und dA­mALS An­ne­li und Jörg nach dem zwei­ten (o.) und dem ers­ten Ja­wort

SpASS Am Le­ben „Die Lie­be zur Na­tur ver­bin­det An­ne­li und Jörg. Be­son­ders ge­nie­ßen sie die lan­gen Spa­zier­gän­ge mit ih­rer Bo­xer­hün­din Lu­cy

Auf neu­en We­gen Jörg und An­ne­li ha­ben aus den Feh­lern der Ver­gan­gen­heit ge­lernt

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