Auf­re­ger Hal­looo? Was soll DAS denn hei­ßen?

Un­se­re Ko­lum­nis­tin An­ge­li­ka Brink­mann, 50, ver­zwei­felt am Hin und Her mit SMS und Co.

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Man­che SMS le­sen sich doch wie von ’neR Kat­ze an ei­nen Fisch ge­schRie­ben …

Fragt ein Mensch ei­nen an­de­ren et­was, al­so li­ve, mei­ne ich, be­kommt er meist di­rekt ei­ne Ant­wort. Mit JA, NEIN oder – noch bes­ser – in gan­zen Sät­zen. Die­se Art der Kon­ver­sa­ti­on hat sich seit un­se­ren Ur­lau­ten be­währt und ist wun­der­bar un­miss­ver­ständ­lich! Lei­der, lei­der ist Re­den aber heu­te to­tal old school. Statt­des­sen tip­pen al­le wie die Dep­pen auf ih­ren Han­dys her­um und ver­stri­cken sich mit je­der ver­schick­ten SMS-Sil­be in die selt­sams­ten Miss­ver­ständ­nis­se, da der Adres­sat grund­sätz­lich al­les an­ders ver­steht als der Ab­sen­der. Ein Bei­spiel – ich fra­ge mei­ne Freun­din Ute: „Wol­len wir uns nach­her zum Hun­despa­zier­gang tref­fen?“Hier­auf gä­be es, den­ke ich lo­gisch, drei Ant­wort­mög­lich­kei­ten, die schnell Ge­wiss­heit bräch­ten: 1. „Ich ha­be lei­der kei­ne Zeit!“, 2. „Ich war schon Gas­si!“oder 3. „Au fein, wir tref­fen uns um elf Uhr am Park­platz!“Das ist na­tür­lich mus­ter­haft dar­ge­stellt, aber die Haupt­sa­che ist doch: Wir bei­de wüss­ten di­rekt, woran wir sind.

Doof nur: Das sieht mei­ne heiß ge­lieb­te Freun­din ganz

an­ders … Seit sie ihr se­xy gol­de­nes Smart­pho­ne be­sitzt, un­ter­sagt sie sich das Spre­chen – und in ih­ren Ant­wor­ten zu­neh­mend auch je­de Klar­heit. Da kom­men SMS wie „Kann nicht!“, „Spä­ter vi­el­leicht“oder „Mel­de mich noch mal“. Aaaah ja, und nu? Al­so, von „Kann nicht!“(geht’s vi­el­leicht auch net­ter?) mal ab­ge­se­hen, weiß ich ei­gent­lich nie, was nun wirk­lich an­ge­sagt ist.

SMS sind nicht nur kei­ne Hil­fe, nein, sie sind ein

Dra­ma! Um es mal klar zu sa­gen: Ich füh­le mich da drau­ßen meist miss­ver­stan­den. Seit wir un­se­re zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Mes­sa­ge-Sys­te­me und WhatsApp re­du­zie­ren, ist al­le Ge­sprächs-Klar­heit pas­sé! Wenn ich mei­ne Te­enagerKin­der und ih­re Freun­de da­bei be­ob­ach­te, wie sie ver­su­chen, Ver­ab­re­dun­gen zu tref­fen, ru­fe ich gern mal müt­ter­lich-iro­nisch: „Läuft ja su­per! War­um auch zwei Mi­nu­ten te­le­fo­nie­ren, wenn man sein An­lie­gen in zwei St­un­den per Chat re­geln kann …?“

Und dann die­ser Druck, weil al­le im­mer on­li­ne sind. Noch wäh­rend ich schrei­be, se­he ich, ob der Adres­sat an sei­nem Ge­rät ist – und bin fro­her Er­war­tung auf die Ant­wort. Ich ha­be doch ge­ra­de so nett ge­schrie­ben, und ich ha­be Zeit. Wäh­rend ich war­te, steigt in mir der Är­ger hoch, weil der Emp­fän­ger mei­ne Zei­len di­rekt ge­le­sen hat – aber sich nicht muckst. Wie lä­cher­lich das ist, weiß ich, hilft aber nichts. Un­will­kür­lich mes­sen wir un­se­re Wer­tig­keit auch an der Ge­schwin­dig­keit der Re­ak­ti­on. Nach 13 Mi­nu­ten den­ke ich „Okay, sie fährt be­stimmt ge­ra­de Au­to und kann nicht“, nach 30 Mi­nu­ten grol­le ich und sa­ge mir „Al­so, jetzt könn­te sie we­nigs­tens kurz zu­rück­schrei­ben, dass sie nicht kann“, und nach 65 Mi­nu­ten bin ich be­reit, die Freund­schaft zu be­en­den.

Oben­drein ha­ben wir elek­tro­tech­nisch al­le kei­ne Moral mehr! Emp­fan­ge­ne E-Mails las­sen wir viel zu lan­ge un­be­ant­wor­tet im Postein­gang hän­gen. Ein­la­dun­gen per SMS wer­den erst mal sa­cken ge­las­sen, vie­le be­dan­ken sich nicht mal mehr. In Grup­pen­chats war­ten wir ab, was die an­de­ren so schrei­ben, um uns kei­nes­falls zu bla­mie­ren. Was schert uns die Höf­lich­keit?

Je mehr wir un­ter Nach­rich­tenBe­schuss ge­ra­ten, des­to län­ger las­sen wir uns Zeit. Mehr als 43 Mil­li­ar­den WhatsApp-Nach­rich­ten wer­den täg­lich welt­weit ver­schickt. Ei­ne scho­ckie­ren­de Zahl, fin­de ich. Und mehr noch. Ich bin ab­so­lut si­cher: 20 Mil­li­ar­den da­von sind un­wich­tig, zehn Mil­li­ar­den zei­gen Sel­fies, wei­te­re zehn dus­se­li­ge Emo­jis, und drei Mil­li­ar­den blei­ben oh­ne Re­ak­ti­on. Gibt es ei­gent­lich ein Emo­ji für „FLUCH“? •

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