In­mit­ten von Wol­le ist Mar­ga, 63, end­lich im Glück an­ge­kom­men

Mar­ga Knott, 63, hat ihr Le­ben im­mer wie­der um­ge­krem­pelt. Und nach ei­nem Burn-out das Glück ge­fun­den

Meins - - Inhalt - VON CHRIS­TI­NA WÜ­SE­KE

Was ma­che ich ei­gent­lich noch? Wie­so ha­be ich nie ein Zu­hau­se ge­fun­den? Nie ei­ne sta­bi­le Part­ner­schaft? Als sich Mar­ga Knott all die­se Fra­gen stellt, ist sie an ei­nem End­punkt an­ge­langt. Burn-out. Nichts geht mehr. Doch sie ist ent­schlos­sen zu kämp­fen, will raus aus der Trau­rig­keit, der un­end­li­chen Er­schöp­fung.

Dass es ihr so schlecht ging, kann man heu­te nicht mal ah­nen.

Sechs Jah­re sind seit­dem ver­gan­gen. Als die Köl­ne­rin uns die Tür zu ih­rem La­den öff­net, lä­chelt sie. Ein herz­li­ches La­chen: „Her­ein­spa­ziert.“Klein, warm, rich­tig hei­me­lig wirkt ihr Ge­schäft mit den bun­ten Woll­knäu­eln, Gar­nen und Strick­wa­ren. Wir set­zen uns an ei­nen Tisch. „Hier hel­fe ich Kun­den, die mit ver­un­glück­ten Strick­tei­len zu mir kom­men“, sagt Mar­ga.

Vor fünf Jah­ren hat sie das Ge­schäft von der heue 79-jäh­ri­gen Ma­rie Lui­se Zie­beil über­nom­men. Nicht das ers­te Mal, dass sie ei­nen Neu­an­fang wagt – aber das letz­te Mal, da ist sich Mar­ga si­cher. Hier hat sie ge­fun­den, was sie im­mer ge­sucht hat. Und sie er­zählt uns von dem lan­gen Weg da­hin.

„Ich hat­te nie ein rich­ti­ges Zu­hau­se“, sagt sie, nippt am Tee. „Hat­te nie das Ge­fühl, ein Wunsch­kind zu sein. Mei­ne Mut­ter hat mei­nen Va­ter und mich

ver­las­sen, als ich fünf war.“Erst lebt sie bei ih­rer Tan­te, dann in ei­ner Pfle­ge­fa­mi­lie und, als ihr Va­ter er­neut hei­ra­tet, bei ihm. Doch auch das fühlt sich nicht rich­tig an, Mar­ga zieht zur Mut­ter. „Ich war 13, sie ließ mir kei­ne Frei­hei­ten.“

Schließ­lich ver­lässt sie die Schu­le vor­zei­tig mit dem Haupt­schul­ab­schluss und ab­sol­viert ei­ne Aus­bil­dung zur Ein­zel­han­dels­kauf­frau im Tex­til­be­reich. „Nach der Leh­re bin ich mit Freun­den nach Aa­chen, ha­be mein Fach­abi ge­macht und Gra­fik­de­sign stu­diert. Ich ha­be die In­hal­te ge­ra­de­zu in­ha­liert.“Wäh­rend sie sich er­in­nert, schließt sie die Au­gen, at­met tief durch. „Mit For­men und Far­ben konn­te ich end­lich mei­ne Ge­füh­le aus­drü­cken!“Durch ih­ren Job als stu­den­ti­sche Hilfs­kraft am In­sti­tut lernt sie ih­ren Mann ken­nen. Als sie schwan­ger wird, zieht sie mit ih­rer klei­nen Fa­mi­lie nach Kre­feld. In sei­ne Hei­mat, ins Haus sei­nes Va­ters. „Ko­chen? Put­zen? Haus­frau­en­da­sein? War nie meins, aber ich ha­be die Zeit ge­nos­sen – bis ich merk­te, dass ich wie­der ar­bei­ten woll­te, nur ein paar St­un­den die Wo­che.“

Als ihr Mann je­de Un­ter­stüt­zung ver­wei­gert, zieht Mar­ga zu­rück nach Köln.

„Mei­nen Sohn ha­be ich mit­ge­nom­men. Ich hät­te ihn nie al­lein­ge­las­sen.“Wenn er am Wo­che­n­en­de bei sei­nem Pa­pa ist, ar­bei­tet Mar­ga in der Kn­ei­pe. Und wech­selt noch ein­mal den Be­ruf. „Als Se­bas­ti­an aufs Gym­na­si­um kam, ha­be ich mich zur Er­zie­he­rin aus­bil­den las­sen – im Gra­fik­be­reich hat­te sich seit mei­nem Stu­di­um zu viel ge­tan, um wie­der ein­zu­stei­gen.“Sie kann die Aus­bil­dung ver­kür­zen, steigt schnell auf, ist nach we­ni­gen Jah­ren Lei­te­rin ei­ner Ki­ta. „Dass ich die Kin­der nicht nach mei­nen Vor­stel­lun­gen för­dern konn­te – zu we­nig Per­so­nal und Geld –, wur­de für mich aber im­mer be­las­ten­der.“So be­las­tend, dass sie mit Mit­te 50 die Dia­gno­se Burn-out be­kommt. „Ich düm­pel­te nur vor mich hin, berg­auf ging es erst, als ich mich ent­schied zu kün­di­gen.“Aber was soll jetzt kom­men?

Als der klei­ne Woll­la­den Hand­ar­bei­ten Zie­beil zum Ver­kauf steht, fa­ckelt Mar­ga nicht lan­ge. „Ich ha­be das Ge­schäft über­nom­men und di­rekt ge­merkt, es tut mir gut. Ich war in mei­nem Ele­ment: For­men, Far­ben, Men­schen.“Be­reut hat sie den Schritt nie. „Ich ver­die­ne we­ni­ger, bin aber zu­frie­den und wer­de ganz be­stimmt über mein Ren­ten­al­ter hin­aus den La­den be­trei­ben.“Wo­her nimmt sie ih­re Kraft? „Ich bin Op­ti­mis­tin, den­ke im­mer, ir­gend­wie wird es schon ge­hen“, sagt Mar­ga. Trotz al­ler Rück­schlä­ge. Und die Lie­be? „Auch wenn wir seit 30 Jah­ren ge­trennt sind, bin ich noch mit mei­nem Mann ver­hei­ra­tet. Un­ser Sohn und Freund­schaft ver­bin­den uns.“Dann lacht sie: „Es ist gut so, wie es ist – ich brau­che kei­nen Mann, um glück­lich zu sein. Ei­ner sol­chen Auf­re­gung wür­de ich mich nicht mehr aus­set­zen.“

Mar­ga fühlt sich wohl in ih­rem far­ben­fro­hen Woll­pa­ra­dies. „Ich ha­be end­lich das Ge­fühl, an­ge­kom­men zu sein“, sagt sie strah­lend und schiebt ei­nen Kar­ton Wol­le zur Seite.

An­ge­kom­men sind auch die ers­ten Kun­den an die­sem Mor­gen. Wir ge­ben uns die Klin­ke in die Hand. Mar­ga winkt, lä­chelt und wen­det sich ei­ner Frau mit halb fer­ti­ger Woll­müt­ze zu.

Mann, Ich bRau­che kei­nen zu sein um glück­lich

Ich bin Op­ti­mis­tin, den­ke: Ir­gend­wie wird es schon

SchicK in StricK Die blaue Ja­cke ist selbst ge­strickt – lo­gisch!

woll­PA­rA­DieS Klas­se: Mar­ga hat ihr Hob­by zum Be­ruf ge­macht

For­men, Far­ben und Men­schen – das ist ganz mei­ne Welt!

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