Auf­re­ger der Wo­che

Un­se­re Ko­lum­nis­tin An­ge­li­ka Brink­mann, 50, är­gert sich über un­schö­ne Fuß­gän­ger­zo­nen übe­r­all …

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„Men­no, das sieht ja al­les gleich aus!“

Neu­lich brauch­te ich Ge­schenk­pa­pier. Das ha­be ich im­mer in die­ser schö­nen Pa­pe­te­rie mit den be­son­de­ren Stif­ten, den schö­nen Ord­nern und su­per­lus­ti­gen Post­kar­ten ge­kauft. Den La­den gibt es lei­der nicht mehr. Al­so sprin­ge ich schnell ins Kauf­haus. Zwi­schen kal­tem Mar­mor, Roll­trep­pen und grell be­leuch­te­ten Glasthe­ken su­che ich die Schreib­wa­ren­ab­tei­lung. Aber Schreib­wa­ren schei­nen gar nicht mehr hip zu sein, die Ab­tei­lun­gen wer­den im­mer klei­ner und ver­ste­cken sich im Kauf­haus mei­ner Stadt mitt­ler­wei­le im letz­ten Win­kel. Im zwei­ten Un­ter­ge­schoss hin­ter Bett­wa­ren, Ba­de­mat­ten und Hy­gie­ne­müll­ei­mern wer­de ich fün­dig und bin froh, die­se Kel­ler­gruft schnell wie­der ver­las­sen zu kön­nen.

Auf der Stra­ße ver­su­che ich, mich zu ori­en­tie­ren – und ha­be ein rie­si­ges Fra­ge­zei­chen im Ge­sicht!

WO BIN ICH? Muss ich rechts oder links? Das gibt’s doch nicht: Kaum war ich ein paar Wo­chen nicht auf der Fuß­gän­ger­zo­ne, ken­ne ich mich ir­gend­wie gar nicht mehr aus! Saar­brü­cken, Stutt­gart, Schwein­furt, Schwä­bisch Gmünd, Spey­er, Schwe­rin? Ich könn­te ge­ra­de übe­r­all ste­hen. Un­se­re In­nen­städ­te se­hen al­le gleich aus: Übe­r­all pran­gen die glei­chen Mar­ken­lo­gos, blin­ken die glei­chen Leucht­schil­der, flat­tern ähn­li­che Wer­be­fah­nen – es ist ex­akt die­sel­be Op­tik al­ler­orts. In un­se­ren Fuß­gän­ger­zo­nen drü­cken sich die üb­li­chen Ge­schäf­te Schau­fens­ter an Schau­fens­ter an­ein­an­der – der „Bla Bla Op­tik“-Rie­se ne­ben die spa­ni­sche Mo­de­ket­te, der Je­ans-Gros­sist ne­ben die drei­stö­cki­ge Fi­lia­le der Schwe­denMo­de. Und al­le, das ist wirk­lich gru­se­lig, de­ko­rie­ren auch gleich. Übe­r­all ste­hen wei­ße, spin­del­dür­re Pup­pen mit to­ten Ge­sich­tern, und die Mu­sik wum­mert mir in mein von 497 De­cken­strah­lern ge­blen­de­tes Ge­sicht. Schnell lau­fe ich Rich­tung Park­platz. Prompt fällt mein trot­zig ge­senk­ter Blick auf neu­en Är­ger: Wer bit­te ist in un­se­ren Stadt­ver­wal­tun­gen ei­gent­lich da­für ver­ant­wort­lich, dass un­se­re Fuß­gän­ger­zo­nen im­mer mit ab­so­lut un­ge­eig­ne­ten Flie­sen ge­plät­telt wer­den? Die­ser Bo­den­be­lag sieht doch schon we­ni­ge Wo­chen nach der mil­lio­nen­teu­ren Re­no­vie­rung to­tal ver­sifft aus – dre­ckig, fle­ckig und vol­ler Kau­gum­mis. Ach, lei­der, lei­der ist die An­ein­an­der- rei­hung ödes­ter Kon­sum­sucht ja auch kein Wun­der. Klei­ne, in­di­vi­du­el­le Ge­schäf­te kön­nen sich die­se ab­sur­den Miet­prei­se in der Ci­ty längst nicht mehr leis­ten. Und die kor­rup­ten Ge­bäu­d­e­inha­ber neh­men lie­ber Leer­stän­de in Kauf, als ei­nen We­ni­gerZah­ler ei­nen schö­nen La­den füh­ren zu las­sen. Klar, den Leer­stand kann man ja auch steu­er­lich ab­set­zen.

Und wir Dep­pen star­ren auf häss­lich zu­pla­ka­tier­te Fens­ter­fron­ten …

Und was macht der Be­sit­zer des klei­nen Schreib­wa­ren­la­dens? Der muss­te nach vie­len Jah­ren auf­ge­ben, ver­schleu­der­te sei­ne Wa­ren im Aus­ver­kauf zu Dis­coun­ter­prei­sen und sucht jetzt ne­ben uns im Kauf­haus nach Ge­schenk­pa­pier. Wenn es dort bald kei­nes mehr gibt, be­stel­len wir al­le im In­ter­net. Und ir­gend­wann be­nö­ti­gen wir spe­zi­el­le Stra­ßen für die Lie­fer­wa­gen der Pa­ket­bo­ten. Ich emp­feh­le da­für die Fuß­gän­ger­zo­ne … •

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