Schick­sal

Ka­rin, 70, hat end­lich ih­ren leib­li­chen Va­ter ge­fun­den

Meins - - Inhalt - VON JA­RA TIE­DE­MANN

Ka­rin ist ein ech­tes Nord­licht. Mit ih­rem Mann Pe­ter lebt sie in Cux­ha­ven an der Nord­see­küs­te. Hier ist sie ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Mit vier jün­ge­ren Ge­schwis­tern, ih­rer Mut­ter – und Va­ter Al­f­red, wie Ka­rin ihn nennt. „Wir hat­ten nie ein herz­li­ches Ver­hält­nis“, er­zählt sie. „Er hat mir im­mer nur Auf­ga­ben er­teilt.“Weil sie eben die Äl­tes­te war, ist da­mals ih­re Er­klä­rung. „Aber ich ha­be im­mer ge­spürt, dass ich an­ders bin als mei­ne Ge­schwis­ter. Ich sah auch an­ders aus.“

Was wirk­lich da­hin­ter­steckt, ahnt sie nicht.

Bis sie mit zehn Jah­ren ih­re Tan­te in Ham­burg be­sucht. „Ist dein Va­ter auch nett zu dir?“, fragt die. Und fügt hin­zu: „Denn er ist ja nicht dein rich­ti­ger Va­ter.“Ein Stich ins Herz! Ka­rin ist furcht­bar auf­ge­wühlt, kann es kaum er­war­ten, ih­re Mut­ter zu fra­gen, ob das wahr ist. Doch die­se wie­gelt nur ab. „Da hast du was falsch ver­stan­den.“Und lässt Ka­rin mit ih­ren Zwei­feln al­lein. Sie na­gen im­mer wie­der an ihr, doch Ka­rin schiebt sie bei­sei­te.

Mit Ka­rins Hoch­zeit 1964 kommt der St­ein wie­der ins Rol­len. „Im Stamm­buch war der Na­me mei­nes Va­ters ge­stri­chelt. Da­mit hat­te ich den Be­weis. Ich war stink­sau­er auf mei­ne Mut­ter, wü­tend und ent­täuscht. Das war ein ab­so­lu­ter Ver­trau­ens­bruch.“Ka­rin bohrt nach. Aber be­kommt nur so viel her­aus, dass ih­re Mut­ter ih­ren Va­ter in Bär­wal­de – das liegt heu­te in Po­len – ken­nen­ge­lernt hat­te …

Erst vor 13 Jah­ren dann schafft es Ka­rins Tan­te, ih­re Schwes­ter zum Re­den zu be­we­gen. End­lich er­fährt Ka­rin die gan­ze Wahr­heit. Der Krieg hat­te ih­re El­tern ge­trennt, weil ih­re Mut­ter 1945 ver­trie­ben wur­de. Dass sie da schon schwan­ger war, wag­te sie nie­man­dem zu er­zäh­len. Auch ih­ren El­tern konn­te sie sich nicht an­ver­trau­en. „Das war ja ein furcht­ba­rer Ma­kel, so oh­ne Mann. Mei­ne Groß­el­tern ver­mu­te­ten, ich sei ein Ver­ge­wal­ti­gungs­kind. Ein gro­ßes Wirr­warr, nur weil nie­mand of­fen ge­spro­chen hat“, er­zählt Ka­rin. Und dann über­reicht ih­re Mut­ter ihr ei­nen klei­nen, ver­bli­che­nen Zet­tel – dar­auf ste­hen Na­men und Adres­se ih­res wah­ren Pa­pas. „Den hat­te sie an­geb­lich in ei­ner al­ten Geld­bör­se ge­fun­den“, sagt Ka­rin au­gen­zwin­kernd. Aber egal, jetzt weiß sie we­nigs­tens, wir ihr Pa­pa heißt: Ze­non!

Dann geht al­les ganz schnell. Ih­re Freun­din Irm­hild, die Pol­nisch spricht, ruft im Rat­haus von Bär­wal­de an. Kei­ne zwei St­un­den spä­ter hat sie ihn tat­säch­lich am Te­le­fon. „Er war sprach­los und hat di­rekt ei­ne Herz­at­ta­cke be­kom­men, er hat­te kei­ne Ah­nung, dass er ei­ne Toch­ter hat“, er­zählt Ka­rin.

Sie will ihn un­be­dingt se­hen.

Auch ih­re Mut­ter ist ganz be­wegt – als sei ein Bann ge­bro­chen. Sie zeich­net ei­nen Plan von Bär­wal­de, kann sich noch an je­des De­tail der al­ten Hei­mat er­in­nern. Ka­rin spürt, dass sie gern mit­fah­ren möch­te, aber sie wagt nicht,

Ein gro­ßes Wirr­warr, nur weil nie­mand of­fen sprach

di­rekt zu fra­gen. Heu­te glaubt sie, dass Ze­non die gro­ße Lie­be ih­rer Mut­ter war. Hät­te sie sonst so lan­ge den Zet­tel mit sei­nem Na­men auf­be­wahrt?

Im Mai 2004 steht Ka­rin mit ih­rem Mann vor Ze­n­ons Haus. Un­an­ge­mel­det. Sie weiß in­zwi­schen, dass sei­ne Frau den Kon­takt nicht bil­ligt. „Ich war so was von auf­ge­regt.“Aber es ist nie­mand da. Ei­ne Nach­ba­rin weiß, dass Ze­non auf Kur ist, und gibt ihr die Adres­se.

Und dann ist es so weit: Va­ter und Toch­ter ste­hen sich nach 57 Jah­ren end­lich ge­gen­über. Ein über­wäl­ti­gen­der Au­gen­blick! „Das war un­be­schreib­lich. Wir konn­ten es bei­de gar nicht fas­sen“, er­zählt Ka­rin. „Die­se Ähn­lich­keit. Er hat so­fort ge­sagt: ,Ja, du bist mei­ne Toch­ter.‘ Dass er da­zu steht, das lag mir am Her­zen.“

Ka­rin möch­te al­les von ihm wis­sen, was er be­ruf­lich ge­macht hat, ob er Kin­der hat, wie er sein Le­ben ge­stal­tet; Ze­non fragt nach ih­ren Kin­dern. Nur ei­ne St­un­de Be­suchs­zeit ha­ben die bei­den zum Re­den, Irm­hild ist als Dol­met­sche­rin da­bei. „Ich hät­te gern noch mehr Zeit mit ihm ver­bracht, um zu se­hen, wel­che Ge­mein­sam­kei­ten wir ha­ben. Aber auch so war es ei­ne wun­der­ba­re Be­geg­nung“, sagt Ka­rin.

Ze­non ver­spricht, mit sei­ner Frau zu re­den. Auch er möch­te den Kon­takt zu sei­ner Toch­ter auf­recht­er­hal­ten – doch er hat nicht die Kraft, sich durch­zu­set­zen. Ka­rins Halb­brü­der Ro­bert und André, die sie spä­ter ken­nen­lernt, hät­ten nichts da­ge­gen, aber Ze­n­ons Frau sperrt sich ei­sern.

Vor drei Jah­ren starb Ze­non, oh­ne dass sie ihn noch mal ge­se­hen hat. Ist es nicht bit­ter, den Pa­pa gleich wie­der zu ver­lie­ren, kaum dass sie ihn ge­fun­den hat? Da denkt Ka­rin po­si­tiv: „Dass ich ihn vor­her ge­fun­den ha­be, ist für mich ein gro­ßes Glück. Ich bin un­heim­lich stolz, dass ich das ge­schafft ha­be, und dank­bar für die vie­len Men­schen, die mir da­bei ge­hol­fen ha­ben. Nun weiß ich end­lich, wo mei­ne Wur­zeln lie­gen.“

Mit ih­rer Ge­schich­te will sie jetzt auch an­de­ren Frau­en Mut ma­chen: „Bohrt nach und gebt die Hoff­nung nicht auf!“Für ein Hap­py End ist es schließ­lich nie zu spät. •

zu­frie­den Heu­te weiß Ka­rin, wer ihr leib­li­cher Va­ter ist – dank ih­rer Hart­nä­ckig­keit

un­ver­kenn­ba­re Ähn­lich­keit Das ver­rät Pa­pas Fo­to aus jun­gen Jah­ren auf den ers­ten Blick

er­in­ne­run­gen Mit Re­dak­teu­rin Ja­ra schaut sie sich die Bil­der vom Be­such in Bär­wal­de an

end­lich ver­eint! Ka­rin 2004 mit ih­rem Va­ter in Po­len. Ein auf­re­gen­der Tag – für bei­de

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